Hochsensibilität und Perfektionismus

Durch unsere feine Art der Wahrnehmung haben wir als hochsensible Menschen durchaus ein hohes Potenzial für Perfektionismus. Hochsensibel zu sein bedeutet, im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt eine erniedrigte Reizschwelle zu haben, d.h. unsere Filter lassen mehr Information durch als das bei anderen der Fall ist. Aufgrund dessen sind hochsensible Menschen hervorragend dazu in der Lage, Details wahrzunehmen, seien es nun mehr oder weniger gelungene. So können wir uns an schönen Dingen noch mehr freuen als andere, aber wir fühlen uns natürlich auch von den weniger schönen Details stärker gestört, da sie uns deutlicher ins Bewusstsein treten. Das betrifft übrigens auch die eigenen Schwächen, die wir als hochsensible Menschen ebenfalls stärker wahrnehmen und deshalb oftmals überschätzen. Das kann von Vorteil sein, weil wir genauer hinsehen und Dinge gründlicher erledigen, uns aber auch in Stress bringen, weil wir am Ergebnis zweifeln und zu viel Energie darauf verwenden, es unnötigerweise „noch besser“ zu machen. In diesem Blog-Artikel möchte ich dir einige Impulse an die Hand geben, die dir helfen, guten von schädlichem Perfektionismus zu unterscheiden, um deinen Energiehaushalt ggf. besser ins Gleichgewicht zu bringen.

Positiver Perfektionismus

Als Erstes möchte ich ausdrücklich betonen, dass Perfektionismus grundsätzlich eine gute Eigenschaft ist! Viele Hochsensible bekommen nämlich von anderen zu Unrecht die Rückmeldung, sie seien „zu“ perfektionistisch. Und dann kann man auch wieder in Stress geraten, weil man denkt, es stimme etwas nicht mit einem und man versucht sich zu ändern, obwohl das gar nicht nötig ist.

Da Detailwahrnehmung zu unseren Gaben gehört, sind wir dazu in der Lage, Dinge perfekter hinzubekommen bzw. sie perfekter zu gestalten. Das kann für andere durchaus unbequem werden oder Neid erregen und daraufhin in ein schlechtes Licht gesetzt werden. Oft reden sich Leute für schlampige Arbeit darauf heraus, sie seien eben „nicht so perfektionistisch“. Im Umkehrschluss wird dann gute Arbeit herabgewürdigt. Dagegen gilt es, sich zu behaupten!

Unter positivem Perfektionismus verstehe ich, dass man Freude daran hat, etwas perfekt zu machen, dass man eine Vorstellung im Kopf hat, die einen motiviert, es richtig gut hinzubekommen. Am Ende ist man dann stolz auf das Erreichte, weil das Ergebnis optimal gelungen ist. Das hat eine positive Energie. Die meisten wirklich guten Dinge kommen gerade durch diese Art von Perfektionismus zustande.

Perfektionismus aus Angst

Perfektionismus ist immer dann Stress, wenn er nicht aus Freude am Verwirklichen entsteht, sondern von negativen Emotionen getrieben wird. Eine wichtige Ursache für negativen Perfektionismus ist Angst, die Angst, zu versagen, getadelt oder verspottet zu werden. Der Ursprung solcher Ängste kann (nicht nur) bei Hochsensiblen verschiedene Ursachen haben:

  • Wir nehmen alle Unstimmigkeiten, auch die eigenen Fehler, stärker wahr, fast wie durch eine Lupe, und denken dann oft, wir dürften uns diese Fehler auf keinen Fall erlauben, weil wir sie schlimmer einschätzen als sie tatsächlich sind.
  • Als Minderheit werden wir oft nicht verstanden und vielfach kritisiert, weswegen wir versuchen, es noch besser zu machen, um weniger Angriffspunkte zu bieten.
  • Menschen, die anders sind, werden oftmals diskriminiert. Das passiert Hochsensiblen leider auch regelmäßig. Auch hier kann Perfektionismus eine (vermeintliche) Strategie sein, um weniger Angriffsfläche zu bieten.

Leider führt Perfektionismus aus Angst stets in die Sackgasse. Denn die Angst kommt daher, dass man zu Unrecht attackiert wurde. Wenn man auf solche Attacken mit Perfektionismus reagiert, heißt das, dass man einen Teil der Schuld bei sich sucht, statt sich gegen den Angreifer zu wehren. Man gibt dem Angreifer damit indirekt recht, schwächt sich dadurch selbst und gerät letztlich in eine Opferrolle. Wie du aus dieser wieder herauskommst, kannst du in meinem Blog-Artikel Hochsensibel? In drei Schritten aus der Opferrolle! nachlesen.

Wenn du dich in diesen Worten wieder erkennst und dein Perfektionismus von Angst getrieben sein sollte, ist es sehr wichtig, dir die dahinter liegende Angst genau bewusst zu machen. Damit kommst du an die Ursache und kannst das Problem dann an der Wurzel lösen, statt dich in einem destruktiven Perfektionismus aufzureiben.

Perfektionismus aufgrund falscher Vorstellungen

Die zweite Perfektionismus-Falle, in die wir geraten können, beruht auf falschen Vorstellungen, die wir aus irgendwelchen Gründen entwickelt haben. Diese Art des Perfektionismus ist ähnlich wie der o.g. positive Perfektionismus. Denn um etwas perfekt zu machen, brauche ich immer eine Vorstellung, eine Vision davon, wie es sein sollte.

Wenn z.B. ein*e Künstler*in ein inneres Bild vor Augen hat und an der Ausführung so lange arbeitet, bis dieses innere Bild hundertprozentig so umgesetzt ist, wie es vor dem inneren Auge war, ist das Perfektionismus im positiven Sinn. Doch wenn jemand eine Vorstellung verfolgt, die gar nichts mit einer wirklichen inneren Motivation zu tun hat, reibt man sich mit genau der gleichen Vorgehensweise enorm auf.

Auch das kommt in meinen Coachings relativ häufig vor. Eine Klientin beispielsweise, die in Vollzeit berufstätig war und schon in jungen Jahren früh in eine Führungsposition gerutscht war, hatte die Vorstellung, ihr Garten sei nur in Ordnung, wenn dort nicht das kleinste Wildkräutlein wüchse. Sie konnte sich in ihrer Freizeit nicht regenerieren, weil sie immer, wenn sie sich in den Garten setzte, wieder irgendwo ein Kräutlein sah und mit dem Jäten begann. Das Bild, das sie von ihrem Garten im Kopf hatte, war einfach zu rigoros. Als sie sich das bewusst machte, konnte sie es ändern und Wildkraut auch einmal Wildkraut sein lassen. Sie erkannte, dass ihr Schwerpunkt einfach woanders lag und sie sich damit keinen Stress zu machen brauchte.

Was Perfektionismus betrifft, ist es also wichtig, die dahinterliegenden Vorstellungen, Bilder und Motivationen zu prüfen:

  • Willst du etwas perfekt machen, weil es für dich und andere wirklich wichtig ist, weil es etwas mit deiner Lebensaufgabe, deiner Vision von einem besseren Leben zu tun hat? Dann nur zu!
  • Handelt es sich dabei nur um Dinge, die du gelernt hast, die „man“ eben so machen sollte, die aber gar nichts mit deinen innersten Zielen zu tun haben? Dann verabschiede dich von diesen falschen Vorstellungen, die nicht mit deinem Leben in Verbindung stehen! Die Energie, die du dadurch gewinnst, kannst du für Dinge einsetzen, die dir wirklich wichtig sind.

Zwanghafter Perfektionismus

Die dritte Art, wie Perfektionismus aus dem Ruder laufen kann, ist der zwanghafte Perfektionismus. Er ist im Grunde genommen eine Mischung aus den beiden letztgenannten destruktiven Perfektionismusformen. Hinter Zwängen stehen immer Ängste. Der Zwang entwickelt sich dann als Strategie der Angstbewältigung, die auf falschen Vorstellungen beruht.

Wenn jemand z.B. einen Waschzwang hat, steckt dahinter die Angst vor Bakterien und Schmutz und dass man dadurch krank werden könnte. Jedes Mal, wenn diese Angst aufkommt, wäscht der*diejenige sich die Hände. Höchstwahrscheinlich wird dieser Mensch danach nicht krank. Das Gehirn nimmt daraufhin irrigerweise eine kausale Verknüpfung vor: Es denkt, „weil ich mir die Hände gewaschen habe, bin ich nicht krank geworden“. Und so wird Händewaschen zur Bewältigungsstrategie, d.h. jedes Mal, wenn die Angst vor Bakterien aufkommt, wäscht man sich dann die Hände. Immer wird das Gehirn in der falschen Vorstellung, die es entwickelt hat, bestätigt, man sei genau deshalb gesund geblieben.

Dadurch gerät man in einen Teufelskreis. Und der kann sich an allem möglichen entzünden, sei es, dass man Stifte auf dem Schreibtisch immer in der gleichen Weise anordnen „muss“ oder dass man erst alles tausendprozentig durchdenken „muss“, bevor man handelt. Die falsche Vorstellung des Gehirns beruht bei all diesen Varianten darauf, dass es denkt: „Weil ich das so gemacht habe, ist nichts passiert“.

Je nachdem wie stark sich das dann ausprägt, kann es von harmlosen, aber doch energieraubenden Marotten bis hin zu ausgedehnten Ritualen kommen, die enorm viel Kraft und Zeit rauben. Das geht dann natürlich ins Pathologische.

Wenn du solche Züge an dir entdeckst, ist es wichtig, dem Zwang nicht zu folgen, Dinge einfach einmal anders zu machen und die Angst auszuhalten. Es wird genauso wenig passieren. So hat das Gehirn die Möglichkeit, die falsche Kausalverknüpfung zu lösen. Dadurch lässt die Angst mit der Zeit nach. Wenn dieser zwanghafte Perfektionismus bei dir nur locker sitzt, kannst du es auf diese Weise schaffen. Wenn die Angst aber zu stark ist, lass dir bitte helfen und begib dich in Therapie. Für schwere Fälle gibt es sogar Kliniken, die auf diese Konfrontationstherapie spezialisiert sind.

Alles perfekt? ;-)

Mein Perfektionismus hat sich beim Schreiben dieses Artikels darauf gerichtet, das, was mir innerlich vorschwebt, so auszudrücken, dass es möglichst differenziert, strukturiert, klar und hilfreich für meine Leser*innen wird. Diesem Perfektionismus habe ich, wie bei all meinen Blog-Artikeln, hemmungslos nachgegeben. Dafür gönne ich mir jetzt gleich ein Päuschen und gehe joggen. Und den Rest des Tages lasse ich auch ‚mal fünf gerade sein. :-)

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8 Gedanken zu „Hochsensibilität und Perfektionismus“

    • Lieber Florian,

      danke dir für dein nettes Feedback! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  1. Liebe Anne-Barbara,

    mich erreicht dieser Artikel im passenden Moment – woher wusstest Du? Dazu weiter unten…

    Mit dem „Perfektionismus“ wie Du ihn oben differenzierst, beschäftige ich mich schon sehr lange. Seit ich den Begriff HSP in meinem Leben habe, sehe ich eine weitere Differenzierung, die ich in den letzten Jahren verifizierte und gerade in den letzten Monaten bemerke ich, wie viel Bedeutung diese Variante in meinem Alltag einnimmt.

    Perfektionismus möchte ich wie Du nicht grundsätzlich als etwas pathologisches einstufen – aber es gibt dann aus meiner Sicht noch Komplexität, wenn man den Begriff Vollkommenheit mit in die Betrachtung einbezieht.

    Durch das Erkennen (zwangsweise, weil als HSP nicht abschaltbar) von Perfektionismus (in den Formen wie oben) in meinem sozialen Umfeld oder spontanen Kontakten und viel Selbstreflexion komme ich zu dem Schluß, daß bei HSP anstelle des Perfektionismus-Begriff ggf. auch der dringende Wunsch oder gar Zwang nach Vollkommenheit anzuwenden wäre oder angewendet werden muß.

    Beispiele, die das vielleicht besser verständlich machen:
    Wenn ich ein Bild schief hängen sehe, ein Lichtschalter schräg montiert ist – dann ist es kein Perfektionismus, das korrigieren zu müssen. Viele Menschen haben kein gutes Augenmaß und nehmen das vielleicht gar nicht war oder sind, bei einen schrägen Horizont im Foto des Traumsonnenuntergangs im Urlaub nicht irritiert. Für mich sind diese Schräglagen auch kein Pfusch oder „not finished, but done“ – es ist einfach nur „nicht richtig“ im Sinne von Vollkommen. Eine schief eingebaute Tür, die auf- oder zuläuft ist nicht nur Alltagsärger sondern kann auch Indiz für die Oberflächlichkeit des Handwerkers sein. Aber vor allem ist es nicht dem entsprechend, wofür die Tür auch da ist… obwohl die Grundfunktion nicht verhindert ist.

    In der Natur sind die Dinge nur dann von Dauer (im Sinne der Reproduktion), wenn es gerade genügt = Vollkommen ist. Spontane Mutation (= Fehler oder Oberflächlichkeit) wird nur dann nicht mit Totalausfall (diese Mutation lebt nicht weiter) quittiert, wenn es eine hinreichende neue Form des bisherigen ist.

    Daher unterstelle ich, daß genau diese grundlegende Prinzip der Natur auch das ist, was in HSP zu diesem grundsätzlichen Wunsch nach Vollkommenheit wirkt.

    Antworten
    • Lieber Henry,

      danke dir für deine Zeilen! Wichtig ist, dass man durch das Streben nach Vollkommenheit erstens selbst keinen Stress, sondern Freude hat, und zweitens die Grenzen anderer dabei respektiert, d.h. dass ich mein Streben nach Vollkommenheit auf meinen Einflussbereich richte und anderen ihren Raum lasse.

      In der Natur scheint vieles vollkommen, obwohl es das nicht ist. Z.B. gibt es bei Katzen eine Zahnkrankheit namens Forl, bei der die Zähne erwachsener Tiere sich abbauen, weil ein Programm weiter aktiv ist, das eigentlich nur für die Entfernung der Milchzähne zuständig ist. Zunächst dachte man, das beträfe nur Hauskatzen, später hat man in freier Wildbahn Löwen gefunden, die daran verstorben sind. Das macht der Natur aber nichts aus, weil die Katzen alt genug werden, um sich ausreichend fortzupflanzen. Diese Art Beispiele lassen sich unendlich fortsetzen…

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  2. Warum ist Dein Blogartikel nun gerade passend?

    In den letzten Monaten nimmt offenbar meine Elastizität ab, anderen Menschen ihre Unvollkommenheit ertragen zu können. Sicher ist es auch der zunehmenden generellen Belastung zuzuschreiben, die man trotz vielleicht maximal möglicher Distanz zu den vielen schweren Themen unserer Zeit erfahren muß.
    „Abgrenzung“ ist immer ein großes Thema für mich und sicher für viele Mitleser.

    Jedoch ist es vielleicht auch genau dies: Je mehr die gefühlte Nachlässigkeit der Mitmenschen im Kopfkino für die vielen Aufgaben unserer Zeit als Ursache oder verschärfend empfunden werden kann (ja, ich differenziere viel) oder es dann auch mal direkt ist – um so schwerer wird es, diesen Unmut nicht auch zu vermitteln.

    So beobachte ich mich dabei, wenn ich innerlich zu köcheln beginne, wenn jemand etwas nicht „gut“ im Sinne von Vollkommen macht.

    Beispiele dazu sind, Dinge mit der Vorsicht zu verwenden, die verhindert, es länger zu benutzen. Ganz einfach zählt dazu schon, ein Buch mit einem Lesezeichen zu verwenden, wenn man Lesepause hat (und es nicht rücklings auf den Tisch zu legen).

    Daher, liebe Anne-Barbara, komme ich nach vielen Antwortzeilen zu Deinem Artikel nun zum (ersten) Ende meiner Gedankenniederschrift.

    Wenn der eigene Perfektionismus oder Wunsch/Zwang nach Vollkommenheit nicht nur einen mit einem selbst beschäftigt, sondern auch oder gar umso mehr (intensiver) als Trigger bedient wird, kommt eine weitere Problematik für HSP in den Fokus. Und zumindest ich muß schreiben, daß mir dies mehr Ressourcen nimmt, als das, was ich im Innenverhältnis damit zu bewältigen habe.

    Herzliche Grüße
    Henry

    Antworten
    • Lieber Henry,

      tut mir leid, dass dir das mehr Ressourcen nimmt, als das, was du im Innenverhältnis damit zu bewältigen hast! Vielleicht würde es doch Sinn für dich machen, einmal hinter die Kulissen des Vollkommenheitsstrebens zu sehen und zu schauen, was an Motivation wirklich dahinter steckt. Denn wenn es dein ureigener Antrieb, frei von Ängsten und erlernten Vorstellungen wäre, hättest du mehr Freude daran.

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  3. Ist schon auffällig, wie klar, wie verständlich für mich als Laien und wie wertschätzend auch gegenüber weniger hoch wahrnehmungsgetakteten Menschen jeder einzelne Artikel geschrieben ist!
    Dieser Artikel beschreibt wie ein Fraktal den ästhetischen Anspruch mit dem der Blog aufgezogen ist.
    Bin ein Fan!

    Antworten
    • Lieber Simon,

      wow, danke dir für dein sehr nettes Feedback, über das ich mich ganz außerordentlich freue! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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