Hochsensibilität und Kindesmissbrauch

Der Titel, den ich für diesen Artikel gewählt habe, klingt extrem. Doch ich verstehe unter Kindesmissbrauch nicht erst sexuelle Übergriffe, wie der Begriff gemeinhin verwendet wird. Für mich beginnt der Tatbestand des Kindesmissbrauchs bereits an einem ganz anderen Punkt: Nämlich immer da, wo Kinder von ihren Eltern (oder anderen erwachsenen Bezugspersonen) in eine Rolle gedrängt werden, die nicht kindgemäß ist, so dass sie eine Funktion erfüllen müssen, die sie überfordert, die ihre Entwicklung in falsche Bahnen lenkt und unter der sie langfristig gesehen Schaden nehmen. In meiner Coachingpraxis tauchen in letzter Zeit gehäuft Erwachsene auf, denen in ihrer Kindheit solches widerfahren ist. Oft ohne es zu wissen, leiden sie heute unter den Spätfolgen. Sie haben nämlich auch als Erwachsene noch ein erhöhte Bereitschaft, mehr Verantwortung zu übernehmen, als ihnen gut tut. Das hat zur der Folge, dass sie über ihre Grenzen gehen und sich deswegen leicht ausnutzen lassen.

Warum gerade hochsensible Kinder oft missbraucht werden

Kinder können ohne ihre Eltern (oder elternähnliche Bezugspersonen) nicht überleben. Deswegen weisen alle Kinder eine hohe Bereitschaft auf, ihre Eltern zu stabilisieren, nicht, weil ihnen das Spaß macht oder gut für sie wäre, sondern einfach, weil es für sie existenziell ist.

Aufgrund ihrer erniedrigten Reizschwelle nehmen hochsensible Kinder mehr wahr als andere. Oft sind sie in emotionaler Hinsicht für ihr Alter recht weit und weisen Charakterzüge auf, als hätten sie eine große Lebenserfahrung. Sie verfügen nochmals über höhere Ressourcen als andere Kinder, und sind deswegen in der Lage, noch mehr Verantwortung zu übernehmen.

Eltern oder andere erwachsene Bezugspersonen spüren das. Geraten die Eltern in eine Krise, wie auch immer diese geartet sein mag, dann ist die Versuchung groß, sich auf ihre hochsensiblen Kinder zu stützen und dadurch von ihnen besonders viel zu erwarten. Es ist einfach der bequemste Weg, weil es leicht ist, das zu tun. Die hilfsbereiten hochsensiblen Kinder springen bereitwillig über jedes Stöckchen, das ihnen die Eltern hinhalten. Und es scheint diesen Kindern leicht zu fallen. Doch dieser Schein trügt.

Hochsensible Kinder als Partnerersatz

Es kommt relativ oft vor, dass Eltern in einer Mischkonstellation leben, d.h. ein Elternteil ist hochsensibel, eins nicht. Eine solche Mischkonstellation hat viele Vorteile, und positiv gelebt können die beiden Partner sich wunderbar ergänzen. Doch oftmals kommt es auch zu den typischen Schwierigkeiten – der hochsensible Partner fühlt sich nicht so verstanden, wie er/sie es sich wünscht. Mehr dazu kannst Du in meinem Artikel Hochsensibilität und Partnerschaft nachlesen.

Bekommt nun z.B. eine hochsensible Mutter von einem nicht hochsensiblen Vater ein Kind, das die Hochsensibiltät von ihr erbt, wird dieses Kind seine Mutter stets besser verstehen als der nicht hochsensible Partner. Außerdem wird das Kind Eigenschaften des nicht hochsensiblen Elternteils geerbt haben und diesem ähneln. Dabei kommt dann also der Traumpartner des hochsensiblen Elternteils heraus – jemand, der dem eigenen Partner ähnelt, aber viel einfühlsamer und verständnisvoller ist. Und der noch dazu in einem Abhängigkeitsverhältnis lebt, in dem das Kind mehr als bereit dazu ist, alles für die Eltern zu tun… Die Versuchung, ein solches Kind als Partnerersatz zu missbrauchen, ist enorm hoch!

Und dieses Phänomen betrifft Jungen und Mädchen gleichermaßen. Denn es geht hier ja nicht um die sexuelle Komponente, sondern dass Kinder eine Rolle einnehmen müssen, die normalerweise dem Partner zusteht. So dienen hochsensible Kinder als Seelentröster, Ratgeber und Problemlöser für Dinge, die sie komplett überfordern und sie daran hindern, einfach Kind zu sein!

Die Folge ist oft, dass diese Kinder sich von ihren Altersgenossen entfremden, weil ihnen die Unbeschwertheit fehlt und sie keine gemeinsamen Themen mit Gleichaltrigen finden. Ihre gesamten Gedanken kreisen um die Probleme und Sorgen der Eltern.

Solche Kinder entwickeln auf der einen Seite enorme soziale Kompetenzen, auf der anderen Seite fehlt ihnen aber vieles, das sie in einer solchen Situation einfach nicht lernen können.

In späteren Beziehungen werden sie manchmal als übergriffig erlebt, weil sie gelernt haben, die Gedanken ihrer Mutter bzw. Vaters zu lesen und dazu erzogen wurden, dass das zu einer guten Partnerschaft gehöre. Doch für normale Partner ist dies unangenehm, da ein derartiges „Gedankenlesen“ an ihrer inneren Realtität vorbei geht und als „Unterstellung“ gesehen wird.

Beruflich und privat sind Erwachsene mit einer solchen Vergangenheit bereit, ständig über ihre Grenzen zu gehen, so dass ihr Energiehaushalt chronisch im Minusbereich liegt. Sie haben ein erhöhtes Burnout-Risiko. Viele von ihnen haben deswegen Klinikaufenthalte, bei einigen geht das bis zur völligen Berufsunfähigkeit.

Dies zeigt, dass es für hochsensible Kinder schwerste Folgen für ihr gesamtes weiteres Leben hat, wenn sie als Partnerersatz missbraucht werden. In der Situation selbst erleben sie das nicht so. Sie können das leisten, es scheint ihnen leicht zu fallen. Doch die Spätfolgen sind dramatisch, wenn man diese Muster nicht rechtzeitig erkennt und aufarbeitet.

Mein Appell geht an alle, die eine solche Kindheit erlebt haben: Lernt es, Euch abzugrenzen, lernt, Euren Energiehaushalt im Gleichgewicht zu halten! Mehr dazu kannst du in meinem Artikel In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei Hochsensibilität nachlesen.

Mein Appell geht aber auch an Eltern hochsensibler Kinder: Achtet darauf, dass Ihr Eure Kinder nicht ungewollt überfordert. Ein Kind ist ein Kind und muss ein solches bleiben dürfen. Lasst Eure Probleme, ob in der Partnerschaft oder sonstwo, dort, wo sie hingehören! Ihr habt die Möglichkeit dazu, weil Ihr diesen Artikel gelesen habt und deswegen die nötige Klarheit herrscht.

Hochsensible Kinder als Krisenmanager

Es gibt zahlreiche weitere Krisen, die eine Familie treffen können. Weit verbreitet ist Alkoholismus der Eltern, so dass diese in ihrer Elternfunktion ausfallen. Weitere Schicksalsschläge sind körperliche oder seelische Erkrankungen, die ein Elternteil treffen, Trennung der Eltern oder Tod.

Hochsensible Menschen können zwar von einem tropfenden Wasserhahn in den Wahnsinn getrieben werden, aber paradoxerweise sind sie bedeutend krisenfester als der Bevölkerungsdurchschnitt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie aufgrund ihrer feinen Wahrnehmung mehr Information aufnehmen und vieles, was kommt, schon vorhergesehen und in Gedanken durchgespielt haben. Deswegen trifft einiges Übel hochsensible Menschen nicht unvorbereitet.

Es gibt viele hochsensible Rettungsassistenten, Feuerwehrleute und Notärzte. Auch manche/r Held/in, der/die in einem Katastrophenfall die Nerven bewahrt und noch zahlreiche andere rettet, ist hochsensibel. Der Schock tritt bei uns erst ein, wenn die Krise hinter uns liegt. Dann kommt es durchaus vor, dass die Knie anfangen zu zittern und wir komplett zusammenbrechen, obwohl wir in der Situation selbst einwandfrei „funktioniert“ haben.

Bei hochsensiblen Kindern ist das genauso. Wenn die Familie in eine Krise gerät, springen sie in die Bresche. Sie übernehmen Verantwortung, die sonst die Eltern tragen sollten, und geben alles, um Verluste auszugleichen. So kümmern sie sich um jüngere Geschwister, übernehmen Pflichten im Haushalt und gehen in Ländern, wo das erlaubt ist, arbeiten.

Wenn Menschen eine solche Kindheit hatten, fällt auf, dass sie später als Erwachsene oft schlecht für sich selbst sorgen können. Sie erwerben hohe soziale Kompetenzen, sind aber nicht in der Lage, diese für ihr eigenes Weiterkommen einzusetzen. Sie haben einfach in einer prägenden Phase ihres Lebens gelernt, sich selbst und die eigenen Interessen zurückzustellen.

Wenn du eine solche Kindheit hattest, möchte ich dich bitten, dir zu erlauben, auch deine Person wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Etwas, das schlecht für dich ist, kann nicht gut für die Welt sein, denn du bist Teil dieser Welt!

Hochsensibilität und Kindesmissbrauch – Fazit

Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist nur die traurige Spitze eines riesigen Eisbergs. In Wirklichkeit setzt Missbrauch viel früher an. Gerade hochsensible Kinder eigenen sich hervorragend als Partnerersatz, und sie sind ausgezeichnete Krisenmanager. Sie tun das, weil es für sie existenziell wichtig ist, und es scheint ihnen in der Situation leicht zu fallen, weil sie über entsprechende Kompetenzen verfügen.

Doch das Kind wird dadurch überfordert, weil es mit Problemen konfrontiert wird, die ein Kind nicht lösen kann. Diese Überforderung hört zwar auf, sobald die Situation sich ändert. Viel schlimmer ist aber, dass, wenn solche Dinge in einer prägenden Phase stattfinden, Kinder die falschen Dinge lernen. Und das hat gravierende Auswirkungen auf ihr gesamtes restliches Leben als Erwachsene!

Deswegen, liebe Eltern hochsensibler Kinder, passt gut auf Eure Kinder auf. Und wenn du selbst ein solches Schicksal hattest, hast du mit diesem Hintergrundwissen und deiner daraus resultierenden Bewusstheit beste Möglichkeiten, solche Muster bei dir zu erkennen, aufzulösen und ein glücklicheres Leben zu führen!

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18 Gedanken zu „Hochsensibilität und Kindesmissbrauch“

  1. Guten Morgen,
    Der Artikel spricht mir aus der Seele.Habe Tränen in den Augen.
    Ja die Abgrenzung,die Schutz bedeuten würde fehlt mir sehr schwer.
    Werde diesem Thema besondere Aufmerksamkeit schenken in der Hoffnung
    weniger zu Leiden und Frieden in dem Gefühlskarusell zu Erlangen.

    Herzlichen Dank,alles Liebe, Thomas

    Antworten
    • Lieber Thomas,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht! Ich finde es super, dass Du Dich um das Thema Abgrenzung kümmerst. Das wird Dich sicher sehr weiterbringen! Übrigens ist das ein Thema, das allen Hochsensiblen nicht gerade in die Wiege gelegt ist, und wenn man in der Kindheit noch solche Dinge erlebt hat, ist es noch wichtiger, sich das zu erarbeiten.

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  2. Hatte gerade gestern dieses Thema in der Therapiesitzung. Es schmerzt sehr, wenn einem das erst mal so richtig bewusst wird, wie die so verlaufene Kindheit das ganze spätere Leben beeinflusst hat, bis man merkt, es geht so nicht mehr weiter. Der Artikel ist nochmal eine sehr gute Bestätigung, dass ich jetzt auf dem richtigen Weg bin. Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Antworten
    • Liebe Amanda,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht! Auch wenn es erst einmal schmerzt, wie Du es beschreibst, hast Du doch dann endlich die Möglichkeit, diese Dinge in die Hand zu nehmen und Deine innere Freiheit zu gewinnen. Von daher kann ich Dich nur ermutigen, auf diesem Weg weiter zu gehen…

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  3. Liebe Anne- Barbara,

    danke für diesen Artikel. Auch ich drücke meine Tränchen etwas weg gerade.
    Du hast das alles so schön auf den Punkt gebracht, auf den schmerzhaften Punkt bzw.auf die Folgen solch einer Kindheit. Ich übe mich jetzt seit Jahren in Selbst – bzw. Nachbeelterung. Bin berufsunfähig. Aber es funktioniert langsam immer besser mich in den Mittelpunkt zu stellen. Yoga, Meditation, Natur, liebevolle Gedanken und Taten für mich selber helfen mir sehr. Danke für deine so einfühlsame Darstellung.
    Herzlichst
    Carola

    Antworten
    • Liebe Carola,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht, der mich gerade sehr berührt! Super, dass Du auf einem so guten Weg bist. Ich drücke dir die Daumen, dass Deine Lage sich immer weiter verbessert!

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  4. Liebe Anne-Barbara,
    „Doch die Spätfolgen sind dramatisch, wenn man diese Muster nicht rechtzeitig erkennt und bearbeitet.“ Und genau da befinde ich mich heute mit 58 Jahren, Erwerbsminderungsrente seit 8 Jahren,35 Jahre Erzieherberuf, immer noch auf der Suche nach mir Selbst, Hunderte Bücher geschmöckert, auf spirituellen Pfaden suchend und und und. Deine Seiten, liebe Anne-Barbara sind Lichtblicke, AHA Effekte lassen mich Ursachen und Wirkung erkennen. Nun bleibt die große Aufgabe mir zu erlauben, mich Selbst leben zu dürfen in Freude,Liebe und Lachen. Schön, dass du deine Blogs mit deinem reichen Wissensschatz mit uns teilst. Viel Erfolg!

    Antworten
    • Liebe Ulrike,

      vielen Dank für Deinen netten Kommentar und Deine bewegende Geschichte! Ich wünsche Dir ab sofort ganz viel Freude, Liebe, Lachen und das glückliche Leben, dass Du Dir verdient hast. :-D

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  5. Liebe Anne-Barbara,
    vielen Dank für Deinen wertvollen Artikel; besser hätte ich das als Betroffener nicht beschreiben können!
    Zwar wurde ich auf den erfahrenen Missbrauch, so wie Du ihn beschreibst, bereits vor über 15 Jahren hingewiesen – ich war damals ziemlich geschockt, hatte ich doch bis dahin noch ein vollst. anderes Familienbild! Erst nachdem mir erlaubt wurde, meine Eltern (insb. Mutter) so zu sehen (das war vorher vor lauter Verantwortungsgefühl, Solidarität und Scham gar nicht möglich) war ich zunächst betroffen und dann erleichtert, dass eins meiner wohl schwerwiegendsten Probleme endlich erkannt und benannt wurde.
    Trotz mancher darauf folgender Therapien (in denen das „Thema“ leider nicht mehr so deutlich vorkam!) begleiten mich seine Folgen bis heute (55), wenn auch inzwischen nicht mehr so stark; denn zum Glück gibt es liebe Menschen wie Dich, die mir bereits sehr viel weiter geholfen haben! Vielen lieben Dank an dieser Stelle!
    Dass ich es noch nicht vollständig überwunden habe, bekomme ich immer mal wieder sehr eindrücklich vor Augen geführt, z.B. dann, wenn ich Kinder betrachten darf, die wie Kinder aufwachsen dürfen! Dann weine ich vor Freude und Schmerz gleichermaßen…da reichen auch schon mal die Voice-Kids… ;-)

    Antworten
    • Lieber Robert,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht! Ehrlich gesagt bist Du einer der Menschen, an die ich gedacht hatte, als ich diesen Artikel geschrieben habe. Denn Deine Geschichte ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie es vielen hochsensiblen Kindern ergeht. Aus Deinen Worten wird deutlich, dass es gar nicht leicht ist, ein solches Muster überhaupt zu erkennen, weil einem Dinge wie Verantwortungsgefühl und Solidarität entgegen stehen. Und um sich dann davon zu befreien, ist es wichtig, konsequent dran zu bleiben, wie Du es ja auch erfolgreich tust. Ich wünsche Dir, dass es Dir immer besser geht! Irgendjemand Kluges hat einmal gesagt, dass es nie zu späte für eine glückliche Kindheit ist… ;-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  6. Liebe Anne-Barbara,

    ich lese seit einiger Zeit auf deiner Seite und habe viele Aha-Erlebnisse gehabt. Ich habe so einiges über mich erfahren und heraus gefunden, das ist von keinem ‚Experten‘ bestätigt, aber wie du an vielen Stellen schreibst, mittlerweile kenne ich mich wieder ganz gut und weiß einfach, was auf mich passt.
    Das Thema dieses Artikels wollte ich zuerst auslassen, da ich dachte, es gehe nur um sexuelle Übergriffe. Irgendetwas daran (Intuition vielleicht?) ließ mich aber nicht los und so begann ich, zu lesen.
    Jetzt weiß ich, dass es viele Grenzüberschreitungen gab, in vielen Bereichen, weil ich meine Grenzen einfach nicht kannte und gesehen habe. Mich nicht wahrgenommen habe. Das tut weh. Und noch mehr tut weh, dass meine Mutter daran ‚Schuld‘ ist, dass ich das alles nicht erkannt habe, wenn sie mich auch unbewusst in die Richtung ‚erzogen‘ haben muss (ich weiß, dass ich sie nicht alleine dafür verantwortlich machen kann, dass ich so geworden bzw. geblieben bin, und das will ich auch nicht, aber der Grundstock muss von ihr ungewollt gelegt worden sein).
    Ich liebe meine Mutter. Ich habe sie mal vergöttert, aber ich war auch ein Kind. Mittlerweile hat das Bild Risse. Was mir leid tut, denn meine Mutter hat es auch nicht leicht gehabt. Aber wenn ich daran arbeite und irgendwann mit ihr darüber reden kann, werde ich diese Risse mit neuen, helleren Farben füllen können. Ich bin da guter Hoffnung, jetzt, seit eben gerade. Vorher hatte ich die Hoffnung schon verloren, dass sich noch einmal irgendetwas zum Positiven in meinem Leben wenden könnte. Aber wo ich jetzt den Auslöser kenne – und wie sich alles weitere daraus entwickelt hat – kann ich es angehen. Kann ich heilen. Und mich behaupten. Ich sein. Denn wie du schreibst – ich war bisher nicht wirklich ‚lebensfähig‘, ich habe nur existiert und funktioniert. Ich war immer darauf ausgerichtet, für andere da zu sein, dass ich mich selbst dabei völlig vergessen habe.
    Aber meine Eltern wollten mich – nun muss die Welt auch mit mir zurecht kommen! Und auch mit meinen ’negativen‘ Seiten, die ich bisher verdrängt habe.
    Es gab gerade einen Zug in meiner Brust, als ich über mein aktuelles Leben nachdachte und mich hier, zu Hause, als Vergessene und nicht Anwesende fühle. Als Übergangene, Übersehene. Als mir bewusst wurde, dass ich meinen Lebtag nicht nur von den meisten anderen so behandelt wurde – und es zugelassen habe -, sondern mit daran gearbeitet habe, dass die Leute mich so sehen konnten – weil ich mich ja selbst nicht sah, es nie ‚durfte‘. Es tat fürchterlich weh. Und ich weine immer noch. Aber nun sind die Gefühle, die ich über 33 Jahre an dieser Stelle eingekerkert hatte, wieder frei. Oder zumindest wieder zugänglich.
    Ich habe mich immer gefragt, wieso ich keinen Zugang mehr zu den ganzen Gefühlen hatte, denn ich hatte sie früher mal gespürt, sie waren mal da gewesen. Nun, vermutlich, weil ich spürte, als sehr junges Kind, dass von mir erwartet wurde, unbewusst, keinen Ärger zu machen, weil unsere Familiensituation wohl schon als anstrengend genug empfunden wurde. Also schaufelte ich nach und nach alles weg, womit ich irgendwo anecken konnte. Und wurde immer kränker und kränker dabei, immer lust- und teilnahmsloser. Und habe doch immer gespürt, dass es das irgendwo nicht sein kann, war immer auf der Suche – und kann nun mit dem Gefundenen neu starten. Herzlichen Dank dafür!

    Liebe Grüße
    Sandra

    Antworten
    • Liebe Sandra,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen sehr ergreifenden Bericht! Tut mir leid, dass das alles mit Deiner Mutter nicht leicht war. Ich finde es super, dass Du jetzt erkannt hast, wo es hakt, und weißt, in welche Richtung Du Dich weiterentwickeln kannst! Natürlich tut eine solche tiefgreifende Erkenntnis auch weh – aber Du bist jetzt erwachsen und wirst diesen Schmerz überwinden. Ich wünsche Dir alles Gute bei Deinem Neustart, und wenn Du noch Fragen hast, immer gern!

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  7. Liebe Anne-Barbara,

    Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel in dem ich mich stark wiedererkenne! Allerdings hat mich bislang gerade der Aspekt, dass ich immer (über?)angepasst war, an einer Hochsensibilität zweifeln lassen, da ich gelesen habe, hochsensible Kinder seien eher „schwierig“ (was mich allerdings beim ersten lesen verwundert hatte, da ich mich zunächst gefreut hatte, endlich ein Wort dafür gefunden zu haben). Oder wirkt sich das vielleicht bei belasteter Kindheit anders aus?

    Antworten
    • Liebe Mia,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein nettes Feedback! Dass hochsensible Kinder eher schwierig sind, halte ich für ein Vorurteil. Klar gibt es welche, die es aufgrund ihrer Hochsensibilität in Kindergarten und Schule nicht leicht haben. Aber es gibt auch viele hochsensible Kinder mit einer extrem hohen sozialen Kompetenz, die viel Verantwortung auf sich nehmen. Und genau die werden eben leicht in der von mir in diesem Artikel beschriebenen Weise ausgenutzt…

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

    • Lieber Arno,

      danke Dir für Dein nettes Feedback, das mich sehr freut!

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  8. Liebe Anne-Barbara, beim Lesen dieses Artikels wurde ich sehr traurigund innerlich klein. Ich befand mich sofort in meiner damaligen Kinderwelt in der ich meiner hochgradignarzisstischen Mutter beistehen und Ersatzpartner sein musste. Und ja, ich konnte es gut. Es schnürt mir grad fast das Herz zusammen, weilmir nun erst jahrzehnte später all diese Dinge und Schrecken immer bewusster und klarer werden. Fühle mich grad wie erstarrt. Genau wie damals. Obwohl ich auch ein sehr lebendiges, lustiges Kind sein konnte, das keine Omi in den Ferien bei sich haben wollte… ;-)Ich war zu wild. Gott sei Dank. Das half mir zu überleben. Dieser starke Lebenskeim. Dafür bin ich sehr dankbar. Ansonsten versuche ich heute noch mir mein altkluges Wesen abzugewöhnen… Als Kind hat es mir wohl geholfen. Nun denn. Vielen Dank, liebe Anne-Barbara für Deine Recherche und diesen erschreckend, wunderbaren Artikel. :-))) Alles Gute

    Antworten
    • Liebe Dagmar,

      danke dir für deine bewegenden Zeilen und dein nettes Feedback! Gut, dass du dir das alles jetzt noch einmal bewusst machst. Denn, wie Richard Bandler zu sagen pflegt:

      Das Beste an der Vergangenheit ist, dass sie vorbei ist.

      Wichtig ist, dass du heute erkennst, nach welchen Mustern du handelst, sodass du heute ein besseres Leben führst!

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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