Hochsensibel? In drei Schritten aus der Opferrolle!

Die meisten hochsensiblen Menschen sind besonders empathisch und verständnisvoll. Das ist eine sehr gute Eigenschaft! Doch man kann es auch übertreiben und landet dann schnell in der Opferrolle. In meinen Coachings höre ich die schlimmsten Geschichten. Da werden Erwachsene von ihren Eltern gedemütigt und klein geredet, von ihren Partner*innen ausgenutzt, auf der Arbeit übergangen und gemobbt und von ihren Freund*innen mit schnippischen Bemerkungen gekränkt. Von all diesen Unverschämtheiten, die ihnen angetan werden, berichten mir meine Klient*innen dann mit tonloser Stimme und spürbar leidend. Aber was vollkommen fehlt, ist das Gefühl der Wut! Wenn ich dann nachfrage, ob sie denn gar nicht sauer auf Eltern, Kolleg*innen etc. seien, bekomme ich meist als Antwort: Nein, ich kann da nicht sauer sein. Ich habe doch vollstes Verständnis mit diesen Menschen. Meine Eltern hatten es als Kinder selbst so schwer. Später haben sie all das verdrängt und jetzt sind sie eben traumatisiert und handeln deswegen so und so.

Dabei nehmen diese hochsensiblen Menschen stets eine Perspektive ein, die über allem schwebt und mit durchdringender Klarheit und großer Empathie scheinbar alles durchschaut und versteht. Aus dieser Perspektive heraus gibt es keine Wut. Menschen, die diese Perspektive einnehmen, denken oft, sie seien „weiter“ als andere und es sei eine besondere Fähigkeit. Das stimmt einerseits auch, wenn man die andere Seite dabei nicht vergisst: Du bist nie nur ein objektives, bedürfnisloses Wesen, das von oben und mit Distanz auf die Situation schaut. Du bist immer auch selbst betroffen. Und wenn du darauf nicht reagierst, landest du in der Opferrolle.

Das führt dich in die Opferrolle

In die Opferrolle gerät man stets, wenn man die eigene Aggression, den eigenen Ärger unterdrückt. Das hat zur Folge, dass du nicht mehr in der Lage bist, dich abzugrenzen, weil dir der Ärger als Signal dafür, dass jemand deine Grenzen überschritten hat, fehlt. Mehr dazu kannst du in meinem Blog-Artikel Hochsensibilität, Abgrenzung und Aggression nachlesen. Die Gründe, Aggression und Ärger zu unterdrücken, sind vielfältig, z.B.:

  • Man möchte doch ein „guter“ Mensch sein und da passt die eigene Aggressivität nicht ins Bild.
  • Selbst wütend zu sein macht immer auch Angst, nämlich die Angst vor der Reaktion des Gegenübers auf meine eigene potenzielle Aggressivität, Angst, dieser Reaktion nicht gewachsen zu sein, weil die Sache eskaliert, und Angst, diesen Menschen zu verlieren.
  • Durch übermäßige Einfühlung in andere verliert man die Sicht auf sich selbst und die eigenen Interessen und verliert vor lauter Verständnis den Zugang zu den eigenen Gefühlen.

Das macht die Opferrolle mit dir

Warum auch immer man die eigene Wut nicht mehr empfindet bzw. empfinden kann, sie ist dennoch da und als solche muss sie auch irgendwo hin. Wenn man das Bewusstsein für den eigenen Ärger verliert, spürt man nicht mehr, wo dieses Gefühl eigentlich herkommt, was die tatsächliche Ursache war. Also kann man den Ärger, die Wut, die Aggression auch nicht mehr dorthin richten, wo sie in Wirklichkeit hingehören. In der Folge lenken Menschen, die dazu neigen, in die Opferrolle zu kommen, ihren Ärger unbewusst auf sich selbst, mit massiven Konsequenzen. Das kann zu verschiedenen Symptomen führen:

  • Du fühlst dich ohnmächtig, kraft- und energielos: Erstens, weil du deine Aggressivität gegen dich selbst richtest und dich damit schwächst; zweitens, weil Aggression selbst eine starke Energie ist und du keinen Zugang mehr zu dieser Energie, die deine Macht ausmacht, hast.
  • Du gibst dir an allem, was geschieht, selbst die Schuld – es geschieht nur, weil ich nicht „gut genug“ bin, weil ich etwas „falsch“ gemacht habe etc.
  • Womöglich entwickelst du autoaggressive Verhaltensweisen. Du wirst nervös, fängst an, Fingernägel zu kauen, dir Wunden aufzukratzen oder sonstwie an dir herumzuknibbeln. Das Ganze kann bis hin zu Zwangshandlungen, Selbstverletzung, Magersucht u.v.m. führen.
  • Auch psychosomatische Beschwerden können entstehen: Die unterdrückte Wut führt zu einem hohen Stresslevel, das auf lange Sicht körperliche Beschwerden auslöst.
  • Da andere merken, dass sie deine Aggressivität nicht zu fürchten haben, werden sie dir mehr und mehr auf der Nase herumtanzen. Du wirst immer mehr Menschen anziehen, die Tätermuster aufweisen. Sie passen zu dir wie der Schlüssel ins Schloss, denn diese Menschen wollen die Verantwortung für ihre Aggressivität nicht übernehmen und sie stattdessen einfach auf jemand anderen ableiten. So etwas lassen sich nur Menschen bieten, die in einer Opferrolle gefangen sind!

Opfer sind auch Täter, Täter sind auch Opfer

Das, was ich jetzt schreibe, gilt nicht für Menschen, die Gewalttaten oder Missbrauch zum Opfer gefallen sind, sondern eher für die alltäglich zu beobachtenden Täter- und Opfer-Beziehungen.

Täter und Opfer haben vieles gemeinsam: Beide haben ein Problem mit Aggressivität. Während das Opfer sie verleugnet und unbewusst gegen sich selbst richtet, wollen Täter ihre Aggressivität nicht in die Verantwortung nehmen. Laut der Psychologin Verena Kast sind sie mit dem destruktiven Prinzip identifiziert. Aus Angst vor Zerstörung identifizieren sie sich mit ihr, um sich mächtig zu fühlen. Diese Angst vor Zerstörung rührt meist daher, dass Täter selbst einmal Opfer waren. Mehr dazu kannst du in meinem Blog-Artikel Aggression als Trostpflaster – wenn aus Opfern Täter werden nachlesen.

Deswegen besteht zwischen Tätern und Opfern meist eine starke Verkettung. Sie brauchen sich quasi gegenseitig. Das Opfer möchte die eigene Aggression nicht spüren und kann diese an den Täter delegieren, der Täter möchte die eigene Ohnmacht nicht spüren und lebt seine Identifizierung mit dem Destruktiven am Opfer aus. Das führt zu starken Bindungen, bei denen sich besonders die Opferseite oft nicht erklären kann, warum sie nicht in der Lage ist, diese offensichtlich destruktive Beziehung zu verlassen.

Dabei entwickeln auch Opfer Täteranteile. Erstens werden sie dadurch, dass sie ihre Aggressivität fälschlicherweise auf sich lenken, zu Tätern an sich selbst. Es geschieht aber noch eine zweite Sache: Wenn die eigene Aggressivität nicht bewusst erlebt wird, wandert sie in den Schatten der Persönlichkeit. Als Schatten bezeichnet man in der Tiefenpsychologie nach C.G. Jung die Persönlichkeitsanteile, die uns entweder nicht bewusst sind oder die wir anderen nicht zeigen mögen, weil wir befürchten, dafür abgelehnt zu werden oder weil sie unseren eigenen Werten widersprechen.

Wenn sich etwas in unserem Schatten befindet, nehmen wir es an uns selbst nicht mehr wahr. Da es aber trotzdem da ist, beginnen wir damit, diese Eigenschaften auf die Außenwelt zu projizieren. Das ist bei uns allen der Fall. Wenn wir etwas ablehnen, lohnt es sich deshalb immer, nachzuprüfen, ob tatsächlich etwas falsch daran ist oder ob wir nur einen Schattenanteil von uns selbst projiziert haben.

Befinden wir uns in der Opferrolle, liegt unsere eigene Aggressivität, unsere Wut, unser Genervtsein etc. im Schatten. Wenn wir dies nach außen projizieren, werden auch wir zu Tätern, denn wir tun damit anderen Unrecht. Das ist den meisten, die in einer Opferrolle gefangen sind, nicht bewusst. Es erfordert viel Mut und Ehrlichkeit mit sich selbst, das anzuschauen.

Der Weg aus der Opferrolle

Schritt 1: Die eigene Aggression, Ärger, Wut wieder in vollem Umfang spüren

Erinnere dich an eine Situation, in der du schlecht behandelt wurdest. Versetze dich in diese Situation, male sie dir in allen Farben und Nuancen aus, sodass sie dir ganz klar vor Augen steht. Erforsche nun deine Gefühle. Es muss irgendwo Ärger, Wut, Aggression oder wenigstens ein kleines bisschen Genervtsein existieren. Lasse dieses Gefühl voll zu, ohne zu handeln. Spüre es einfach, wie es ist.

Aggression zulassen heißt nicht, dass du aus dem Ärger heraus oder gar feindselig handeln sollst. Es heißt einfach nur, die Gefühle zu spüren, die da sind! Denn in diesen Gefühlen steckt erstens die Information, was eigentlich geschehen ist, und zweitens deine Energie und deine Macht!

Schritt 2: Mache dir die Ursache deiner Aggression bewusst

Wenn du Schritt 1 gründlich erledigt hast, bekommst du ein Bewusstsein dafür, wo deine Aggression herrührt, was deren Ursache, deren ursprünglicher Auslöser ist. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Deine Grenzen wurden übertreten. Das passiert ständig, auch versehentlich, und je näher man sich ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit. In diesem Fall grenzt du dich bitte sauber ab. Wie du das erfolgreich tust, erfährst du in meinem Blog-Artikel In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei Hochsensibilität.
  • Jemand hat sich destruktiv verhalten. Die Psychologin Verena Kast schreibt, dass Destruktivität lebensfeindlich ist und auf alle Fälle eliminiert werden muss! Die einzige Art, deine Aggressionen konstruktiv auszuleben, ist, wenn du sie gegen die Destruktivität richtest, durch die sie erzeugt wurden. Beispiel: Ein funktionierender Staat lässt keine Mörder frei herumlaufen!
  • Du bist aggressiv, weil du projiziert hast, d.h. jemand hat gar nichts Schlimmes gemacht, sondern nur deinen Schatten getriggert. In diesem Fall ist Schattenarbeit angesagt – mache dir bewusst, welcher Anteil von dir hier ans Licht möchte. Dies ist ein lebenslanger Entwicklungsprozess, der zu immer mehr Ganzheit führt und einen glücklich macht!

Schritt 3: Mache dir deine Ressourcen bewusst und beseitige die Ursache

Wenn dich jemand unverschämt behandelt, wehre dich unbedingt dagegen! Du tust weder dir noch anderen einen Gefallen damit, deine Aggressivität einfach herunterzuschlucken. Sie richtet sich sonst nur gegen dich selbst oder gegen irgendjemand anderen, der nichts dafür kann und auf den du deinen Schatten projizierst. Für den Menschen, der dich unverschämt behandelt, ist es wichtig, Grenzen gesetzt zu bekommen, damit er keinen weiteren Schaden anrichtet. Es bleibt keine andere Wahl!

Nicht immer bist du selbst stark genug, um Missstände zu beseitigen. Sollte das der Fall sein, prüfe weitere Ressourcen! Hol dir Hilfe, beschwere dich bei Vorgesetzten, informiere dich über weitere Handlungsmöglichkeiten, z.B. im Netz. Es gibt zahlreiche Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, an die du dich wenden kannst, je nachdem, was deine konkrete Situation ist.

Wir sind nicht heilig

Niemand von uns ist frei von Aggression, Ärger und Wut. Wir dürfen uns getrost von falschen Werten verabschieden, die unseren Ärger nur auf die schiefe Bahn bringen und dadurch zu etwas Destruktivem machen. Ein spiritueller Meister wurde einst gefragt, was er genau tue, um stets so glücklich und zufrieden zu sein. Seine Antwort war:

Wenn ich Hunger habe, esse ich. Wenn ich durstig bin, trinke ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich.

Ich würde dem noch hinzufügen: Wenn ich wütend bin, lasse ich meinen Ärger zu, sehe, wo er herkommt und beseitige die Ursache. Heilig sein kommt von Heil sein. Und heil bin ich, wenn ich alle Aspekte meiner Persönlichkeit zulasse und akzeptiere. Dann wird es immer weniger nötig, auf andere zu projizieren. Man wird gerechter, toleranter und ärgert sich deswegen auch seltener. Und wenn doch einmal, darf es sein.

Dieser Blog-Artikel basiert auf folgendem sehr lesenswerten Buch: Verena Kast, Abschied von der Opferrolle – das eigene Leben leben, 2019

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6 Gedanken zu „Hochsensibel? In drei Schritten aus der Opferrolle!“

  1. Ich lese nun schon lange ihre Beiträge und Informationen zu dem Thema Hochsensibel und finde immer zu mir.Und bin glücklich zu lesen das ich dort platziert bin, und nicht allein bin mit meiner „Art“
    Heute schreibe ich, weil ich durch diesen Beitrag etwas ganz wichtiges lesen konnte, was mir trotz Psychologischen Beistand nicht gelungen war zu verstehen .Wut,meine Wut war immer etwas explosives aber Sie hat mich man kann fast sagen berauscht,ich fühlte mich nur in dem Zustand „stark“und fast unbesiegbar.Ich war dann nicht mehr zu Bremsen und habe zu dieser Zeit wohl auch viel Angst verbreitet.
    Das es mir dabei um Macht ging ist mir bis heute nicht bewusst gewesen.(Ausstieg aus der Opferrolle)Es war für mich das einzige Mittel mich zu Wehren ,wenn ich die Probleme und Konflikte nicht durch Gespräche
    klären konnte.
    Mein Lernprozess dauert nun schon 26 Jahre und der Verlauf hat sich in die von ihnen beschriebene Bahn entwickelt.
    Ich habe meine Wut in mein Schattenreich verbannt,weil ich dachte das ich Sie durch diesen
    neuen Lebensweg nicht mehr bräuchte.Dabei entwickelte es sich genauso wie beschrieben,meine wichtigen „Schutzschilde “
    fuhren runter und über die Zeit entwickelte sich die PTS .Eine harte Zeit,überall lauerten die Triggermonster.Ich habe manchesmal gedacht ich würde verrückt. Ich muste Lernen mich fürs Leben neu aufzustellen!
    Heute erst kann ich es verstehen,durch diesen Artikel das es ein „natürlicher “ Prozess war(so weit man das so beschreiben darf )Ein harter Weg ,weil so viele meiner Fragen offen blieben.Heute habe ich viele Antworten bekommen.
    Ich bin dadurch mir selbst begegnet und das möchte ich nicht missen.

    Vielen lieben Dank !!!

    Antworten
    • Liebe Claudia,

      vielen Dank für Ihr nettes Feedback und Ihre sehr beeindruckende Geschichte! Es freut mich, dass Sie durch diesen Blog-Artikel ein Stück weiter gekommen sind. Ja, es ist ganz wichtig, die Aggression nicht in das Schattenreich zu verbannen. Sonst findet keine wirkliche Veränderung statt, sondern nur ein Wechsel von der Täter- in die Opferrolle. Die Lösung liegt im Zulassen der Gefühle und in einem angemessenen Umgang damit. Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen immer besser geht und Sie immer mehr in Ihren inneren Frieden finden!

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  2. Liebe Anne-Barbara,
    dieser Blog-Artikel kommt für mich genau richtig. Heute habe ich sehr darüber nachgedacht, weswegen ich mich oft so schlecht abgrenzen kann, wenn ich Menschen gern habe, mir ihrer aber nicht sicher bin. Womöglich, um gemocht zu bleiben dachte ich beschämt. Hier lese ich nun, dass das offenbar nicht nur mir so geht. Ich werde mich noch weiter mit diesem Thema inkl. Schatten und Opfer/Täter-Rolle auseinander setzen und bin froh über Deinen Anstupser.
    Alles Liebe,
    Anja

    Antworten
    • Liebe Anja,

      vielen Dank für dein nettes Feedback! Freut mich total, dass du jetzt weißt, wo du noch genauer hinschauen kannst. Ich wünsche dir alles Gute auf diesem Weg! Jeder kleinste Schritt in die richtige Richtung ist schon ganz viel wert…

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  3. Liebe Anne-Barbara,
    ich kann alles genauso unterschreiben wie du es erklärt hast. Genauso ist es bei mir.
    Durch die Verhaltenstherapie in den letzten Jahren konnte ich mir theoretisch viel erklären und „wusste“ sozusagen Bescheid. Aber es dann irgendwie nicht ins Herz durch. Durch und die nun begonnene Traumatherapie kann ich schon einige Dinge als „war nicht gut, ist mir aber passiert“ wegpacken und Frieden schließen. Und zwar so, dass es mich (bisher auf jeden Fall) nicht triggert. Ich bin gerade mittendrin und gespannt wie es weitergeht.
    Durch diesen Artikel kann ich mir in Zukunft auch immer wieder bewusst machen, wo ich gerade stehe und habe Sicherheit allein an mir weiterzuarbeiten (du sagst ja es ist ein lebenslanger Prozess) wenn die Traumatherapie vorbei ist.
    Vielen lieben Dank!
    Liebe Grüße,
    Christina

    Antworten
    • Liebe Christina,

      vielen Dank für dein nettes Feedback, das mich sehr freut! :-) Toll, dass du eine gute Traumatherapie gefunden hast und schon so weit gekommen bist. Wenn mein Blog-Artikel dir hilft, diesen guten Weg weiter zu führen und dir Sicherheit gibt, ist mir das eine große Freude! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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