Anne-Barbara Kern https://hochsensibelsein.de Hochsensibilität ganzheitlich leben Mon, 14 Nov 2022 09:59:17 +0000 de-DE hourly 1 https://hochsensibelsein.de/wp-content/uploads/2017/11/cropped-Blumenlogo-Icon3-1-32x32.jpg Anne-Barbara Kern https://hochsensibelsein.de 32 32 Hochsensibel? So klappt es mit dem Online-Dating https://hochsensibelsein.de/online-dating/ https://hochsensibelsein.de/online-dating/#respond Wed, 12 Oct 2022 15:57:33 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=30306 Weiterlesen →]]> YouTube Video

 

 

Der Psychologe Dr. Guido F. Gebauer ist Autor des Buches A Perfect Match?: Online-Partnersuche aus psychologischer Sicht. Hier noch eine schriftliche Zusammenfassung der wertvollen Tipps, die er im Interview gibt:

Ist es durch das Internet leichter geworden, (Ehe-) Partner bzw. Lebensgefährten zu finden?

Anne-Barbara:

Lieber Guido, 40% aller Partnerschaften werden heutzutage über das Internet geschlossen. Heißt das, dass man sein Liebesglück durch die Möglichkeiten des Internets heutzutage leichter findet?

Guido:

Man könnte meinen, die Partnersuche sei heute leichter als je zuvor. Doch es ergibt sich ein anderes Bild: Die Anzahl der Singles ist tatsächlich so hoch wie nie zuvor, obwohl die Mehrzahl der Singles sich weiterhin eine Partnerschaft wünscht. Für 93% aller ist es das wichtigste Lebensziel, eine Partnerschaft zu finden.

  • Erstens ist die Offline-Partnersuche schwerer geworden, weil die Suchenden so auf das Internet fixiert sind. Dadurch hat die Rolle der früheren Match-Maker, wie Freundeskreis, berufliches Umfeld, Freizeitbereich stark abgenommen.
  • Der zweite Grund ist, dass es eine Reihe von Suchenden gibt, die Schwierigkeiten damit haben, aus den zahlreichen Kontakten den herauszufinden, mit dem tatsächlich eine Partnerschaft entstehen kann.
  • Und drittens sind wir alle ein wenig selbstbezogener geworden und auch das führt dazu, dass mehr Leute Single bleiben.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Online- und Offline-Kennenlernen von Paaren?

Es gibt einen wesentlichen Hauptunterschied bei der ersten Begegnung, die offline stattfindet. Paare, die sich über das Internet kennenlernen, wissen bei der ersten Begegnung viel mehr übereinander. Die meisten Offline-Beziehungen entstehen über Zufallsbegegnungen. So entsteht der erste Sympathie-Eindruck beim Offline-Kennenlernen sehr stark über äußerliche Anziehung.

Bei Leuten, die sich online kennengelernt haben, spielt zwar das Aussehen über das Profilfoto ebenfalls eine große Rolle. Doch danach erfolgt ein Austausch über Textnachrichten, Telefongespräche und evtl. sogar Videotelefonie. Dies ist einerseits ein Vorteil, kann sich aber auch nachteilig auswirken, weil die Spontaneität heraus ist und das erste Treffen dann schwieriger werden kann.

Das Ausmaß an Zufriedenheit und Stabilität, das Online- und Offline-Paare erreichen, ist hingegen bei beiden Formen ungefähr gleich.

Für wen ist Online-Dating geeignet und wer sollte lieber die Finger davon lassen?

  • Geeignet ist die Partnersuche im Internet vor allem für Leute, die sich wirklich klar darüber sind, dass sie eine Beziehung suchen und die auch schon wissen, wie diese Beziehung und auch die andere Person sein könnte.
  • Abzuraten von der Online-Partnersuche ist denjenigen, die sich überhaupt noch nicht im Klaren sind, ob sie eine Beziehung wollen und welche Form von Beziehung die richtige ist. Diese Personen, die es unter Singles übrigens häufig gibt, sollten sich lieber durch den weiteren Verlauf des Lebens anregen und überraschen lassen. Dann können sie gegebenenfalls später immer noch zur online-Partnersuche zurückkehren.

Grundsätzlich muss man aber sagen, dass die online-Partnersuche immer stärker beginnt, der dominante Weg der Partnersuche an sich zu werden, sodass es dazu immer weniger Alternativen für Menschen aller Geschlechter, Altersklassen und Bildungsgrade gibt, sogar bei der Partnersuche ab 50 bis über 70. Eben auch, weil immer weniger Menschen offline dazu bereit sind, sich auf ein partnerschaftliches Kennenlernen einzulassen.

Welche Möglichkeiten der Online-Partnersuche gibt es und was sind die Unterschiede zwischen den Portalen?

Ganz grob unterscheiden können wir zwischen Dating Apps, Single-Börsen und Partnervermittlungen:

Dating-Apps
  • z.B. das sehr bekannte Tinder
  • laufen meist auf Mobilgeräten
  • Es werden einem Personen rein anhand des Fotos (nur mit einem kurzen Text) vorgestellt. Die Auswahl wird schnell anhand des Fotos getroffen. Dann können die Leute durch Kurznachrichten miteinander in Kontakt treten und sich ggf. verabreden.
  • Das liegt eher Leuten, die nach kürzeren Kontakten suchen und das könnte auch den Männerüberschuss dort erklären. Auch finden sich deshalb dort mehr jüngere und weniger ältere Leute über 50.
Single-Börsen
  • sind im Grunde etwas ähnliches wie ein Anzeigenportal im Internet
  • Dort kann man einfach frei in den Profilen scrollen und mit den Menschen, die einen interessieren, in Kontakt treten.
Partner-Vermittlungen
  • haben den Anspruch, dass sie Menschen einander vorstellen wollen, die von ihren Lebensprinzipien und Partnerschaftsvorstellungen zueinander passen.
  • Potenzielle Partner*innen werden einander nach bestimmten psychischen Merkmalen vorgeschlagen und können sich dann kontaktieren und kennenlernen. Bei den Partnervermittlungen ist der Kontakt also wesentlich selektiver als bei den Single-Börsen.
  • Das ist auch der Grund, warum man in Partnervermittlungen wie z.B. Gleichklang mehr Leute findet, die tatsächlich nach langfristigen Beziehungen suchen, während die Motivbasis bei den Dating-Apps und Single-Börsen häufig sehr heterogen ist.

Was sind die größten Fehler, die man bei der Partnersuche im Internet machen kann?

Ein Fehler, der relativ oft vorkommt, ist der eines Mangels an Geduld. Angesichts der unwahrscheinlich hohen Kontaktmöglichkeiten heutzutage und dessen, was die Werbung vermittelt, erwarten die Leute dann: “Jetzt starte ich die Partnersuche und dann habe ich aber auch schon in kurzer Zeit eine Beziehung.” Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Partnerschaft ist etwas sehr wichtiges im Leben, dafür lohnt es sich auch, Zeit zu investieren. Man sollte also davon ausgehen, innerhalb von zwei Jahren erfolgreich zu sein. Mit dieser Einstellung an die Online-Partnersuche heranzugehen ist sehr hilfreich. Geduld ist ausgesprochen wichtig, ein Mangel daran führt dazu, dass die Leute vorzeitig abbrechen. Und das wäre ausgesprochen schade, denn es lohnt sich in der Regel sehr, durchzuhalten!

Ein zweiter Fehler ist die Vorstellung, ich muss mich hier jetzt bewerben und muss mich ganz besonders positiv und attraktiv darstellen. Dabei wird dann womöglich noch ein wenig beim Alter, bei der Körpergröße und was man für Beziehungsvorstellungen hat geschummelt. Dies ist aber überhaupt nicht zielführend. Wenn ich wirklich eine Partnerschaft finden will, fallen solche Schummeleien meist schon beim ersten Treffen auf. Studien zeigen, dass selbst geringstmögliche Abweichungen von der Wahrheit von Teilnehmenden am Online-Dating sehr negativ bewertet werden und wirklich das Interesse an einer weiteren Beziehungsentwicklung sinkt. Unehrlichkeit beim Online-Dating ist also ein zentraler Fehler.

Ein dritter Fehler, der übrigens bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern, ist, zu stark abzuwarten. “Ich will gefunden werden” statt selbst jemanden mit einem interessanten Profil anzuschreiben und selbst ein Treffen vorzuschlagen…

Ein weiterer Fehler ist ganz anderer Art ist die Erwartung, dass gleich zu Anfang ganz große Gefühle und Schmetterlinge im Bauch vorhanden sein müssen. Das ist ein Teenager-Modell der Entstehung von Beziehungen. Das trifft auf viele später geschlossene Partnerschaften gar nicht zu. Bei ungefähr 50% unserer Gleichklang-Paare ist es so gewesen, dass am Anfang “nur” eine Sympathie da war, die sich dann bei weiteren Begegnungen in Vertrauen und Liebe vertieft hat. Es ist also ein Fehler, sich zu stark auf leidenschaftliche Romantik festzulegen, weil dadurch der Weg zu einer ruhigeren, aber genauso tiefen Beziehungsentwicklung blockiert wird.

Worauf sollte man beim Online-Dating unbedingt achten?

Wir wollen ja jemanden finden, der uns so liebt, wie wir sind. Das können wir nur dann, wenn wir uns auch so vorstellen, wie wir sind. Deshalb ist auch von professionellen Fotos abzuraten, die extra so gemacht wurden, dass sie besonders ansprechend und attraktiv sind. Es ist völlig ausreichend, auf Selfies oder Schnappschüsse von Freunden zurückzugreifen. Man sollte ein Foto auswählen, bei dem einem Freund*innen sagen: “Ja, so siehst du aus!” Nur, wenn man sich authentisch zeigt und eine Vertrauensbasis aufbaut, gerät man an die richtigen Menschen.

Eigeninitiative zeigen – darauf war ich auch schon eingegangen – nicht abwarten, auf interessante Menschen zugehen und immer zeitnah antworten. Das erste Treffen nicht allzu lange verschieben, sonst schläft die Sache ein oder die andere Person denkt, es besteht Desinteresse und sie wendet sich neuen Kontakten zu.

Wenn man bei einem Treffen eine Sympathie, eine Zuneigung verspürt, ist es wichtig, dies auch unmittelbar zum Ausdruck zu bringen. Nach dem ersten Treffen sollte man sich, wenn es gut gelaufen ist, so schnell wie möglich neu verabreden. Das fördert die Beziehungsentstehung.

Menschen, die selbstunsicherer sind und denen es nicht leicht fällt, ihre Zuneigung zu zeigen, sollten schon online sagen, dass dem so ist. Dann kommt dies eher sympathisch herüber und es gibt keine Missverständnisse, dass die andere Person denkt, man wäre nicht interessiert oder gar arrogant. Wenn man einfach sagt, wie es ist, lässt sich damit wesentlich leichter umgehen.

Was auch noch sehr wichtig ist: Ab dem Moment, wo sich ein Kontakt vertieft, wo die Möglichkeit einer Beziehungsentstehung sichtbar wird, sollte niemand mehr mehrgleisig fahren. Andere Kontakte und auch neue Vorschläge in diesem Fall erst einmal aussetzen! Nur so kann eine Konzentration auf diesen Kontakt erfolgen und der Beziehungsentstehung eine Chance gegeben werden. Mehrgleisigkeit vermeiden, nicht weiter auf einen “besseren” Vorschlag warten und den Mut haben, “Ja!” zu dieser Beziehung zu sagen! Dann ist es Zeit, die Online-Partnersuche zu beenden und in den Beziehungsaufbau einzusteigen.

Anne-Barbara:

Lieber Guido, ich danke dir für diese umfassenden Informationen zur Partnersuche im Netz! Dir, liebe*r Leser*in, danke ich für dein Interesse und wünsche dir, dass du mithilfe dieser Tipps bald dein Liebesglück findest…

 

 

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Hochsensibel? 90 Symptome, die du unbedingt kennen solltest https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-symptome/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-symptome/#comments Thu, 01 Sep 2022 10:30:01 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=30022 Weiterlesen →]]> Wenn ich hochsensibel bin – welche Symptome sind damit verbunden? Diese Frage wird mir häufig gestellt und es ist eine wichtige Frage! Denn, je besser du weißt, welche deiner Eigenschaften mit Hochsensibilität zu tun haben, umso besser kannst du dich selbst verstehen und dich so annehmen, wie du bist. In meinen Kursen und Coachings fällt mir immer wieder auf, dass den Hochsensiblen bei vielem, was sie an sich selbst wahrnehmen, nicht bewusst ist, dass dies mit ihrer Veranlagung zu tun hat. Dann gibt es immer ein großes “Hallo” – ach, auch das ist ein Anzeichen der Hochsensibilität? Diese Erkenntnisse haben sich für die Betroffenen als enorm hilfreich erwiesen, da sie das, was in ihnen vor sich geht, viel besser einordnen können. Daraufhin stellen sie dann fest, dass sie einfach nur “ganz normal hochsensibel” sind und nicht irgendwie seltsam oder verrückt… Deshalb werde ich in diesem Blog-Artikel einmal alle Symptome, die mir in meiner langjährigen Berufserfahrung als Coach für hochsensible Menschen (seit 2012) begegnet sind, auflisten, um sie für jede*n zugänglich zu machen.

Achtung: Diese Liste ist auf Vollständigkeit bedacht und umfasst das, was mir in den letzten 10 Jahren begegnet ist. Natürlich heißt das nicht, dass du all diese Symptome aufweisen wirst. Hochsensibilität kann sich individuell sehr unterschiedlich ausprägen: Z.B. sind viele Hochensible Personen (in der Folge abgekürzt mit HSP) sehr lärmempfindlich, während ich aber auch welche kenne, die ohne Gehörschutz auf Heavy-Metal-Konzerte gehen. Es geht hier vielmehr darum, dass du deine besonderen Eigenarten wiederfindest und ein Gefühl für deine persönliche Ausprägung der Hochsensibilität bekommst.

Die 4 Grund-Symptome der Hochsensibilität

Dr. Elaine N. Aron, Begründerin der Hochsensibilitätsforschung, hat ein sehr nützliches Modell entwickelt, das die grundsätzlichen Charakteristika hochsensibler Menschen beschreibt. Es nennt sich “DOES”-Modell und verweist auf folgende Schlüsselsymptome sensibler Menschen:

Das DOES-Modell von Elaine N. Aron

D depth of processing Verarbeitungstiefe
O overstimulation Überstimulation
E emotional reactivity and empathy emotionale Reaktionsfähigkeit und Empathie
S sensing the subtle Erfühlen des Subtilen, Feinfühligkeit

Die neuere Hirnforschung bestätigt Arons DOES-Modell (s. Quellenangaben unten): Vieles deutet darauf hin, dass hochsensible Menschen mehr Botenstoffe im Gehirn bilden. Dadurch arbeitet ihr Gehirn aktiver. Die Reizschwelle sinkt, wodurch mehr Informationen ins Bewusstsein vordringen und auch noch sehr subtile Dinge empfunden werden können. Dies kann dann zu Überstimulation (auch Reizüberflutung oder Überreizung genannt) führen, einfach, weil die Festplatte hochsensibler Menschen dadurch schneller voll ist.

Das Mehr an Botenstoffen führt sowohl im Denken als auch im Fühlen zu einer erhöhten Gehirnaktivität: Die Verarbeitungstiefe von Informationen ist erhöht, ebenso das Fühlen, die Emotionalität. Wer mehr Informationen über andere hat und dabei viel fühlt, ist natürlich in der Folge auch besonders empathisch.

Die weiteren Symptome der Hochsensibilität lassen sich gut aus diesem grundlegenden DOES-Modell ableiten bzw. dadurch erklären.

Hochsensibel, hochsensitiv oder hypersensibel?

Oft ist unklar, ob sich die Symptome der Hochsensibilität von denen der Hochsensitivität unterscheiden. Das liegt daran, dass beide Begriffe schwer voneinander abzugrenzen sind. Meist werden “hochsensibel” und “hochsensitiv” jedoch einfach als Synonyme verwendet.

Doch einige Autor*innen schreiben “Hochsensibilität” und “Hochsensitivität” auch unterschiedliche Symptome, Eigenschaften und Anzeichen zu. Als hochsensibel definieren diese Autor*innen Menschen, die gemäß der o.g. DOES-Symptome besonders sensibel sind. Hochsensitivität wird so definiert, dass als zusätzliche Symptome noch Vorahnungen, außersinnliche Wahrnehmungen, Hellsehen, Aura-Sehen und weitere PSI-Fähigkeiten dazukommen.

Ich persönlich wüsste nicht, wo genau ich die Grenze zwischen Hochsensibilität und Hochsensitivität ziehen sollte. Die meisten Hochsensiblen haben durchaus Erlebnisse, die vom Verstand her nicht erklärbar sind. Sie träumen z.B. bestimmte Ereignisse voraus, haben das Gefühl, in Kontakt mit Verstorbenen zu sein oder erinnern sich an frühere Leben. Natürlich ist das bei manchen stärker, bei manchen schwächer ausgeprägt. Ich ziehe es vor, beides synonym zu verwenden.

Sind HSP hyper-sensibel? Oft wird auch der Begriff der Hypersensibilität als Synonym zur Hochsensibilität verwendet. Doch ich denke nicht, dass Hochsensible “zu sensibel” oder “übersensibel” sind und verwende deshalb den Begriff der Hypersensibilität nicht.

Hochsensibel? Die körperlichen Symptome

Hochsensibilität ist also die Folge einer genetischen Veranlagung, die unser Gehirn aktiver macht, mit allen Vor- und Nachteilen, die dies mit sich bringt. Es handelt sich dabei also nicht um eine rein psychische Angelegenheit, sondern es liegen handfeste körperliche Ursachen vor.

Deswegen beschränkt sich Hochsensibilität auch nicht auf die Psyche, sondern führt ebenfalls zu körperlichen Symptomen. Denn auch die Körperwahrnehmung und die körperliche Empfindsamkeit sind bei sensiblen Menschen erhöht.

Körperliche Symptome der Hochsensibilität
  • Geräuschempfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit
  • Hyperakusis
  • Lichtempfindlichkeit
  • Stoffe kratzen auf der Haut, Etiketten müssen aus der Kleidung geschnitten werden
  • Berührungsempfindlichkeit
  • Geruchsempfindlichkeit, besonders gegen künstliche Duftstoffe
  • Unverträglichkeiten bestimmter Nahrungsmittel (Gluten- und Histamin-Sensitivität, Lactose-Intoleranz etc.)
  • Neigung zu Allergien
  • Reizmagen, Reizdarm
  • Schmerzen werden oft stärker empfunden (Schmerzempfindlichkeit).
  • Medikamentenunverträglichkeit oder dass bei Hochsensibilität Medikamente niedriger dosiert werden müssen
  • Hochsensible vertragen Alkohol und Kaffee oftmals schlechter.
  • 80% aller HSP leiden unter Migräne oder hatten zumindest bereits ein paar Migräne-Anfälle: dazu mein Blog-Artikel Hochsensibilitätsgen von der Migräneforschung gefunden?
  • Hunger wird als unerträglich empfunden
  • Starke Körperwahrnehmungen, die andere nicht haben: Z.B. von Herzschlag, Blutdruck etc.

Emotionale Hochsensibilität

Alles, was wir fühlen, wird über unseren Botenstoffwechsel im Gehirn vermittelt. Ein erhöhter Botenstoffwechsel führt deswegen auch zu einer erhöhten Emotionalität, im Positiven wie im Negativen. Wir sind also auch emotional sehr sensibel! Im DOES-Modell von Elaine N. Aron wird dies durch das E beschrieben, unsere emotionale Reaktionsfähigkeit.

So kann bei feinfühligen Menschen das Gänseblümchen am Wegrand schon größte Freude hervorrufen, während der sterbende Käfer daneben uns zu Tränen rührt. Insgesamt verfügen wir also über eine hohe emotionale Beweglichkeit! Hier die emotionalen Symptome:

Emotionale Symptome der Hochsensibilität
  • Gefühle werden tiefer empfunden, sowohl die angenehmen als auch die unangenehmen.
  • HSP werden oft von ihren Gefühlen überwältigt! Manche beklagen sogar, sie würden zu viel fühlen. Oft wird Hochsensiblen auch eine emotionale Überempfindlichkeit (Überemotionalität) vorgeworfen. Doch das ist falsch! Wer sagt denn, wir seien “zu sensibel”? Vielleicht sind ja die anderen zu wenig sensibel! Lass dich also von solchen Aussagen nicht verunsichern. Es ist wunderbar, wenn du gefühlvoll bist!
  • hohe emotionale Beweglichkeit bis hin zu Stimmungsschwankungen
  • nah am Wasser gebaut – viele feinfühlige Menschen weinen schnell und leicht
  • Krimis, Thriller, Horrorfilme und schlechte Nachrichten im TV werden von Hochsensiblen oft schlecht vertragen. Sollte das bei dir der Fall sein, meide solche Sendungen!
  • Neigung zu Aufregung im Positiven wie im Negativen
  • erhöhte Verletzlichkeit; s. dazu meinen Blog-Artikel Hochsensibilität und Verletzlichkeit
  • starkes Wahrnehmen von Stimmungen
  • fühlen, was andere fühlen
  • Unter Stress kann es bei bestimmten Hochsensiblen (auch bei Erwachsenen!) zu Wutanfällen  und Aggressionen kommen, zu Ausrastern, die sie hinterher bereuen.
  • Bei anderen hochsensiblen Personen kann es auch zu gehemmter Aggression kommen, sodass sie sich zu wenig wehren und abgrenzen; s. meinen Blog-Artikel Hochsensibilität, Abgrenzung und Aggression
  • Viele HSP haben eine erhöhte Intuition mit Vorahnungen bis hin zu hellsichtigen Momenten.
  • Aufgrund der erhöhten Emotionalität besteht eine Neigung, Dinge persönlich zu nehmen und die Schuld bei sich zu suchen; dazu mein Blog-Artikel Hochsensibel? In drei Schritten aus der Opferrolle!
  • Fehler und Unstimmigkeiten werden stärker empfunden und deutlicher wahrgenommen. Dies führt zu einem gewissen Perfektionismus; dazu mein Blog-Artikel Hochsensibilität und Perfektionismus

Reizüberflutung und erhöhte Stressanfälligkeit

Unsere erniedrigte Reizschwelle führt dazu, dass wir weniger Information ausfiltern und mehr davon in unserem Bewusstsein landet. Das ist einerseits ein Vorteil, denn dadurch wissen und empfinden zartbesaitete Menschen mehr als andere.

Doch andererseits ist diese Reizempfindlichkeit auch ein Nachteil, denn wir neigen deswegen stärker als der Bevölkerungsdurchschnitt dazu, in Zustände der Reizüberflutung zu geraten. Das führt zu Stress. Während viele andere Symptome auch angenehm sein können oder sogar als Gabe zu sehen sind, ist unsere erhöhte Stressanfälligkeit das Hauptproblem hochsensibler Menschen. Hier die wichtigsten Symptome der Überreizung:

Symptome der Reizüberflutung und der erhöhten Stressanfälligkeit
  • HSP fühlen sich schneller überfordert, gestresst und/oder genervt
  • Müdigkeit, Erschöpfung, Abgeschlagenheit
  • Überforderung im Alltag
  • Große Gruppen und Feste überfordern, weil dort die Reizüberflutung schneller einsetzt
  • Oft bleibt kaum noch Kraft für Freizeitaktivitäten.
  • Vermeidungsverhalten aus Sorge, etwas könnte zu viel werden
  • innere Unruhe
  • Ab einem gewissen Stresslevel kann es bei Hochsensiblen zu Ängsten bis hin zu Panikattacken und Angststörungen kommen.
  • Stress führt zu körperlichen Symptomen wie Verdauungsproblemen, Herzrasen, etc.
  • Dinge, die eben noch Freude bereitet haben, werden plötzlich zu viel.
  • Auch plötzlich auftretende Konzentrationsschwierigkeiten können ein Hinweis auf Reizüberflutung sein.
  • Aufgrund ihrer größeren Stressanfälligkeit haben Hochsensible ein erhöhtes Risiko für Krankheiten wie Burnout, Depression, Herzkreislauf- und weitere stressbedingte Erkrankungen.

Wenn du dich in diesen Kennzeichen der Hochsensibilität besonders wiederfindest, würde ich dir dringend raten, etwas dagegen zu unternehmen! Denn ein Leben im Dauerstress kann auf lange Sicht sehr ungesund für dich werden. Ich erlebe dies immer wieder bei meinen älteren Klient*innen, die erst spät von ihrer Veranlagung erfahren und sich teils jahrzehntelang überfordert haben. Da entwickelt sich dann alles mögliche, von Burnout über Herzerkrankungen bis hin zu Krebs.

Deswegen würde ich dir unbedingt raten, meinen gratis Online-Kurs “70% weniger Stress in 2 Wochen” zu machen! Dort findest du Lösungen für unsere erhöhte Stressanfälligkeit, das Hauptproblem hochsensibler Menschen. Ich gebe dir ein solides Starter-Kit mit, um mit deiner Hochsensibilität gesund zu leben:

Symptome der mentalen Hochsensibilität

In Elaine N. Arons DOES-Modell sind wir hier beim D wie “depth of processing”: Hochsensible Personen verarbeiten Informationen gründlicher und tiefgehender als der Bevölkerungsdurchschnitt. Sie sind dadurch in der Lage, vorausschauender und nachhaltiger zu denken.

Diese mentale Hochsensibilität ist eindeutig eine unserer großen Qualitäten! Doch oftmals werden wir mit unseren Gedanken dann nicht verstanden, oder wir bekommen vorgehalten, wir würden “zu viel” denken. Doch ich glaube nicht, dass die Welt daran krankt, dass Menschen zu viel nachgedacht haben! Es loht sich also, dich mit deinen guten und nachhaltigen Ideen auch durchzusetzen. Wie du das schaffst, erfährst du in meinem Blog Artikel Hochsensibel? So behauptest du dich mit deinen guten Ideen!

Hochsensible Merkmale des Denkens und der erhöhten Verarbeitungstiefe
  • HSP brauchen länger, bis sie etwas gründlich durchgedacht haben. Deswegen fällt ihnen oft erst im Nachhinein ein, was sie hätten sagen sollen. Die Lösung: Sag es einfach im Nachhinein trotzdem noch!
  • Empfindsame Menschen haben ein großes Bedürfnis danach, Dingen auf den Grund zu gehen und sie wirklich bis in die Tiefe zu verstehen. Nimm dir die Zeit dafür und lass dir das nicht ausreden, auch wenn das für andere unbequem sein mag!
  • Die Kehrseite der Medaille ist, dass HSP auch dazu neigen, ins Grübeln zu geraten und sich zu viele Sorgen zu machen. Das Gedankenkarussell will dann nicht mehr aufhören, sich zu drehen. Wir kommen nicht zur Ruhe und überfordern uns weiter. Mehr dazu in meinem Blog-Artikel Hochsensibel? In 5 Schritten aus der Grübel-Falle!
  • Es kann auch vorkommen, dass wir zu viel auf einmal im Kopf haben und dann den Blick für das Wesentliche verlieren.

Symptome der gesteigerten Empathie

Im DOES-Modell sind wir hier beim E wie hohe Empathie. Denn dadurch, dass hochsensible Menschen mehr von anderen mitbekommen und emotional stärker darauf reagieren, sind viele von ihnen hochempathisch.

Auch dieses Kriterium der Hochsensibilität ist eindeutig eine unserer großen Qualitäten! Wir dürfen es nur damit nicht übertreiben und uns gar ausnutzen lassen.

Symptome der hohen Empathie
  • überdurchschnittlich große Hilfsbereitschaft
  • Der große Gerechtigkeitssinn hochsensibler Menschen ist legendär und ist sicher eine Folge der hohen Empathie.
  • große Gewissenhaftigkeit, da HSP stets das Große Ganze im Blick haben und sich der Auswirkungen ihrer Handlungen bewusst sind
  • Die Empathie kann bei feinfühligen Menschen so stark ausgeprägt sein, dass sie geradezu schmerzhaft ist und als zu viel empfunden wird.
  • Viele HSP neigen dazu, sich ausnutzen zu lassen, weil sie aus Empathie bereit dazu sind, große Opfer zu bringen.
  • Hochsensible Persönlichkeiten haben eine erhöhte Neigung, ein Helfersyndrom zu entwickeln.
  • Zartbesaitete nehmen mehr Unglück und Probleme der Welt wahr als der Bevölkerungsdurchschnitt. Übernehmen sie für all das auch die Verantwortung, werden sie zu “Weltenrettern”, die sich heillos überfordern. Mache dir bitte klar, dass du nicht alles, was du an Schwierigkeiten wahrnimmst, auch in Ordnung bringen kannst!

Abgrenzung muss erst bewusst gelernt werden

Dadurch, dass HSP so empathisch sind und vieles wahrnehmen, was andere fühlen, können sie sich von Natur aus erst einmal nicht abgrenzen. Alle HSP, die ich in den letzten zehn Jahren kennengelernt habe, mussten Abgrenzung erst bewusst lernen!

Wie auch du Abgrenzung lernen kannst, erfährst du in meinem Blog-Artikel In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei Hochsensibilität.

Symptome fehlender Abgrenzung bei Hochsensibilität
  • Viele HSP können nur schlecht nein sagen und überfordern sich, indem sie sich zu viel aufladen.
  • Es fällt schwer, sich gegen Übergriffe zu wehren.
  • Viele Empfindsame neigen dazu, sich in Gegenwart anderer oder bestimmter Menschen selbst zu verlieren.
  • 80% aller HSP sind überangepasst: Sie bemühen sich darum, so zu funktionieren, wie es die Bevölkerungsmehrheit von ihnen zu erwarten scheint. Dies geht auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse!
  • Feinfühlige Menschen lassen sich leichter verunsichern und kommen dann von sich selber weg.
  • HSP müssen oft um ihre Selbstbestimmung ringen.
  • Hochsensible müssen sich ihren Selbstschutz meist erst bewusst aneignen.

Hochsensibilität und Selbstwertgefühl

Da hochsensible Menschen oftmals schon von Klein auf immer wieder vermittelt bekommen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, fällt es ihnen nicht leicht, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Wie dir das dennoch gelingen kann, erfährst du in meinem Blog-Artikel Hochsensibilität und Selbstwertgefühl.

Achte auf folgende Merkmale, denn sie können auf ein schlechtes Selbstwertgefühl hinweisen:

Indizien für ein schlechtes Selbstwertgefühl
  • HSP neigen dazu, sich selbst ständig zu hinterfragen, weil ihnen Fehler im allgemeinen und dadurch auch die eigenen Fehler stärker auffallen.
  • Viele lehnen ihre eigene Hochsensibilität ab.
  • Sie neigen dazu, Dinge zu tun, die ihnen schaden und die sie weiter in die Überforderung treiben.
  • Viele HSP fühlen sich unsicher.
  • Mangelnder Selbstschutz kann auch ein Symptom eines schlechten Selbstwertgefühls sein: Denn nur, wenn ich etwas wert bin, bin ich es auch wert, mich zu schützen.
  • Viele zartbesaitete haben das Gefühl, “anders” oder irgendwie “falsch” zu sein und nicht dazu zu gehören.
  • Intensive Schamgefühle
  • ein großer Rechtfertigungs- und Selbsterklärungsdruck, der nur dazu führt, dass man noch weniger verstanden wird
  • Ein schlechtes Selbstwertgefühl führt auch dazu, dass man sich aufgrund der Hochsensibilität benachteiligt fühlt: Man erkennt dann nur die Nachteile der eigenen Veranlagung, sieht aber deren Vorteile nicht.

Hochsensibilität in Beziehungen

Die Hochsensibilität bringt bestimmte Symptome mit sich, die auch die Art, wie Beziehungen geführt werden, bestimmen. An dieser Stelle kommen alle Punkte des DOES-Modells zum Tragen! Denn natürlich sind Verarbeitungstiefe, Reizüberflutung, Emotionalität, Empathie und Feinfühligkeit Eigenschaften, die sich stark auf das menschliche Miteinander auswirken.

Dennoch kann man Hochsensiblen keine bestimmten Charaktereigenschaften zuordnen. Wir sind grundverschieden und haben nur unsere erniedrigte Reizschwelle gemeinsam!

Hochsensibel? Verhalten von HSP in Beziehungen
  • HSP neigen dazu, eher wenige, dafür aber sehr tiefgehende Freundschaften zu pflegen.
  • Es besteht einerseits ein Bedürfnis nach totaler Nähe, Authentizität und Offenheit, andererseits brauchen hochsensible Menschen aber auch immer wieder Raum für Rückzug und Regeneration. Nur in der Ruhe finden sie wieder zu sich selbst und erholen sich von der Überstimulation. Diese beiden widersprüchlichen Bedürfnisse gilt es besonders in der Partnerschaft gut auszubalancieren!
  • Hochsensible Persönlichkeiten tendieren dazu, anderen Menschen sehr nah zu kommen. Oft wird dies als “zu nah” empfunden, besonders, wenn das Gegenüber nicht hochsensibel ist.
  • Aufgrund ihrer erhöhten Verletzlichkeit können Hochsensible auch Angst vor Nähe entwickeln und sich dafür entscheiden, lieber Single zu sein.
  • Wenn in Beziehungen ein Problem auftritt, haben hochsensible Menschen ein großes Bedürfnis danach, dies tiefgehend und umfassend zu klären. Damit bleiben sie oftmals unverstanden.
  • Manche HSP neigen dazu, aufgrund ihres großen Harmoniebedürfnisses Konflikten auszuweichen.
  • Andere wiederum sind aufgrund ihres hohen Gerechtigkeitssinns sehr streitbar.
  • Wenn das Selbstwertgefühl gelitten hat, können empfindsame Menschen ausgesprochen schüchtern sein.

Solltest du gerade zufällig auf der Suche nach gleichgesinnten Freund*innen oder Partner*innen sein, es gibt eine Partnervermittlung speziell für hochsensible Menschen:

Hochsensible im Beruf

Man kann nicht sagen, dass es bestimmte Berufe gibt, für die hochsensible Menschen besonders geeignet wären. Denn bis auf unsere erniedrigte Reizschwelle sind wir genauso verschieden wie alle anderen Menschen auch. Es sind eher bestimmte Qualitäten, die Hochsensible in ihre berufliche Aktivität einbringen. Außerdem haben sie aufgrund ihrer Stressanfälligkeit und der Neigung zu Reizüberflutung besondere Bedürfnisse, was ihren Arbeitsplatz betrifft.

Hochsensible: Eigenschaften im Beruf
  • Sensible Menschen sind gewissenhaft und detailgenau. Wo diese Qualitäten geschätzt werden, sind sie am richtigen Platz.
  • Hochsensible sind sehr gut darin, Fehler aufzuspüren. Deswegen fühlen sie sich in Unternehmen mit einer offenen Fehlerkultur wohl.
  • Da HSP vorausschauender und nachhaltiger denken, sollten sie auch diese Qualitäten beruflich einbringen können. Sie sichern ihrem Unternehmen so eine langfristige Perspektive.
  • Viele sehr sensible Menschen sind ausgesprochen kreativ, künstlerisch und musisch begabt. Diese Kreativität sollten sie beruflich in irgendeiner Form einbringen können.
  • Großraumbüros sind für zartbesaitete Menschen unerträglich. Sie leiden dort schrecklich unter Reizüberflutung.
  • Hochsensible sind qualitativ leistungsfähiger als andere, quantitativ aber weniger leistungsfähig. Das heißt, sie können oft Dinge schaffen, die andere gar nicht hinbekommen, benötigen dafür aber mehr Pausen.
  • Für viele HSP ist eine selbstständige Tätigkeit ideal, weil sie sich so die Bedingungen schaffen können, die sie brauchen. Ob das bei dir auch der Fall ist, erfährst du in meinem Blog-Artikel Hochsensibel – selbständig oder angestellt? Mache den Test!

Besondere Bedürfnisse hochsensibler Menschen

Aufgrund der DOES-Charakteristika ergeben sich für HSP einige besondere Bedürfnisse, die für ihre Gesundheit ausgesprochen wichtig sind. Denn ihre erhöhte Stressanfälligkeit kann sie sonst auf die Dauer krank machen.

Besondere Bedürfnisse bei Hochsensibilität
  • HSP benötigen mehr Pausen. Ihr Gehirn ist aktiver und muss sich deswegen öfter regenerieren.
  • Hochsensible Menschen brauchen ausreichend Zeit für sich, um wieder zu sich selbst zu kommen und ihre intensiven Eindrücke zu verarbeiten.
  • Viele empfindsame Menschen berichten auch über einen erhöhtes Schlafbedürfnis. Minimum sind 7 Stunden pro Nacht, es dürfen aber auch gern 8 oder mehr sein.
  • Regelmäßige Mahlzeiten mit ausreichend Protein helfen dem hochaktiven Gehirn dabei, den Botenstoffwechsel aufrecht zu erhalten. Mehr dazu in meinem Blog-Artikel 5 Bausteine einer gesunden Ernährung für hochsensible Menschen

Dein persönliches Hochsensibilitäts-Profil

Noch eine Anregung zum Abschluss: Erstelle dir doch einfach dein persönliches Hochsensibilitäts-Profil! Kopiere dir dazu alle Symptome, die auf dich zutreffen, in ein eigenes Dokument. So hast du eine Übersicht, wie dein Hochsensibel-Sein ausgeprägt ist.

Achte darauf, welche besonderen Bedürfnisse sich daraus ergeben und berücksichtige diese in deinem Alltag! So kannst du auch als “high sensitive person”, wie Elaine N. Aron uns nennt, ein glückliches und gesundes Leben führen.

Sollten dir noch weitere Merkmale, Anzeichen und Symptome der Hochsensibilität einfallen, schreib mir doch bitte einen Kommentar! Ich nehme das dann ggf. noch in den Artikel auf.

Und wenn du bestimmte Eigenschaften an dir entdeckst, die dir besonders auffallen, versuche doch einmal, das DOES-Modell darauf anzuwenden. Vielleicht findest du so heraus, dass auch dieses Anzeichen etwas mit deiner Hochsensibilität zu tun hat! So brauchst du nicht alles auswendig zu wissen, sondern kannst deine Hochsensibel-Symptome einfach selbst herleiten.

Über die Autorin

Dr. phil Anne-Barbara Kern
*1966; Vordiplom in BWL, danach Ausbildung zur Heilpraktikerin, in der Folge als Gesangslehrerin selbstständig. Später Studium der Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Philosophie, 2007 Promotion. Daraufhin als Kunsthistorikerin selbstständig, wobei sie immer mehr zur Beraterin und Streitschlichterin wurde. 2010 Studium der Mediation, in diesem Rahmen die Entdeckung ihrer Hochsensibilität. Danach Ausbildungen zum EFT-Coach und NLP Hypno-Coach. Ab 2012 immer mehr Coaching-Klient*innen; seit 2014 ausschließlich als Coach für Hochsensible tätig.

Quellenangaben

DOES-Modell:

https://sensitiveevolution.com/sensitive-evolution-library/does-model-elaine-aron/

Erhöhter Botenstoffwechsel bei Hochsensibilität:

Aron, Elaine N.: Hochsensibilität in der Liebe, München 2006; im Vorwort schreibt die Autorin über Gene, die den Botenstoffwechsel erhöhen

Göbel, Hartmut: Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne, Heidelberg 2012, s. meinen Blog-Artikel Hochsensibilitätsgen von der Migräneforschung gefunden?

Pluess, Michael u.a.: 5-HTTLPR moderates effects of current life events on neuroticism: Differential susceptibility to environmental influences, 2010,

Pluess, Michael u.a.: Childhood Quality Influences Genetic Sensitivity to Environmental Influences across Adulthood: A Life-Course Gene-Environment Interaction Study, 2017

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Hochsensibilität und Narzissmus – eine neue Sicht https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-und-narzissmus/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-und-narzissmus/#comments Fri, 28 Jan 2022 15:31:55 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=29154 Weiterlesen →]]> Narzissmus ist ein weit verbreitetes Phänomen, das in der Hochsensibilitäts-Szene viel diskutiert wird… Narzisstische Persönlichkeiten sind permanent nur auf die Hebung des eigenen Selbstwerts bedacht, kreisen dabei ausschließlich um sich selbst und entwerten und manipulieren andere für genau diesen Zweck. Die “böse” Königin aus dem Märchen Schneewittchen ist ein Paradebeispiel für Narzissmus: Es ist ihr so unerträglich, nicht die Schönste zu sein, dass ihr alle Mittel recht sind. In der Hochsensibilitäts-Szene kursiert die Vorstellung, dass hochsensible Menschen leicht Opfer von Narzissten werden und dass sie selbst niemals narzisstisch sind. Hochsensibilität ist aber eine genetische Veranlagung, während Narzissmus eine psychische Erkrankung darstellt, die zu den Persönlichkeitsstörungen zählt. Zu behaupten, dass Hochsensible niemals narzisstisch sein könnten und Narzissmus nie mit Hochsensibilität einhergehen würde, ist ungefähr so unsinnig, als könnte jemand mit blonden Haaren keine Grippe bekommen. Tatsächlich gibt es nach meiner Beobachtung unter den von Narzissmus Betroffenen sogar auffallend viele Hochsensible. Das ist aus meiner neuen Sicht auf Narzissmus auch kein Wunder – darauf werde ich im Lauf dieses Artikels genauer eingehen.

Die Außensicht auf Narzissmus

In der Regel wird bei der Beschreibung des Narzissmus von außen auf die Betroffenen gesehen und deren Verhalten interpretiert. Dabei entsteht ein düsteres Bild, da diese Menschen hochmanipulativ sind und keinerlei Empathie zeigen. Ein narzisstisch gestörter Mensch braucht andere und bringt sie dazu, ihn zu bestätigen. Gelingt dies nicht, gibt er dem anderen die Schuld dafür. Es dreht sich alles nur um Idealisierung und Entwertung.

Der narzisstisch gestörte Mensch würde für seine Selbstbestätigung alles tun: Anstrengung, Perfektionismus, Fleiß, Aussehen, Leistung, Suggestionen, Manipulationen, Geschenke, Bestechung, Versprechungen… So beschreibt Hans-Joachim Maaz den Narzissmus in seinem Buch Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm, München 2014. Maaz schreibt auch über die hohe Kränkbarkeit der Narzissten und führt diese auf einen Mangel an Selbstliebe zurück.

Über diese Sicht auf Narzissmus habe ich 2016 bereits einen Blog-Artikel geschrieben. Meine in der Zwischenzeit gewonnenen neuen Einblicke machen aber eine Aktualisierung dieser Sichtweise nötig. Dazu muss ich ein wenig weiter ausholen:

Meine Geschichte mit Narzissmus und Hochsensibilität

Ich entstamme einer Familie, in der, wie ich heute rückblickend weiß, Narzissmus weit verbreitet ist. Viele dieser Menschen sind auch von Hochsensibilität betroffen. Auch später hatte ich es viel mit narzisstisch gestörten Menschen zu tun, sodass man sagen kann, dass dies eines meiner großen Lebensthemen ist.

Besonders tiefe Einblicke in das Thema Narzissmus und Hochsensibilität durfte ich erwerben, als sich jemand aus meinem privaten Umfeld um Hilfe an mich gewendet hat. Nach längerer (unentgeltlicher) Arbeit an diesen Schwierigkeiten stellte sich heraus, dass Narzissmus dahinter steckt. Auch diese Person ist eindeutig von Hochsensibilität betroffen, weist also beides auf.

Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass es diesem Menschen so wichtig war, seine Probleme zu lösen, dass er bereit dazu war, seinen Narzissmus anzugehen. So etwas geschieht äußerst selten, da die von Narzissmus Betroffenen ja ständig auf Hebung ihres Selbstwertgefühls aus sind und eine solche Innenschau dem völlig widerspricht.

Bei der Arbeit mit dieser Person ist mir aufgefallen, dass die gängige Sicht auf Narzissmus, wie ich sie oben beschrieben habe, von Außenstehenden geprägt ist. Wenn man mit einem Betroffenen arbeitet und dieser berichtet, was in ihm vorgeht, ergibt sich ein anderes Bild. Über diese seltenen Einblicke möchte ich in der Folge schreiben, weil ich hoffe, dass dieses tiefere Verständnis von Narzissmus und Hochsensibilität für viele hilfreich sein könnte.

Narzissmus aus der Sicht eines Betroffenen

So hat es mir der vom Narzissmus Betroffene in mehreren Gesprächen beschrieben, die ich hier zusammenfasse:

Im Vordergrund stand bei ihm ein extrem hohes Schamgefühl. Seine Scham war so groß, dass er alles um sich herum vergessen hat. Aufgrund dessen kreiste er nur noch um sich selbst. Bin ich ein “schlechter” oder ein “guter” Mensch? Ein “schlechter” Mensch zu sein, würde ihn noch tiefer in die Scham treiben, deswegen musste der von Narzissmus Betroffene dies massiv mit allen Mitteln abwehren. Er war deshalb nicht zu Problemlösungen in der Lage. Meist gelang ihm diese narzisstische Abwehr.

Wenn der von Narzissmus Betroffene doch einmal an jemanden geriet, der diese Abwehr durchbrach und es schaffte, ihn tatsächlich mit einem Fehler zu konfrontieren, führte dies bei ihm zu einem psychischen Zusammenbruch. Denn das Schamgefühl wurde nun so übermächtig, dass der von Narzissmus Betroffene jetzt in die Selbstentwertung ging und nur noch daran denken konnte, wie schlimm es ist, doch ein “schlechter” Mensch zu sein.

Reue, Problemlösung oder Lernen aus dem gemachten Fehler waren dem von Narzissmus Betroffenen aber auch an dieser Stelle vollkommen unmöglich. Dazu hätte dieser Mensch zu seinem Fehler stehen können müssen, was ihm aber aufgrund seiner übermäßigen Scham nicht gelang. Außerdem hätte er in der Lage sein müssen, Selbstreflexion zu üben, um den Fehler abstellen zu können. Auch das ging nicht – dazu unten mehr.

Das Gegenüber, das doch so gern etwas geklärt hätte, blieb ratlos zurück und ging leer aus, trotz aller Selbstbezichtigungen des vom Narzissmus Betroffenen.

Der Teufelskreis des Narzissmus

Der vom Narzissmus Betroffene steckte in einem Teufelskreis fest: Da er alles vermied, was die Scham hätte steigern können, blockierte er jegliche Selbstreflexion. Denn diese hätte ja dazu führen können, dass er Dinge an sich entdeckte, die seinen Selbstwert weiter gemindert hätten. Dadurch hatte der vom Narzissmus Betroffene keine Orientierung über sich selbst, keine Möglichkeit, zu seinen Fehlern zu stehen und aus eigenen Fehlern zu lernen. Er blieb weit hinter seinem Potenzial zurück.

Da sich der vom Narzissmus Betroffene seinem Schamgefühl extrem ausgeliefert fühlte, empfand er sich als hochgradig verletzlich. Er hat sich deshalb schon früh in seiner Kindheit dazu entschieden, sich von niemandem mehr berühren zu lassen, um sich zu schützen. Dadurch fehlte im der soziale Austausch, der nötig ist, um sich selbst kennen zu lernen. Er verlor noch mehr die Orientierung.

Der vom Narzissmus Betroffene war also in mehrfacher Hinsicht abgekapselt: Abgekapselt von sich selbst durch die Blockierung der Selbstreflexion, abgekapselt von anderen, die er nur als potenzielle Bedrohung seines Selbstwerts sah und die er unbedingt dazu bringen “musste”, Dinge zu tun, die diesen steigerten.

Dass diese Haltung im Grunde genommen menschenverachtend ist, wurde dem von Narzissmus Betroffenen erst in Nachhinein schmerzlich bewusst. Zuvor war er so sehr mit der Abwehr von Scham beschäftigt gewesen, dass ihm dies völlig verborgen geblieben war: Er hatte sich als das Opfer, als bedroht von der Außenwelt, gefühlt.

Hochsensibilität und Narzissmus

Aufgrund dieser Gespräche mit dem von Narzissmus Betroffenen denke ich nicht mehr, dass mangelnde Selbstliebe die Ursache des Narzissmus ist. Für mich steht das extrem starke Schamgefühl im Vordergrund. Dass dadurch die Selbstliebe beeinträchtigt wird, ist für mich nur die Folge des ursächlichen Schamgefühls.

Wenn meine Annahme stimmt, dass ein unerträglich großes Schamgefühl die eigentliche Ursache des Narzissmus ist, verwundert es nicht weiter, dass es nach meiner Beobachtung unter vom Narzissmus Betroffenen überdurchschnittlich viele Hochsensible gibt. Denn bei Hochsensibilität nimmt man ja alle Gefühle intensiver wahr. Ein großes Schamgefühl wird so noch schneller unerträglich und treibt einen in die Narzissmus-Falle.

Gerät ein hochsensibler Mensch in die Narzissmus-Falle, wird er*sie die Gabe der Hochsensibilität zur narzisstischen Scham-Abwehr nutzen. Diese von Narzissmus und Hochsensibilität Betroffenen sind sehr gut dazu in der Lage, zu manipulieren, Nadelstiche zu setzen etc. weil sie ja aufgrund ihrer Feinfühligkeit die Schwachstellen ihrer Mitmenschen besonders gut erkennen.

Das in der Hochsensibilitäts-Szene weit verbreitete Argument, dass man bei Hochsensibilität doch besonders empathisch sei und dies dem Narzissmus entgegenstehe, ist meines Erachtens falsch. Der*die von Narzissmus und Hochsensibilität Betroffene ist genauso empathisch. Er*sie nutzt diese Empathie jedoch zur narzisstischen Scham-Abwehr und schadet deswegen anderen damit, statt ihnen zur Seite zu stehen. Von daher hilft eine hohe Empathie leider nicht gegen Narzissmus.

Narzissmus ist eine Strategie, um in einer narzisstischen Umgebung zu überleben

Es wenden sich immer wieder Klient*innen an mich, die sagen, sie seien “Opfer” von Narzissmus geworden. Da gibt bzw. gab es dann den “bösen” Narzissten im engeren Umfeld, unter dem man fürchterlich gelitten hat. Ja, das stimmt, man leidet fürchterlich. Doch leider bleibt man kein Opfer.

Denn wenn man am laufenden Band für den Selbstwert eines anderen entwertet, manipuliert und instrumentalisiert wird, dabei eingeschüchtert wird und jede Menge Schuldzuweisungen abbekommt, führt dies zu einem massiven Einbruch des Selbstwertgefühls und damit zu vermehrten Schamgefühlen. Um diese zu regulieren, brauchen wir dann selbst wieder Dinge, die unseren Selbstwert heben. Und damit entwickeln wir dann selbst auch narzisstische Züge.

Wenn also jemand “Opfer” von Narzissmus geworden ist, sind zwei Dinge wichtig: Erstens natürlich die seelischen Belastungen zu überwinden, die das Zusammenleben mit dem von Narzissmus Betroffenen mit sich gebracht haben. Zweitens aber eben auch, die eigenen narzisstischen Anteile, die man gezwungen war, zu entwickeln, zu erkennen und aufzulösen.

In 3 Schritten ‘raus aus der Narzissmus-Falle

Solltest du aufgrund dieses Artikels narzisstische Züge an dir entdeckt haben, zeige ich dir jetzt, wie es dem von Narzissmus und Hochsensibilität betroffenen Menschen aus meinem privaten Umfeld (mithilfe meiner unentgeltlichen Unterstützung) gelungen ist, sich aus dem Teufelskreis des Narzissmus zu befreien. Dazu sind im Wesentlichen 3 Schritte nötig:

Schritt 1: Übung zum Auflösen von Schamgefühlen

Als allererstes brauchst du eine Achtsamkeit dafür, wofür du dich schämst, in welchen Situationen aus der Vergangenheit du dich besonders geschämt hast und wie es um deine gegenwärtigen Schamgefühle steht. Diese Schamgefühle musst du als erstes auflösen bzw. zumindest auf ein erträgliches Maß reduzieren! Nur so hast du eine Chance, deine narzisstischen Anteile zu knacken.

Dazu gibt es eine einfache, schnelle und effektive NLP-Übung zur Auflösung von Scham (NLP= Neurolinguistisches Programmieren):

  • Erinnere dich an eine Situation, in der du dich sehr geschämt hast.
  • Wie siehst du dich in dieser Situation, wie dein Gegenüber? Ist da etwas anders als in der Realität? Bei Scham ist es meist so, dass du dich kleiner siehst und dein Gegenüber größer. Es kann aber auch sein, dass du dich dicker siehst oder sonst eine unangenehme Eigenschaft von dir überzeichnet ist.
  • Mache dich in deinem Bild nun mindestens lebensgroß. Du kannst auch damit experimentieren, dich sogar noch größer zu machen. (Im anderen Fall machst du dich dünner bzw. entfernst die sonstige unangenehme Eigenschaft, die überzeichnet war.)
  • Achte nun darauf, wie sich dein Schamgefühl verändert hat! Bei vielen Menschen ist es nun ganz verschwunden. Zumindest aber ist es auf ein aushaltbares Maß reduziert.

Führe diese Übung für alle Erinnerungen durch, in denen du dich sehr geschämt hast! Dann achte unbedingt darauf, wie du in der Gegenwart auf bestimmte Situationen reagierst. Immer wenn Scham auftritt, machst du sofort diese Übung. Die Verminderung von Scham verschafft dir den Spielraum für die nötige Handlungsfreiheit. Nur so können dir auch Schritt 2 und 3 gelingen!

Schritt 2: Entscheide dich, dich wieder zu öffnen

Dein Schamgefühl, das zuvor unerträglich gewesen war, hat dich sicherlich dazu gebracht, dich anderen gegenüber zu verschließen. Forsche nach, ob du irgendwann einmal die Entscheidung getroffen hast, dich nie wieder anderen zu öffnen, um nicht weiterhin so verletzt zu werden. Auch wenn es erst einmal nicht so aussieht, hast du letztlich die Kontrolle darüber. Es ist deine Entscheidung, ob du dich öffnest oder nicht. Entscheide dich jetzt bewusst dafür, dich anderen wieder zu öffnen.

Wenn dir das noch nicht gelingen sollte, ist deine Schamverletzung vielleicht noch zu groß. Schaue, was evtl. noch tiefer sitzt und wiederhole die Übung aus Schritt 1.

Es kann sein, dass es erst einmal schmerzlich ist, dich wieder zu öffnen. Dinge, die du im abgekapselten Zustand wegschieben konntest, werden dich nun wieder unvermittelt berühren. Das ist vollkommen in Ordnung. Akzeptiere das, bleibe trotzdem offen! Es wird mit der Zeit besser und du wirst von einer ganz neuen Verbundenheit mit den Menschen, die du liebst, belohnt.

Schritt 3: Selbstliebe praktizieren

Wenn du narzisstische Züge an dir entdeckst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du selbst zumindest einen Elternteil hattest, der von Narzissmus betroffen war. Du hast diese Züge dann entwickeln müssen, um deinen Selbstwert wieder zu heben. Auch wenn es dir nicht gefällt, diese narzisstischen Züge an dir zu entdecken, bist du doch ein wertvoller Mensch! Deine Bereitschaft, aus dem narzisstischen Teufelskreis auszusteigen, der sich meist über Generationen hinzieht, ist der beste Beweis dafür.

Wenn deine Eltern selbst von Narzissmus betroffen waren, hast du nicht gelernt, dich selbst zu lieben. Das lernt man nämlich von seinen Eltern und deine haben das nicht gekonnt. Das ist ein weiteres Problem, das dich immer wieder in die Entwertung und in die Überforderung treibt! Du denkst dann nämlich, dass du etwas besonderes sein, darstellen oder leisten musst, um liebenswert zu sein. Dein Wert an sich hat aber nichts damit zu tun, was du leistest, sondern besteht einfach nur so, weil du auf der Welt bist. Mehr dazu erfährst du hier:

Jeder ist ein Geschenk oder vom Wert des Menschen

Du kannst über Selbstliebe-Übungen nachträglich noch lernen, dich zu lieben. Darüber habe ich schon zwei Blog-Artikel geschrieben:

Hochsensibilität, Selbstliebe und Energie

Entspannung und Selbstliebe: die Metta-Meditation

Dort findest du einige Selbstliebe-Übungen. Probiere einfach aus, womit du dich wohlfühlst! Übe 5 x täglich 1-2 Minuten, also lieber oft und kurz als selten und lang. Damit gibst du deinem Gehirn immer wieder Lern-Impulse. Solltest du dich geschämt haben, irgendeiner Kritik oder Herabsetzung ausgesetzt gewesen sein, gib dir sofort eine Portion Selbstliebe!

Was tun, wenn jemand in deinem Umfeld von Narzissmus betroffen ist?

In der Regel wirst du kaum etwas tun können. Sorge für deinen eigenen Schutz und ziehe deine Konsequenzen! Das, was ich erlebt habe, dass jemand tatsächlich bereit ist, aus dem Teufelskreis des Narzissmus auszusteigen, kommt extrem selten vor.

Es ist auch sehr unwahrscheinlich, da dieser Teufelskreis leider ziemlich stabil ist: Unfähigkeit zur Selbstreflexion, Abkapselung, die das weiter verstärkt, unerträgliche Schamgefühle, die man sich aber aufgrund der mangelnden Selbstreflexion nicht eingestehen kann, daraufhin weitere Abkapselung und Verweigerung jeglicher Selbstreflexion… Du kannst niemanden aus diesem Teufelskreis befreien! Der von Narzissmus betroffene Mensch muss es selbst merken und es von sich aus wollen.

In der Zusammenarbeit mit meinen Klient*innen stoßen wir immer wieder auf von Narzissmus betroffene Bezugspersonen in der Herkunftsfamilie und verbunden damit auch auf narzisstische Anteile, die meine Klient*innen gezwungen waren zu entwickeln. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das bei dir auch der Fall ist, wenn jemand dir Nahestehendes von Narzissmus betroffen ist! Schaue, was bei dir ist und löse es so auf, wie ich es in diesem Artikel beschrieben habe. Das ist das Beste, was du tun kannst.

Nachtrag: Die Diagnose “narzisstische Persönlichkeitsstörung” gibt es nicht mehr

Eben, am gleichen Tag der Veröffentlichung dieses Artikels, habe ich über den Hinweis einer Facebook-Leserin erfahren, dass die Diagnose “narzisstische Persönlichkeitsstörung” in der neuen ICD 11, die am 1.1. 2022 in Kraft trat, weggefallen ist. Grund dafür war, dass das Modell der verschiedenen Persönlichkeitsstörungen Schubladen darstellte, in die die Menschen einfach nicht richtig passten. Man wollte psychiatrische Diagnosen deshalb flexibler gestalten und besser an den individuellen Fall anpassen können. Es soll mehr auf die Betroffenen gehört und gezielter geholfen werden. Nachteil ist eine höhere Beliebigkeit.

Diese Entwicklung hat sich quasi genau mit meinem Blog-Artikel überlappt und deckt sich exakt mit meinem Empfinden, dass zu viel schubladisiert und zu wenig auf Betroffene gehört wurde. Mehr dazu kannst du hier auf Deutschlandfunk.de nachlesen:

Psycho-Revolution – Neustart für die Diagnosen der Psychiatrie

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Hochsensibel? Raus aus der Reizüberflutung! https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-reizueberflutung/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-reizueberflutung/#comments Thu, 16 Sep 2021 09:49:39 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=27773 Weiterlesen →]]> Reizüberflutung, auch Überstimulation genannt, ist eines der häufigsten Probleme bei Hochsensibilität. Vielen Hochsensiblen ist gar nicht bewusst, in welchem Maß sie unter Reizüberflutung leiden, weil sie sich an die Symptome gewöhnt und/oder andere Erklärungen dafür gefunden haben. Dabei ist es sehr wichtig, Zustände der Reizüberflutung schon im Ansatz zu erkennen. Denn dann ist es noch leicht, etwas dagegen zu unternehmen. Lässt man die Reizüberflutung hingegen einfach laufen, gerät man immer mehr in Stress und es wird immer schwieriger, sich wieder zu erden. Das kann gravierende gesundheitliche Folgen haben. Denn die gesamten Reparaturprozesse unseres Körpers können unter Stress nicht arbeiten. Sie unterliegen dem parasympathischen Nervensystem, das unter Stress und Reizüberflutung massiv zurückgefahren wird, während das sympathische Nervensystem dominiert. Dies zeigt, wie wichtig es ist, dich immer wieder zu entspannen, um deine Regenerationsfähigkeit wiederzugewinnen und sie dir auch langfristig zu erhalten.

Die Symptome: So merkst du, dass du reizüberflutet bist

Jeder hochsensible Mensch nimmt Reizüberflutung ein wenig anders wahr. Achte einmal in deinem Alltag darauf, ob du hin und wieder folgendes an dir bemerkst:

  • Plötzlich einsetzendes Überforderungsgefühl
  • Nervosität und Unruhe ohne erkennbaren Anlass
  • Plötzlich einsetzende Konzentrationsschwierigkeiten
  • Gehirnnebel
  • Das Gefühl, am liebsten flüchten zu wollen und sich zuhause die Decke über den Kopf zu ziehen
  • Unangenehmes Kribbeln im Kopf
  • Schwindelgefühl
  • Gefühle von Angst bis hin zu Panik

Die Symptome der Reizüberflutung treten meist plötzlich und durchaus auch in Situationen auf, die dich eigentlich nicht stressen, z.B. in froher Runde mit dir lieben Menschen. Der Grund für die Reizüberflutung liegt in einem zu hohen Datenaufkommen in deinem Gehirn, weil du einfach zu viele Reize aufgenommen hast. Und das kann leider in jeder Situation passieren, auch in angenehmen.

3 Gründe, warum Hochsensible mehr zu Reizüberflutung neigen

Grund Nr. 1: unsere erniedrigte Reizschwelle

Der erste Grund, warum Hochsensible vermehrt zu Reizüberflutung neigen, liegt in unserer erniedrigten Reizschwelle. Unsere Filter sind schwächer ausgeprägt als das beim Bevölkerungsdurchschnitt der Fall ist. Dadurch gelangt mehr Information in unser Bewusstsein. Das ist eine große Gabe, denn dadurch wissen wir auch mehr als andere! Im Umkehrschluss ist aber auch unsere Festplatte schneller voll.

Grund Nr. 2: unser auf die Bevölkerungsmehrheit hin optimiertes Umfeld

Der zweite Grund, warum Hochsensible vermehrt zu Reizüberflutung neigen, liegt nicht in der Hochsensibilität selbst begründet. Denn, wie die Hochsensibilitätsforscherin Elaine N. Aron es beschreibt:

Jeder Mensch fühlt sich am wohlsten, wenn er weder gelangweilt noch überfordert ist.

Grundsätzlich kann jeder Mensch in einen Zustand der Reizüberflutung geraten. Wir unterscheiden uns nur in der Menge der Reize, die auf uns einprasseln müssen, bis dies der Fall ist. Zwischen Überforderung und Langeweile liegt unser optimales Stimulationsniveau, bei dem wir uns richtig gut fühlen. Dieses optimale Stimulationsniveau liegt bei der Bevölkerungsmehrheit deutlich über dem der hochsensiblen Menschen.

Wenn wir jetzt, wohin auch immer, in der Außenwelt gehen, sei es in die Schule, an den Arbeitsplatz, auf den Jahrmarktbesuch oder in den Supermarkt etc., so sind all diese Umfelder so angelegt, dass sich die Bevölkerungsmehrheit dort in ihrem optimalen Stimulationsniveau bewegt. Für hochsensible Menschen ist dieses Stimulationsniveau jedoch evtl. schon zu hoch und erzeugt potenziell Reizüberflutung.

Grund Nr. 3: Reizüberflutung durch Überanpassung

Der dritte Grund, warum wir als hochsensible Menschen vermehrt zu Reizüberflutung neigen, ist, weil wir meinen, wie die anderen sein zu müssen. Die können das doch auch, die ertragen das doch auch, denen ist das doch auch nicht zu viel, also muss das bei mir auch gehen, sonst stimmt etwas nicht mit mir. Und aus diesen Gedanken heraus macht man dann zu viel mit, statt die eigenen Freiräume zu nutzen und Situationen so zu gestalten, dass sie für uns angenehm werden. Das ist nämlich oft gut möglich!

Raus aus der Reizüberflutung – so geht’s!

Am wichtigsten ist es, dass du dich zunächst einmal voll und ganz so annimmst, wie du bist. So wie du bist, bist du genau richtig! Deine Neigung zur Reizüberflutung ist nur die Kehrseite einer großen Gabe, vieles wahrzunehmen und gründlich und nachhaltig durchzudenken. Das können andere nicht. Dafür können sie mehr Reize aushalten und brauchen sie auch, um sich nicht zu langweilen. Es gibt da also kein “richtig” oder “falsch”, nur verschiedene Weisen des Seins, die beide ihre Vor- und Nachteile haben.

Elaine N. Aron empfiehlt 5 Pausen täglich, 4 kleine à 5 und eine große à 20-30 Minuten. Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mich daran zu halten. Denn man macht die Pause dann schon bevor man überhaupt in die Reizüberflutung kommt und steht den Tag so wesentlich besser durch.

Achte darauf, in welchen Situationen du besonders zu Reizüberflutung neigst. Wie kannst du diese Situationen anders gestalten? Welche Freiräume hast du? Du musst nichts ertragen, was dir nicht guttut! Nimm dir deine Freiräume heraus! Du hast ein Recht dazu, frei von Reizüberflutung zu sein und so viel Zeit wie möglich in deinem optimalen Stimulationsniveau zu verbringen.

Wenn du deine Reizüberflutung nachhaltig angehen und dein Stresslevel insgesamt effektiv senken möchtest, empfehle ich dir meinen gratis Online-Kurs, der weit über diesen Artikel hinausgeht:

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Hochsensibilität und Schmerzempfindlichkeit – wie du Schmerz mental besiegst https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-und-schmerzempfindlichkeit-wie-du-schmerz-mental-besiegst/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-und-schmerzempfindlichkeit-wie-du-schmerz-mental-besiegst/#respond Thu, 15 Jul 2021 10:54:54 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=27006 Weiterlesen →]]> Es liegt nahe, anzunehmen, dass hochsensible Menschen aufgrund ihrer feinen Nerven und der damit verbundenen Empfindsamkeit auch eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit aufweisen. Tatsächlich gibt es unter ihnen überdurchschnittlich viele Migräniker*innen, wie ich bereits in meinem Artikel Hochsensibilitätsgen von der Migräneforschung gefunden? dargelegt habe. Mir fällt jedenfalls immer wieder auf, dass hochsensible Menschen von allerhand schmerzhaften Erkrankungen und Zipperlein geplagt werden. Viele nehmen das einfach so hin, weil sie denken, es seien eben körperliche Probleme. Doch das ist nicht ganz richtig. Unsere Schmerzwahrnehmung entsteht im Kopf, wo unser Gehirn die Schmerzintensität anhand vieler Faktoren berechnet. Dazu gehören nicht nur die rein körperlichen Ausschläge der schmerzleitenden Nerven, sondern auch subjektive Bewertungen, die wir unbewusst vornehmen. Und das ist genau der Punkt, wo wir Schmerz mental verringern und in vielen Fällen sogar ganz besiegen können. Darüber möchte ich in diesem Blog-Artikel schreiben.

Die 1-Million-Dollar-Wunde

Ein gutes und durch Studien belegtes Beispiel dafür, wie subjektiv unser Gehirn das Schmerzempfinden berechnet, ist das Phänomen, das als “Million-Dollar-Wound”, also als die “1-Million-Dollar-Wunde”, bekannt ist. Dabei wurden Menschen untersucht, die sich vergleichbare Verletzungen bzw. Verwundungen zugezogen hatten. Die einen waren Weltkriegssoldaten, die aufgrund ihrer Wunde nicht mehr in den Krieg ziehen mussten, die anderen waren Menschen, die ähnliche Verletzungen in ihrem normalen Leben aufgrund von Unfällen etc. aufwiesen. Beide Vergleichsgruppen wurden zu ihrem Schmerzempfinden befragt. Und obwohl die Schweregrade der Verletzungen sich nicht im geringsten unterschieden, hatten die Soldaten, die nun nicht mehr in den Krieg mussten, wesentlich weniger Schmerzen als die Unfallopfer.

Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Die Soldaten hatten eine komplett andere Sicht auf ihre Verletzung. Für sie bedeutete diese eine Erleichterung. Im Grunde genommen hat ihnen gar nichts Besseres passieren können, als sich eine Wunde zuzuziehen, die sie zwar außer Gefecht setzte, die sie aber überleben konnten, eben eine “Million-Dollar-Wound”. Für die Unfallopfer war ihre Verletzung jedoch ein schwerer Einschnitt, der sie aus einem glücklichen Leben gerissen hatte. Sie bewerteten ihre Wunde deshalb vollkommen anders, wodurch ihr Schmerzempfinden anstieg.

Dieses Beispiel finde ich persönlich sehr beeindruckend, da es zeigt, in welchem Maß Schmerz tatsächlich im Kopf entsteht und welches Potenzial an dieser Stelle gegeben ist, unser Schmerzempfinden mental zu beeinflussen. Einige Tipps dazu werde ich in der Folge geben.

Seelischer und körperlicher Schmerz sind eins

Aufgrund der modernen bildgebenden Verfahren sind Forscher heutzutage in der Lage, dem menschlichen Gehirn beim Schmerzempfinden zuzusehen. Die neuesten wissenschaftlichen Forschungen haben gezeigt, dass seelischer und körperlicher Schmerz in exakt der gleichen Hirnregion verarbeitet werden. Das heißt im Klartext, dass beides ein Kontinuum darstellt und das eine jederzeit stufenlos in das andere übergehen kann.

Das erklärt, warum viele Schmerzpatient*innen mit der Zeit depressiv werden. Noch interessanter für die Schmerzbewältigung ist jedoch, dass seelischer Schmerz jederzeit körperlich werden kann, besonders, wenn er verdrängt wird. Für alle, die unter chronischen Schmerzen leiden, ist das eine wichtige Erkenntnis! Denn seelischer Schmerz ist dazu in der Lage, massiv zur Entstehung von körperlichem Schmerz beizutragen.

Darum an dieser Stelle mein erster Tipp zur Schmerzbewältigung: Wenn du unter Schmerzen leidest, die stärker sind als zu erwarten, solltest du unbedingt auf deinen seelischen Schmerz schauen und alle Ursachen dafür abstellen. Wenn dir z.B. jemand dauernd seelisch weh tut, bringe diesen Menschen dazu, dies sein zu lassen oder entferne ihn aus deinem Leben. Wenn du beispielsweise eine nicht bewältigte Trauer hast, gehe das Thema an und lasse dich zur Not begleiten, wenn du es allein nicht schaffst. Mehr dazu kannst du in meinen Blog-Artikeln Hochsensibiltität, Trauer und Verlust und Hochsensibilität und Verletzlichkeit nachlesen.

Die “weg-vom-Schmerz-Falle”

Wenn wir Schmerzen haben, empfinden wir das als unangenehm. Unsere erste Reaktion ist es deshalb, den Schmerz zu unterdrücken und uns von der schmerzhaften Körperstelle abzuwenden. D.h. wir gehen mit der Aufmerksamkeit weg vom Schmerz, um uns davor abzuschirmen. Damit nehmen wir aber gleichzeitig auch unsere Energie aus der schmerzhaften Stelle heraus, d.h. diese wird u.a. weniger durchblutet etc. In der Folge verschlechtern sich die Heilungschancen. Diese unmittelbare Überlebensreaktion hilft uns vielleicht im Augenblick, aber sie schadet uns langfristig gesehen. Das meine ich mit der “weg-vom-Schmerz-Falle”.

Mein zweiter Tipp zur Schmerzbewältigung lautet deshalb, dass du deinem Schmerz Raum gibst, dich ihm liebevoll zuwendest und damit deinen Selbstheilungskräften Zugang zur beeinträchtigten Körperstelle gibst. Es kann geschehen, dass der Schmerz dadurch zunächst etwas stärker wird, denn du hattest in ja unterdrückt und gehst jetzt mit der vollen Aufmerksamkeit hinein. In diesem Fall atme ein paarmal kräftig durch und achte darauf, dass du besonders gründlich ausatmest. Wenn die Übung funktioniert, spürst du, dass der Schmerz nachlässt und/oder dass die Stelle warm wird, d.h. besser duchblutet ist. Leichte bis mittlere Schmerzen lassen sich mithilfe dieser Methode oftmals in wenigen Minuten auflösen.

Wenn du in diesen intensiven Kontakt mit dem Schmerz gehst, kannst du dich auch fragen, was er dir vielleicht sagen möchte. So werden dir möglicherweise weitere Schmerzursachen und schmerzverstärkende Faktoren bewusst, an denen du etwas ändern kannst.

Schmerzwahrnehmung ist ein Lernprozess und kann auch wieder verlernt werden

Die Schmerzpsychologin Jutta Richter schreibt in ihrem Buch Schmerzen verlernen, dass an der Schmerzerfahrung und -wahrnehmung eines Menschen zu einem großen Teil Lernprozesse beteiligt sind. Sie meint, dass aktive Schmerzbewältigung ein Umlernprozess ist. Das Gehirn kann dank seiner Flexibilität Schmerz auch wieder verlernen und lernen, mit ihm umzugehen. Das fordert natürlich wiederholtes Üben schmerzlindernder Maßnahmen. Gehirn, Körper und Nervensystem müssen, ähnlich wie ein Muskel, gut trainiert werden, um Verhaltensänderung und Schmerzlinderung fest zu verankern. Das gelingt umso besser, je mehr Spaß die Übungen machen und je größer der Wunsch nach positiver Veränderung ist.

Jutta Richter bringt in ihrem Buch Schmerzen verlernen. Die erfolgreichen Techniken und Übungen der psychologischen Schmerzbewältigung 35 Übungen, mit deren Hilfe du Schmerz mental besiegen kannst. Eine wahre Fundgrube für alle, die unter chronischen Schmerzen leiden!

So besiegst du deinen Schmerz mental

Zusammenfassend hier noch einmal alle Schmerzbewältigungstipps dieses Blog-Artikels:

  • Das Schmerzempfinden ist ein Lernprozess, in den auch unsere subjektiven Bewertungen mit einfließen. Aus diesem Grund lässt sich Schmerz mental beeinflussen und sich auch wieder verlernen.
  • Da seelischer und körperlicher Schmerz im gleichen Hirnareal verarbeitet werden, ist es sehr wichtig, sich den eigenen seelischen Schmerz bewusst zu machen und dessen Ursachen zu beheben, sei es über Gespräche mit verletzenden Menschen, über den Einstieg in eine konstruktive Trauerarbeit u.v.m. Mehr dazu erfährst du in meinen Blog-Artikeln Hochsensibilität und Verletzlichkeit und Hochsensibiltität, Trauer und Verlust.
  • Statt deine Aufmerksamkeit vom Schmerz abzuziehen, was die beeinträchtigte Körperstelle weiter schwächt, gib deinem Schmerz Raum und wende dich ihm liebevoll zu. Was du da annimmst und zulässt, sind deine Selbstheilungskräfte, denen du nun wieder den Zugang eröffnest. Sollte der Schmerz dadurch erst einmal etwas stärker werden, atme ein paarmal gut durch und achte dabei auf gründliches Ausatmen.
  • 35 weitere Übungen zur mentalen Schmerzbewältigung findest du in Jutta Richters Buch Schmerzen verlernen. Die erfolgreichen Techniken und Übungen der psychologischen Schmerzbewältigung

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Blog-Artikel ein wenig Mut machen, dass du auch in Bezug auf Schmerzbewältigung eine Menge erreichen kannst, und wünsche dir, dass du als hochsensibler Mensch gesund und frei von Schmerzen sein mögest!

 

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Hochsensibilität und Perfektionismus https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-und-perfektionismus/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-und-perfektionismus/#comments Thu, 29 Apr 2021 09:20:30 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=26846 Weiterlesen →]]> Durch unsere feine Art der Wahrnehmung haben wir als hochsensible Menschen durchaus ein hohes Potenzial für Perfektionismus. Hochsensibel zu sein bedeutet, im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt eine erniedrigte Reizschwelle zu haben, d.h. unsere Filter lassen mehr Information durch als das bei anderen der Fall ist. Aufgrund dessen sind hochsensible Menschen hervorragend dazu in der Lage, Details wahrzunehmen, seien es nun mehr oder weniger gelungene. So können wir uns an schönen Dingen noch mehr freuen als andere, aber wir fühlen uns natürlich auch von den weniger schönen Details stärker gestört, da sie uns deutlicher ins Bewusstsein treten. Das betrifft übrigens auch die eigenen Schwächen, die wir als hochsensible Menschen ebenfalls stärker wahrnehmen und deshalb oftmals überschätzen. Das kann von Vorteil sein, weil wir genauer hinsehen und Dinge gründlicher erledigen, uns aber auch in Stress bringen, weil wir am Ergebnis zweifeln und zu viel Energie darauf verwenden, es unnötigerweise “noch besser” zu machen. In diesem Blog-Artikel möchte ich dir einige Impulse an die Hand geben, die dir helfen, guten von schädlichem Perfektionismus zu unterscheiden, um deinen Energiehaushalt ggf. besser ins Gleichgewicht zu bringen.

Positiver Perfektionismus

Als Erstes möchte ich ausdrücklich betonen, dass Perfektionismus grundsätzlich eine gute Eigenschaft ist! Viele Hochsensible bekommen nämlich von anderen zu Unrecht die Rückmeldung, sie seien “zu” perfektionistisch. Und dann kann man auch wieder in Stress geraten, weil man denkt, es stimme etwas nicht mit einem und man versucht sich zu ändern, obwohl das gar nicht nötig ist.

Da Detailwahrnehmung zu unseren Gaben gehört, sind wir dazu in der Lage, Dinge perfekter hinzubekommen bzw. sie perfekter zu gestalten. Das kann für andere durchaus unbequem werden oder Neid erregen und daraufhin in ein schlechtes Licht gesetzt werden. Oft reden sich Leute für schlampige Arbeit darauf heraus, sie seien eben “nicht so perfektionistisch”. Im Umkehrschluss wird dann gute Arbeit herabgewürdigt. Dagegen gilt es, sich zu behaupten!

Unter positivem Perfektionismus verstehe ich, dass man Freude daran hat, etwas perfekt zu machen, dass man eine Vorstellung im Kopf hat, die einen motiviert, es richtig gut hinzubekommen. Am Ende ist man dann stolz auf das Erreichte, weil das Ergebnis optimal gelungen ist. Das hat eine positive Energie. Die meisten wirklich guten Dinge kommen gerade durch diese Art von Perfektionismus zustande.

Perfektionismus aus Angst

Perfektionismus ist immer dann Stress, wenn er nicht aus Freude am Verwirklichen entsteht, sondern von negativen Emotionen getrieben wird. Eine wichtige Ursache für negativen Perfektionismus ist Angst, die Angst, zu versagen, getadelt oder verspottet zu werden. Der Ursprung solcher Ängste kann (nicht nur) bei Hochsensiblen verschiedene Ursachen haben:

  • Wir nehmen alle Unstimmigkeiten, auch die eigenen Fehler, stärker wahr, fast wie durch eine Lupe, und denken dann oft, wir dürften uns diese Fehler auf keinen Fall erlauben, weil wir sie schlimmer einschätzen als sie tatsächlich sind.
  • Als Minderheit werden wir oft nicht verstanden und vielfach kritisiert, weswegen wir versuchen, es noch besser zu machen, um weniger Angriffspunkte zu bieten.
  • Menschen, die anders sind, werden oftmals diskriminiert. Das passiert Hochsensiblen leider auch regelmäßig. Auch hier kann Perfektionismus eine (vermeintliche) Strategie sein, um weniger Angriffsfläche zu bieten.

Leider führt Perfektionismus aus Angst stets in die Sackgasse. Denn die Angst kommt daher, dass man zu Unrecht attackiert wurde. Wenn man auf solche Attacken mit Perfektionismus reagiert, heißt das, dass man einen Teil der Schuld bei sich sucht, statt sich gegen den Angreifer zu wehren. Man gibt dem Angreifer damit indirekt recht, schwächt sich dadurch selbst und gerät letztlich in eine Opferrolle. Wie du aus dieser wieder herauskommst, kannst du in meinem Blog-Artikel Hochsensibel? In drei Schritten aus der Opferrolle! nachlesen.

Wenn du dich in diesen Worten wieder erkennst und dein Perfektionismus von Angst getrieben sein sollte, ist es sehr wichtig, dir die dahinter liegende Angst genau bewusst zu machen. Damit kommst du an die Ursache und kannst das Problem dann an der Wurzel lösen, statt dich in einem destruktiven Perfektionismus aufzureiben.

Perfektionismus aufgrund falscher Vorstellungen

Die zweite Perfektionismus-Falle, in die wir geraten können, beruht auf falschen Vorstellungen, die wir aus irgendwelchen Gründen entwickelt haben. Diese Art des Perfektionismus ist ähnlich wie der o.g. positive Perfektionismus. Denn um etwas perfekt zu machen, brauche ich immer eine Vorstellung, eine Vision davon, wie es sein sollte.

Wenn z.B. ein*e Künstler*in ein inneres Bild vor Augen hat und an der Ausführung so lange arbeitet, bis dieses innere Bild hundertprozentig so umgesetzt ist, wie es vor dem inneren Auge war, ist das Perfektionismus im positiven Sinn. Doch wenn jemand eine Vorstellung verfolgt, die gar nichts mit einer wirklichen inneren Motivation zu tun hat, reibt man sich mit genau der gleichen Vorgehensweise enorm auf.

Auch das kommt in meinen Coachings relativ häufig vor. Eine Klientin beispielsweise, die in Vollzeit berufstätig war und schon in jungen Jahren früh in eine Führungsposition gerutscht war, hatte die Vorstellung, ihr Garten sei nur in Ordnung, wenn dort nicht das kleinste Wildkräutlein wüchse. Sie konnte sich in ihrer Freizeit nicht regenerieren, weil sie immer, wenn sie sich in den Garten setzte, wieder irgendwo ein Kräutlein sah und mit dem Jäten begann. Das Bild, das sie von ihrem Garten im Kopf hatte, war einfach zu rigoros. Als sie sich das bewusst machte, konnte sie es ändern und Wildkraut auch einmal Wildkraut sein lassen. Sie erkannte, dass ihr Schwerpunkt einfach woanders lag und sie sich damit keinen Stress zu machen brauchte.

Was Perfektionismus betrifft, ist es also wichtig, die dahinterliegenden Vorstellungen, Bilder und Motivationen zu prüfen:

  • Willst du etwas perfekt machen, weil es für dich und andere wirklich wichtig ist, weil es etwas mit deiner Lebensaufgabe, deiner Vision von einem besseren Leben zu tun hat? Dann nur zu!
  • Handelt es sich dabei nur um Dinge, die du gelernt hast, die “man” eben so machen sollte, die aber gar nichts mit deinen innersten Zielen zu tun haben? Dann verabschiede dich von diesen falschen Vorstellungen, die nicht mit deinem Leben in Verbindung stehen! Die Energie, die du dadurch gewinnst, kannst du für Dinge einsetzen, die dir wirklich wichtig sind.

Zwanghafter Perfektionismus

Die dritte Art, wie Perfektionismus aus dem Ruder laufen kann, ist der zwanghafte Perfektionismus. Er ist im Grunde genommen eine Mischung aus den beiden letztgenannten destruktiven Perfektionismusformen. Hinter Zwängen stehen immer Ängste. Der Zwang entwickelt sich dann als Strategie der Angstbewältigung, die auf falschen Vorstellungen beruht.

Wenn jemand z.B. einen Waschzwang hat, steckt dahinter die Angst vor Bakterien und Schmutz und dass man dadurch krank werden könnte. Jedes Mal, wenn diese Angst aufkommt, wäscht der*diejenige sich die Hände. Höchstwahrscheinlich wird dieser Mensch danach nicht krank. Das Gehirn nimmt daraufhin irrigerweise eine kausale Verknüpfung vor: Es denkt, “weil ich mir die Hände gewaschen habe, bin ich nicht krank geworden”. Und so wird Händewaschen zur Bewältigungsstrategie, d.h. jedes Mal, wenn die Angst vor Bakterien aufkommt, wäscht man sich dann die Hände. Immer wird das Gehirn in der falschen Vorstellung, die es entwickelt hat, bestätigt, man sei genau deshalb gesund geblieben.

Dadurch gerät man in einen Teufelskreis. Und der kann sich an allem möglichen entzünden, sei es, dass man Stifte auf dem Schreibtisch immer in der gleichen Weise anordnen “muss” oder dass man erst alles tausendprozentig durchdenken “muss”, bevor man handelt. Die falsche Vorstellung des Gehirns beruht bei all diesen Varianten darauf, dass es denkt: “Weil ich das so gemacht habe, ist nichts passiert”.

Je nachdem wie stark sich das dann ausprägt, kann es von harmlosen, aber doch energieraubenden Marotten bis hin zu ausgedehnten Ritualen kommen, die enorm viel Kraft und Zeit rauben. Das geht dann natürlich ins Pathologische.

Wenn du solche Züge an dir entdeckst, ist es wichtig, dem Zwang nicht zu folgen, Dinge einfach einmal anders zu machen und die Angst auszuhalten. Es wird genauso wenig passieren. So hat das Gehirn die Möglichkeit, die falsche Kausalverknüpfung zu lösen. Dadurch lässt die Angst mit der Zeit nach. Wenn dieser zwanghafte Perfektionismus bei dir nur locker sitzt, kannst du es auf diese Weise schaffen. Wenn die Angst aber zu stark ist, lass dir bitte helfen und begib dich in Therapie. Für schwere Fälle gibt es sogar Kliniken, die auf diese Konfrontationstherapie spezialisiert sind.

Alles perfekt? ;-)

Mein Perfektionismus hat sich beim Schreiben dieses Artikels darauf gerichtet, das, was mir innerlich vorschwebt, so auszudrücken, dass es möglichst differenziert, strukturiert, klar und hilfreich für meine Leser*innen wird. Diesem Perfektionismus habe ich, wie bei all meinen Blog-Artikeln, hemmungslos nachgegeben. Dafür gönne ich mir jetzt gleich ein Päuschen und gehe joggen. Und den Rest des Tages lasse ich auch ‘mal fünf gerade sein. :-)

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Hochsensibilität, Partnerschaft und Partnersuche https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-partnerschaft-und-partnersuche/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibilitaet-partnerschaft-und-partnersuche/#comments Wed, 31 Mar 2021 14:23:37 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=26713 Weiterlesen →]]> Für dieses Interview zum Thema Hochsensibilität und Partnersuche konnte ich einen hochkarätigen Experten auf dem Gebiet der Hochsensibilität, Partnerschaft und Partnersuche gewinnen, den Psychologen Dr. Guido F. Gebauer. Du erfährst:

  • Auf welches Kriterium es bei Hochsensiblen in der Partnerschaft und bei der Partnersuche wirklich ankommt
  • Wie man Hochsensibilität zuverlässig testen kann
  • Welcher Persönlichkeitsanteil bei Hochsensiblen tatsächlich vorherrscht

Hier geht es zur Gleichklang-Partnersuche für hochsensible Menschen
Hier kannst du deine Hochsensibilität gratis und valide testen
Hier geht es zu Guidos Blog

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Hochsensible Multitalente – Interview mit Jacqueline Knopp https://hochsensibelsein.de/hochsensible-multitalente-interview-mit-jacqueline-knopp/ https://hochsensibelsein.de/hochsensible-multitalente-interview-mit-jacqueline-knopp/#comments Wed, 03 Mar 2021 10:38:55 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=26473 Weiterlesen →]]> Es kommt oft vor, dass hochsensible Menschen auch vielseitig begabte Multitalente sind, denen es bei einseitigen Tätigkeiten schnell langweilig wird. Häufig macht sich das sogar durch regelmäßige Berufswechsel bemerkbar. Diese Menschen haben es nicht leicht, ihre vielen Interessen und Leidenschaften mit ihrer Neigung zu Reizüberflutung auszubalancieren. Jacqueline Knopp, Coach für hochsensible Multitalente, Podcasterin und Buchautorin gibt uns in diesem Interview wertvolle Tipps, wie man als hochsensibles Multitalent ein gutes Leben führt.

Hier der Link zu Jacquelines Buch:

Ich kann viel und das ist gut so! Erkenne deine Stärken und entfalte dein volles Potenzial als hochsensibles Multitalent

Und hier geht es zu Jacquelines Webseite

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Hochsensibel? So behauptest du dich mit deinen guten Ideen! https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-so-behauptest-du-deine-guten-ideen/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-so-behauptest-du-deine-guten-ideen/#comments Fri, 19 Feb 2021 10:22:34 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=26397 Weiterlesen →]]> Als hochsensible Menschen haben wir ein aktiveres Gehirn, fühlen dadurch mehr und denken nachhaltiger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Deswegen kann es durchaus sein, dass Ideen, die wir zu bestimmten Themen haben, sei es beruflich oder privat, ziemlich gut sind. Auch, wenn es sicher wünschenswert wäre, läuft es in der Regel nicht so ab, dass alle Ideen gehört werden und dann die beste umgesetzt wird. Es kommt dabei eher auf Durchsetzungskraft an. Hochsensible Menschen sind oftmals etwas zurückhaltender und werden so leicht übergangen. Dann können sie sich mit ihren guten Ideen nicht behaupten und das ist schade – nicht nur für die Hochsensiblen, sondern auch für die Welt! Denn die Probleme der heutigen Zeit können nur mit guten und nachhaltigen Ideen gelöst werden. Doch wie kommt es, dass wir uns als hochsensible Menschen so oft nicht behaupten können? Und was können wir daran ändern? Das ist leichter als du vielleicht denkst! In diesem Blog-Artikel schreibe ich über eine ganz einfache Methode, die dir zu einer verblüffenden Durchsetzungskraft verhelfen wird.

Kommunizierst du horizontal oder vertikal?

Der Kommuniaktionsexperte Peter Modler schreibt in seinem Buch Mit Ignoranten sprechen, dass bei solchen Entscheidungsprozessen zwei Arten der Kommunikation eine Rolle spielen, die horizontale und die vertikale. Wenn du jemand bist, der horizontal kommuniziert, sind dir Hierarchien in einer Gruppe gleichgültig. Alle werden gleichsam angehört, alle kommunizieren ihre Meinungen, ihre Ideen. Am Ende entscheidet, wer die besten Ideen hat. Wer in einem solchen Umfeld seinen Status herauskehrt, fällt damit nur negativ auf. Horizontale Kommunikation ist unter Frauen weit verbreitet.

Wenn jemand vertikal kommuniziert, ist es für ihn*sie extrem wichtig, wer in der Gruppe an welcher Stelle der Hierarchie steht. Diese Menschen müssen sich erst einmal orientieren. Am Anfang eines Gesprächs oder Meetings muss zunächst die Hierarchie geklärt werden. Wenn diese dann feststeht, ist auch klar, wem zugehört wird, nämlich den ranghohen, und auch wem eben nicht zugehört wird, nämlich den rangniedrigen Personen. Wer in einem solchen Umfeld darauf verzichtet, seinen Status deutlich zu machen, hat keine Chance, gehört zu werden. Vertikale Kommunikation ist unter Männern weit verbreitet.

Wer nur argumentiert, verliert

Vielen Frauen und auch vielen männlichen Hochsensiblen wird dies zum Verhängnis, da sie zur horizontalen Kommunikation neigen. Wenn die Rangverhandlungen zu Beginn eines Gesprächs stattfinden, machen sie dabei nicht mit. Sie wundern sich, warum es zu Anfang immer so “unsachlich” zugeht. Ohne es zu merken, verzichten sie darauf, ihren Status deutlich zu machen. Daraufhin werden sie von den Vertikal-Kommunizierern automatisch als rangniedrig eingestuft. Man hat dann nichts mehr zu melden – Ideen äußern zwecklos.

Wenn dir also nicht zugehört wird, hat das gar nichts mit dir als Person zu tun, dass du irgendwie weniger wert wärst oder deine Ideen nicht gut wären. Es ist vielmehr so, dass du momentan in dieser Konstellation aus irgendwelchen Gründen einen niedrigen Rang hast. Wenn du in dieser Lage anfängst zu argumentieren, zu erklären, warum deine Idee doch viel besser ist etc., wird dir das nicht das geringste nützen. Denn es wird dir schlichtweg nicht zugehört.

Drei Eskalationsstufen der vertikalen Kommunikation

Während also Horizontal-Kommunizierer sich grundsätzlich auf der Sachebene bewegen, ist das bei Vertikal-Kommunizierern ganz anders. Sie bewegen sich auf der Beziehungs-Ebene und orientieren sich am Rang. Peter Modler beschreibt in seinem Buch Mit Ignoranten sprechen drei Eskalationsstufen der vertikalen Kommunikation:

  1. High Talk
  2. Basic Talk
  3. Body Talk

Die High-Talk-Stufe ist der Sachebene der Horizontal-Kommunizierer recht ähnlich. Hier bewegen sich Vertikal-Kommunizerer, wenn die Rangfrage geklärt ist und sie den Rang ihres Gegenübers als hoch genug einstufen. Sie hören zu und man kann sich ganz normal mit ihnen austauschen. Im Umgang mit Vertikal-Kommunizierern ist dies der Zielzustand, den es zu erreichen gilt.

Basic Talk ist die erste Eskalationsstufe in der vertikalen Kommunikation. Hier wird nicht mehr sachlich argumentiert, sondern es wird mit kurzen, prägnanten und gezielt herabwürdigenden Sätzen versucht, das Gegenüber in einen niedrigen Rang zu bringen. Peter Modler schreibt in seinem Buch Mit Ignoranten sprechen, dass Donald Trump ein Meister der vertikalen Kommunikation war. Als die Aufnahmen kursierten, in denen er darüber sprach, dass er allen Frauen an die Pussy grabschen könne wie es ihm gefalle, dachte Hillary Clinton, sie habe den Wahlkampf nun gewonnen. Als sie Donald Trump damit konfrontierte, entgegnete dieser:

Na und, ich rede nur darüber und dein Mann hat es wirklich getan.

Hillary Clinton war mundtot gemacht und konnte selbst aus einer solchen Situation keinen Nutzen ziehen.

Für Horizontal-Kommunizierer ist es oft nicht leicht, auf diese Basic-Talk-Ebene zu gehen. Sie kommt ihnen primitiv und dumm vor. Tatsache ist, dass es dumm ist, diese Kommunikationsform nicht zu nutzen, wenn man von einem Vertikalen auf eine solche Weise angegangen wird. Der raucht dich dann nämlich in der Pfeife, egal wie gut deine Argumente sind.

Die dritte Eskalationsstufe der vertikalen Kommunikation ist der Body Talk. In diesem Fall wird  über die Körpersprache gearbeitet. Man verschränkt z.B. die Arme, schaut verächtlich von oben herab und schüttelt den Kopf, wenn jemand anderes etwas sagt. Außerdem wird die Körpersprache gezielt eingesetzt, um Basic Talk zu untermauern. Auch darin war Donald Trump ein Meister. Wurde er von Journalisten nach unbequemen Dingen gefragt, verschränkte er die Arme, schaute verächtlich und sagte scharf:

This is fake news.

Raus aus der Rang-Falle

Wenn du also bemerkst, dass dir nicht zugehört wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass du auf irgendeine Weise deinen Rang verloren hast. Wie bereits gesagt, bringt es jetzt nichts, zu argumentieren. Dir wird nicht zugehört. Du musst zuerst deinen Rang wieder behaupten. Deine Argumente kannst du dir für später aufheben, wenn dein Gegenüber dich wieder respektiert und ihr auf der High-Talk-Ebene sprechen könnt.

Beispiel: Du bist in einem Meeting, sprichst über gewisse Missstände und deine Idee, wie diese verbessert werden könnten. Jemand aus der Gruppe sagt: “Woher willst du das wissen?” Dies ist eine Respektlosigkeit und Basic-Talk vom Feinsten. Wenn du jetzt argumentierst, wie fundiert alles ist, was du sagst und denkst, wird das mit einem Achselzucken abgetan (=Body Talk). Es gibt ein einfaches Schema, wie du jetzt Abhilfe schaffst. Der Satz, der dir aus der Patsche hilft, geht nach Peter Modler wie folgt:

Du bist Mitglied des Teams, ich bin Leiter*in der Abteilung X und als solche*r muss ich dir sagen, dass ich weiß, wovon ich spreche.

Dabei setzt du auch Body Talk ein, indem du dich ein wenig aufrichtest, dich in Richtung dieses Menschen bewegst (geht auch im Sitzen, kleine Bewegungen reichen schon) und deine Stimme etwas lauter und, wenn möglich, auch tiefer klingen lässt als sonst.

Der obige Satz ist nach folgendem Schema aufgebaut:

  1. Rang desjenigen, den du ansprichst, nennen
  2. Deinen eigenen Rang nennen, danach die Überleitung: “…und als solche*r muss ich dir sagen:”
  3. Basic Talk, idealerweise nur 3-5 Worte; dabei brauchst du gar nicht weiter kreativ zu sein, sage einfach das Gegenteil von dem, was dein Angreifer behauptet hat.

Es ist übrigens völlig egal, wer von beiden den höheren Rang hat. Hast du den höheren Rang, wird dein Gegenüber dadurch daran erinnert und wird dich wieder respektieren. Es funktioniert aber genauso, wenn du sagst:

Sie sind der*die Chef*in, ich bin Sachbearbeiter*in und als solche*r muss ich Ihnen sagen, dass…

In diesem Fall wird dein*e Chef*in beruhigt sein, weil du den Rang anerkennst. Er*sie wird dann verstehen, dass du niemanden an den Karren fahren möchtest, sondern es dir wirklich um die Sache geht. Dies ist auch eine sehr gute Art, jemand ranghöherem gegenüber konstruktive Kritik zu äußern.

Meine Erfahrungen mit Basic Talk

Als ich dieses Buch von Peter Modler gelesen hatte, wurde mir endlich klar, warum ich in Gesprächsrunden mit meinen Ideen so oft übergangen worden war. Als Horizontal-Kommuniziererin hatte ich in männlich dominierten Umfeldern schlichtweg keine Chance gehabt. Mich hatte das wütend gemacht und ich hatte den Eindruck, als Frau diskriminiert zu werden.

Kurz nachdem ich mir dieses neue Know How angeeignet hatte, schrieb mich ein ehemaliger Ausbilder per Email an, weil er mich in ein Gremium seines Vereins berufen wollte. Mich wunderte dies, da dieser Mann mich und meine Ideen stets übergangen hatte. Ich wollte diesem Gremium aus Zeitgründen nicht beitreten, hatte aber noch eine gute Idee, wie er in dieser Angelegenheit weiterkommen könnte. Diese Idee wischte er mit einem Satz weg.

Erst fiel ich wieder in mein altes Schema, war getroffen, wütend, beleidigt und fühlte mich übergangen. Dann fiel mir ein, dass es doch sein könnte, dass ich einfach nur versäumt hatte, meinen Rang zu behaupten. Seit ich das letzte Mal mit diesem Menschen zu tun gehabt hatte, waren einige Jahre vergangen, in denen ich mich massiv weiterentwickelt hatte. Der Rang “Schülerin und Ausbilder” war bei ihm aber noch immer Stand der Dinge. Also entschied ich mich dafür, es mit einer Rangklärung nach dem o.g. Schema zu versuchen. Dass die Kommunikation per Mail lief, kam mir dabei sehr entgegen. So konnte ich in Ruhe formulieren. Ich schrieb:

Du bist Ausbilder, Gründer und Vorsitzender des Vereins, ich bin Coach mit 8 Jahren Berufserfahrung. Und als solche muss ich dir sagen, dass du mit deiner Herangehensweise scheitern wirst.

Das Ergebnis war, dass ich postwendend eine Antwort bekam: Er wollte natürlich nicht scheitern und fragte mich, ob ich eine Idee hätte, wie es besser gehen könnte. Daraufhin wiederholte ich meine schon geschriebene Idee wortwörtlich. Er antwortete, das sei eine prima Idee und so würde er es machen.

Bumm. Ich war völlig geflasht. Das war mir noch nie passiert. Es wäre früher für mich völlig undenkbar gewesen, in einer solchen Situation durchzudringen. Da wurde mir langsam klar, wie mächtig dieses Werkzeug ist, das ich da neu in meinem Repertoire hatte. Es war sehr interessant, dass dieser Ausbilder meine Idee tatsächlich beim ersten Mal gar nicht mitbekommen hatte. Da war ich so rangniedrig für ihn, dass er gar nicht aufmerksam gelesen hatte. Ich musste ihm nach der Rangklärung die Idee tatsächlich noch einmal schreiben. Da las er sie aufmerksam und sie war ihm vollkommen neu. Das zeigte mir, dass mir tatsächlich nie zugehört worden war. Und dass ich nicht als Frau diskriminiert worden war, sondern schlichtweg diese Art zu kommunizieren nicht beherrscht hatte.

Es folgten weitere Erfahrungen mit anderen Menschen und Situationen per Mail, die ähnlich frappierend waren. Da konnte ich das Werkzeug in aller Ruhe einüben. Inzwischen kann ich es auch im direkten Gespräch einsetzen. Es ist mir nicht leicht gefallen. Mir war es peinlich, meinen Status “heraushängen zu lassen” und in meinen Augen “unhöfliche” Sätze auszusprechen. Doch die Erfolge sprachen für sich. Ich hatte nun endlich den Schlüssel zu meiner Selbstbehauptung in der Hand.

Seit diesen Erfahrungen gebe ich dieses Know-How auch in meinen Coachings weiter und konnte vielen Hochsensiblen damit bei beruflichen Schwierigkeiten helfen. Es lohnt sich wirklich, damit zu experimentieren und dies umzusetzen! Umgekehrt gilt dies natürlich genauso – wenn du ein Vertikal-Kommunizerer bist, lohnt es sich, die horizontale Variante zu erlernen. Denn je nach Umfeld, in dem du dich bewegst, können ganz verschiedene Regeln und Tabus gelten. Deshalb ist es wichtig, beides zu können.

Quelle: Peter Modler, Mit Ignoranten sprechen, Frankfurt 2019

Vom gleichen Autor und in diesem Zusammenhang auch sehr lesenswert, weil es die horizontale Kommunikation zum Inhalt hat: Die freundliche Feindin: Weibliche Machtstrategien im Beruf, Frankfurt 2017

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Hochsensibel? In drei Schritten aus der Opferrolle! https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-in-drei-schritten-aus-der-opferrolle/ https://hochsensibelsein.de/hochsensibel-in-drei-schritten-aus-der-opferrolle/#comments Tue, 05 Jan 2021 10:51:54 +0000 https://hochsensibelsein.de/?p=26254 Weiterlesen →]]> Die meisten hochsensiblen Menschen sind besonders empathisch und verständnisvoll. Das ist eine sehr gute Eigenschaft! Doch man kann es auch übertreiben und landet dann schnell in der Opferrolle. In meinen Coachings höre ich die schlimmsten Geschichten. Da werden Erwachsene von ihren Eltern gedemütigt und klein geredet, von ihren Partner*innen ausgenutzt, auf der Arbeit übergangen und gemobbt und von ihren Freund*innen mit schnippischen Bemerkungen gekränkt. Von all diesen Unverschämtheiten, die ihnen angetan werden, berichten mir meine Klient*innen dann mit tonloser Stimme und spürbar leidend. Aber was vollkommen fehlt, ist das Gefühl der Wut! Wenn ich dann nachfrage, ob sie denn gar nicht sauer auf Eltern, Kolleg*innen etc. seien, bekomme ich meist als Antwort: Nein, ich kann da nicht sauer sein. Ich habe doch vollstes Verständnis mit diesen Menschen. Meine Eltern hatten es als Kinder selbst so schwer. Später haben sie all das verdrängt und jetzt sind sie eben traumatisiert und handeln deswegen so und so.

Dabei nehmen diese hochsensiblen Menschen stets eine Perspektive ein, die über allem schwebt und mit durchdringender Klarheit und großer Empathie scheinbar alles durchschaut und versteht. Aus dieser Perspektive heraus gibt es keine Wut. Menschen, die diese Perspektive einnehmen, denken oft, sie seien “weiter” als andere und es sei eine besondere Fähigkeit. Das stimmt einerseits auch, wenn man die andere Seite dabei nicht vergisst: Du bist nie nur ein objektives, bedürfnisloses Wesen, das von oben und mit Distanz auf die Situation schaut. Du bist immer auch selbst betroffen. Und wenn du darauf nicht reagierst, landest du in der Opferrolle.

Das führt dich in die Opferrolle

In die Opferrolle gerät man stets, wenn man die eigene Aggression, den eigenen Ärger unterdrückt. Das hat zur Folge, dass du nicht mehr in der Lage bist, dich abzugrenzen, weil dir der Ärger als Signal dafür, dass jemand deine Grenzen überschritten hat, fehlt. Mehr dazu kannst du in meinem Blog-Artikel Hochsensibilität, Abgrenzung und Aggression nachlesen. Die Gründe, Aggression und Ärger zu unterdrücken, sind vielfältig, z.B.:

  • Man möchte doch ein “guter” Mensch sein und da passt die eigene Aggressivität nicht ins Bild.
  • Selbst wütend zu sein macht immer auch Angst, nämlich die Angst vor der Reaktion des Gegenübers auf meine eigene potenzielle Aggressivität, Angst, dieser Reaktion nicht gewachsen zu sein, weil die Sache eskaliert, und Angst, diesen Menschen zu verlieren.
  • Durch übermäßige Einfühlung in andere verliert man die Sicht auf sich selbst und die eigenen Interessen und verliert vor lauter Verständnis den Zugang zu den eigenen Gefühlen.

Das macht die Opferrolle mit dir

Warum auch immer man die eigene Wut nicht mehr empfindet bzw. empfinden kann, sie ist dennoch da und als solche muss sie auch irgendwo hin. Wenn man das Bewusstsein für den eigenen Ärger verliert, spürt man nicht mehr, wo dieses Gefühl eigentlich herkommt, was die tatsächliche Ursache war. Also kann man den Ärger, die Wut, die Aggression auch nicht mehr dorthin richten, wo sie in Wirklichkeit hingehören. In der Folge lenken Menschen, die dazu neigen, in die Opferrolle zu kommen, ihren Ärger unbewusst auf sich selbst, mit massiven Konsequenzen. Das kann zu verschiedenen Symptomen führen:

  • Du fühlst dich ohnmächtig, kraft- und energielos: Erstens, weil du deine Aggressivität gegen dich selbst richtest und dich damit schwächst; zweitens, weil Aggression selbst eine starke Energie ist und du keinen Zugang mehr zu dieser Energie, die deine Macht ausmacht, hast.
  • Du gibst dir an allem, was geschieht, selbst die Schuld – es geschieht nur, weil ich nicht “gut genug” bin, weil ich etwas “falsch” gemacht habe etc.
  • Womöglich entwickelst du autoaggressive Verhaltensweisen. Du wirst nervös, fängst an, Fingernägel zu kauen, dir Wunden aufzukratzen oder sonstwie an dir herumzuknibbeln. Das Ganze kann bis hin zu Zwangshandlungen, Selbstverletzung, Magersucht u.v.m. führen.
  • Auch psychosomatische Beschwerden können entstehen: Die unterdrückte Wut führt zu einem hohen Stresslevel, das auf lange Sicht körperliche Beschwerden auslöst.
  • Da andere merken, dass sie deine Aggressivität nicht zu fürchten haben, werden sie dir mehr und mehr auf der Nase herumtanzen. Du wirst immer mehr Menschen anziehen, die Tätermuster aufweisen. Sie passen zu dir wie der Schlüssel ins Schloss, denn diese Menschen wollen die Verantwortung für ihre Aggressivität nicht übernehmen und sie stattdessen einfach auf jemand anderen ableiten. So etwas lassen sich nur Menschen bieten, die in einer Opferrolle gefangen sind!

Opfer sind auch Täter, Täter sind auch Opfer

Das, was ich jetzt schreibe, gilt nicht für Menschen, die Gewalttaten oder Missbrauch zum Opfer gefallen sind, sondern eher für die alltäglich zu beobachtenden Täter- und Opfer-Beziehungen.

Täter und Opfer haben vieles gemeinsam: Beide haben ein Problem mit Aggressivität. Während das Opfer sie verleugnet und unbewusst gegen sich selbst richtet, wollen Täter ihre Aggressivität nicht in die Verantwortung nehmen. Laut der Psychologin Verena Kast sind sie mit dem destruktiven Prinzip identifiziert. Aus Angst vor Zerstörung identifizieren sie sich mit ihr, um sich mächtig zu fühlen. Diese Angst vor Zerstörung rührt meist daher, dass Täter selbst einmal Opfer waren. Mehr dazu kannst du in meinem Blog-Artikel Aggression als Trostpflaster – wenn aus Opfern Täter werden nachlesen.

Deswegen besteht zwischen Tätern und Opfern meist eine starke Verkettung. Sie brauchen sich quasi gegenseitig. Das Opfer möchte die eigene Aggression nicht spüren und kann diese an den Täter delegieren, der Täter möchte die eigene Ohnmacht nicht spüren und lebt seine Identifizierung mit dem Destruktiven am Opfer aus. Das führt zu starken Bindungen, bei denen sich besonders die Opferseite oft nicht erklären kann, warum sie nicht in der Lage ist, diese offensichtlich destruktive Beziehung zu verlassen.

Dabei entwickeln auch Opfer Täteranteile. Erstens werden sie dadurch, dass sie ihre Aggressivität fälschlicherweise auf sich lenken, zu Tätern an sich selbst. Es geschieht aber noch eine zweite Sache: Wenn die eigene Aggressivität nicht bewusst erlebt wird, wandert sie in den Schatten der Persönlichkeit. Als Schatten bezeichnet man in der Tiefenpsychologie nach C.G. Jung die Persönlichkeitsanteile, die uns entweder nicht bewusst sind oder die wir anderen nicht zeigen mögen, weil wir befürchten, dafür abgelehnt zu werden oder weil sie unseren eigenen Werten widersprechen.

Wenn sich etwas in unserem Schatten befindet, nehmen wir es an uns selbst nicht mehr wahr. Da es aber trotzdem da ist, beginnen wir damit, diese Eigenschaften auf die Außenwelt zu projizieren. Das ist bei uns allen der Fall. Wenn wir etwas ablehnen, lohnt es sich deshalb immer, nachzuprüfen, ob tatsächlich etwas falsch daran ist oder ob wir nur einen Schattenanteil von uns selbst projiziert haben.

Befinden wir uns in der Opferrolle, liegt unsere eigene Aggressivität, unsere Wut, unser Genervtsein etc. im Schatten. Wenn wir dies nach außen projizieren, werden auch wir zu Tätern, denn wir tun damit anderen Unrecht. Das ist den meisten, die in einer Opferrolle gefangen sind, nicht bewusst. Es erfordert viel Mut und Ehrlichkeit mit sich selbst, das anzuschauen.

Der Weg aus der Opferrolle

Schritt 1: Die eigene Aggression, Ärger, Wut wieder in vollem Umfang spüren

Erinnere dich an eine Situation, in der du schlecht behandelt wurdest. Versetze dich in diese Situation, male sie dir in allen Farben und Nuancen aus, sodass sie dir ganz klar vor Augen steht. Erforsche nun deine Gefühle. Es muss irgendwo Ärger, Wut, Aggression oder wenigstens ein kleines bisschen Genervtsein existieren. Lasse dieses Gefühl voll zu, ohne zu handeln. Spüre es einfach, wie es ist.

Aggression zulassen heißt nicht, dass du aus dem Ärger heraus oder gar feindselig handeln sollst. Es heißt einfach nur, die Gefühle zu spüren, die da sind! Denn in diesen Gefühlen steckt erstens die Information, was eigentlich geschehen ist, und zweitens deine Energie und deine Macht!

Schritt 2: Mache dir die Ursache deiner Aggression bewusst

Wenn du Schritt 1 gründlich erledigt hast, bekommst du ein Bewusstsein dafür, wo deine Aggression herrührt, was deren Ursache, deren ursprünglicher Auslöser ist. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Deine Grenzen wurden übertreten. Das passiert ständig, auch versehentlich, und je näher man sich ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit. In diesem Fall grenzt du dich bitte sauber ab. Wie du das erfolgreich tust, erfährst du in meinem Blog-Artikel In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei Hochsensibilität.
  • Jemand hat sich destruktiv verhalten. Die Psychologin Verena Kast schreibt, dass Destruktivität lebensfeindlich ist und auf alle Fälle eliminiert werden muss! Die einzige Art, deine Aggressionen konstruktiv auszuleben, ist, wenn du sie gegen die Destruktivität richtest, durch die sie erzeugt wurden. Beispiel: Ein funktionierender Staat lässt keine Mörder frei herumlaufen!
  • Du bist aggressiv, weil du projiziert hast, d.h. jemand hat gar nichts Schlimmes gemacht, sondern nur deinen Schatten getriggert. In diesem Fall ist Schattenarbeit angesagt – mache dir bewusst, welcher Anteil von dir hier ans Licht möchte. Dies ist ein lebenslanger Entwicklungsprozess, der zu immer mehr Ganzheit führt und einen glücklich macht!

Schritt 3: Mache dir deine Ressourcen bewusst und beseitige die Ursache

Wenn dich jemand unverschämt behandelt, wehre dich unbedingt dagegen! Du tust weder dir noch anderen einen Gefallen damit, deine Aggressivität einfach herunterzuschlucken. Sie richtet sich sonst nur gegen dich selbst oder gegen irgendjemand anderen, der nichts dafür kann und auf den du deinen Schatten projizierst. Für den Menschen, der dich unverschämt behandelt, ist es wichtig, Grenzen gesetzt zu bekommen, damit er keinen weiteren Schaden anrichtet. Es bleibt keine andere Wahl!

Nicht immer bist du selbst stark genug, um Missstände zu beseitigen. Sollte das der Fall sein, prüfe weitere Ressourcen! Hol dir Hilfe, beschwere dich bei Vorgesetzten, informiere dich über weitere Handlungsmöglichkeiten, z.B. im Netz. Es gibt zahlreiche Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, an die du dich wenden kannst, je nachdem, was deine konkrete Situation ist.

Wir sind nicht heilig

Niemand von uns ist frei von Aggression, Ärger und Wut. Wir dürfen uns getrost von falschen Werten verabschieden, die unseren Ärger nur auf die schiefe Bahn bringen und dadurch zu etwas Destruktivem machen. Ein spiritueller Meister wurde einst gefragt, was er genau tue, um stets so glücklich und zufrieden zu sein. Seine Antwort war:

Wenn ich Hunger habe, esse ich. Wenn ich durstig bin, trinke ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich.

Ich würde dem noch hinzufügen: Wenn ich wütend bin, lasse ich meinen Ärger zu, sehe, wo er herkommt und beseitige die Ursache. Heilig sein kommt von Heil sein. Und heil bin ich, wenn ich alle Aspekte meiner Persönlichkeit zulasse und akzeptiere. Dann wird es immer weniger nötig, auf andere zu projizieren. Man wird gerechter, toleranter und ärgert sich deswegen auch seltener. Und wenn doch einmal, darf es sein.

Dieser Blog-Artikel basiert auf folgendem sehr lesenswerten Buch: Verena Kast, Abschied von der Opferrolle – das eigene Leben leben, 2019

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