In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei HochsensibilitÀt

Aufgrund unserer erniedrigten Reizschwelle sind wir hochsensible Menschen recht empfindsam fĂŒr Schwingungen und Stimmungen aller Art. Wenn Spannungen in der Luft liegen, macht uns das etwas aus, selbst wenn wir gar nicht daran beteiligt sind. Das, was andere bedrĂŒckt, spĂŒren wir fast genauso deutlich wie das, was uns selbst bedrĂŒckt. Die Launen anderer beeinflussen auch unsere eigene Stimmung. Wir sind ganz allgemein weniger abgegrenzt als andere. Manchmal empfinden wir das als schön, weil es uns eine tiefe Verbindung zu unseren Mitmenschen ermöglicht. Wir schwelgen gern im Miteinander und fĂŒhlen uns dort so wohl wie der Fisch im Wasser. Manchmal kann uns das aber auch auf die Nerven gehen, weil wir durch diese Eigenschaft in Dinge involviert werden, die uns nichts angehen und/oder an denen wir nichts Ă€ndern können. Und es fĂ€llt uns schwer, uns aus diesen Situationen wieder bewusst heraus zu dividieren, denn Abgrenzung ist nicht wirklich unser Ding. Uns wĂ€re es lieber, es ginge auch ohne. Doch Abgrenzung ist eine absolute Notwendigkeit, weil sie unsere extrem bewegliche EmotionalitĂ€t ordnet und in klare Bahnen lenkt. Im Folgenden möchte ich zeigen, wie man als hochsensibler Mensch in drei Schritten zu mehr Abgrenzung gelangen kann.

Schritt 1: die eigenen Grenzen anerkennen

Wenn von Abgrenzung die Rede ist, denken die meisten erst einmal daran, sich gegen andere abzugrenzen. Doch das ist gar nicht möglich, wenn man die eigenen Grenzen nicht kennt oder sie nicht akzeptiert. Der erste Schritt zur Abgrenzung liegt also darin, die Grundlage dessen zu erkennen und anzuerkennen, was ĂŒberhaupt abgegrenzt werden muss.

Hochsensible Menschen spĂŒren, wo etwas schief lĂ€uft, wo es jemandem schlecht geht und oft auch warum. Sie denken dann oft, weil sie das spĂŒren, wĂ€re es auch ihre Aufgabe, all dieses Leid aus der Welt zu schaffen. Doch das ist unmöglich, wir wĂŒrden uns damit ĂŒberfordern. Es ist zwar keineswegs so, dass wir nichts bewirken können, aber eben nicht unbedingt alles, was wir uns wĂŒnschen wĂŒrden. Diese Grenze gilt es anzuerkennen.

Und das bezieht sich auch ganz allgemein auf unsere hochsensible Veranlagung: Wir mĂŒssen die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen unserer Weise des Seins anerkennen. Solange wir denken, in irgendeiner Weise mit in Bezug auf SensibilitĂ€t normal Veranlagten „mithalten“ zu mĂŒssen, legen wir falsche MaßstĂ€be an uns an und ĂŒberfordern uns. Eine solche Anforderung stĂŒrzt uns nĂ€mlich in eine Doppelbelastung: Das, was wir als Hochsensible leisten, können wir ja nicht abschalten, verlangen uns aber noch dazu alles ab, was andere leisten, die eben anders veranlagt sind.

Hochsensible Menschen sind oft qualitativ leistungsfĂ€higer als andere, aber quantitativ weniger leistungsfĂ€hig. Wir bringen eine bestimmte QualitĂ€t in die Welt, zu der andere nicht oder nur viel langsamer kommen wĂŒrden. Doch wir können nicht dieses Mehr an QualitĂ€t bringen und dabei auch noch genauso lange leistungsfĂ€hig sein wie andere. Das wĂ€re eine Doppelbelastung, die jeden auf lange Sicht in die Knie zwingen wĂŒrde. Und diese Grenze gilt es anzuerkennen.

Auf diese beiden Dinge kommt es im ersten Schritt an

  1. Wir haben nur begrenzte KrĂ€fte. Jeder kann nur seinen Teil, sein bestmögliches zur Lösung von Schwierigkeiten beitragen und ist nicht verantwortlich fĂŒr alles Leid, das man in seinem Umfeld erkennt. Was siehst Du an Leid und Schwierigkeiten in Deinem Umfeld? Was mĂŒsste Deiner Meinung nach getan werden? Und was kannst und möchtest Du dazu beitragen? Was kannst Du beim besten Willen nicht tun? Hier liegen Deine Grenzen, was diesen Punkt betrifft.
  2. Wir mĂŒssen die Möglichkeiten und Grenzen unserer hochsensiblen Veranlagung anerkennen. Welche QualitĂ€t bringst Du aufgrund Deiner hochsensiblen Veranlagung in die Welt? Wie lange kannst Du arbeiten? Wie viele und wie lange Pausen benötigst Du, um Dich regenerieren zu können? Hier liegen Deine Grenzen, was den zweiten Punkt betrifft. Es lohnt sich, sich darĂŒber Gedanken zu machen, da das individuell sehr verschieden sein kann.

Erst wenn Du Dir ĂŒber diese Fragen klar wirst, weißt Du, was es ĂŒberhaupt abzugrenzen gilt und bist in der Lage, Dein Revier abzustecken.

Schritt 2: die eigenen Grenzen verteidigen

Jetzt hast Du Dein Revier abgesteckt, weißt, was Du beitragen kannst und was nicht, was Du leisten kannst und wie viel Zeit Du fĂŒr Deine Regeneration benötigst. Du kannst nun den Garten Deines Lebens einzĂ€unen und ihn Dir so einrichten, wie Du es brauchst und möchtest. Darum herum baust Du Dir einen Zaun, damit Du selbst und die anderen sehen, wo Dein Revier ist.

Wenn jemand nun Deine Grenzen ĂŒbertritt und in Deinen Beeten herumtrampelt, verweist Du ihn umgehend freundlich aber bestimmt aus Deinem Garten. Niemand hat zu werten, wie Du Dein Leben einrichtest. Es ist allein Deine Sache. Du bist der Spezialist fĂŒr Dein Leben. Niemand weiß besser als Du, was Du leistest, wie lange Du arbeiten kannst, wo Deine Probleme anfangen und aufhören und wo etwas nicht Dein Problem, sondern das eines anderen ist.

Diese Grenzen zu verteidigen hat sehr viel mit WertschĂ€tzung fĂŒr die eigene Person und mit Selbstliebe zu tun. Mehr Übungen zur Selbstliebe kann man in meinem Artikel HochsensibilitĂ€t, Selbstliebe und Energie nachlesen. Wenn man sich einmal nicht sicher ist, wo man eine Grenze setzen sollte, ist es stets gut, sich die Frage zu stellen, was denn ein Mensch in dieser Situation tun wĂŒrde, der sich selbst vollkommen liebt?

Ein Mensch, der sich selbst vollkommen liebt, nimmt Herausforderungen an, die ihn weiterbringen, wĂŒrde sich aber nie ĂŒberfordern. Ein Mensch, der sich selbst vollkommen liebt, hilft anderen, wenn er Freude daran hat, aber lĂ€sst es bleiben, wenn ihm das zu viel wird oder er dazu keine Lust hat.

Das hat nichts mit Egoismus zu tun! Auf lange Sicht kann man nur fĂŒr andere da sein, wenn man selbst gut fĂŒr sich sorgt. Diese gesunde SelbstfĂŒrsorge dient letztlich dazu, verlĂ€sslich seinen Beitrag leisten zu können, weil man seinen Energiehaushalt im Gleichgewicht hĂ€lt.

Schritt 3: die Grenzen der anderen respektieren

Da hochsensible Menschen oft einen sehr guten Blick dafĂŒr haben, worunter andere leiden, möchten sie diesen gern helfen. Doch dies geschieht oft gar nicht, weil es ihnen wirklich um den anderen Menschen geht, sondern weil sie selbst so sehr darunter leiden, dass ein anderer leidet, dass sie dieses Leid sofort abstellen möchten. Das ist aber ungefĂ€hr so, als wĂŒrde es einen an einem Körperteil jucken, der gar nicht zu einem selbst gehört, und sich dort kratzen. Derjenige, an dem da gekratzt wird, kann das als ĂŒbergriffig empfinden und sich lautstark beschweren! Zurecht.

So schön es auch wÀre, andere weiter zu bringen und ihnen Leid zu ersparen, manchmal ist es eben nicht an der Zeit oder der andere möchte das auch gar nicht. Wenn wir unserer emotionalen Grenzenlosigkeit freien Lauf lassen, kann hier schnell einiges durcheinander gehen.

Wenn Du spontan jemandem helfen möchtest, warum möchtest Du das tun? Geht es Dir dabei wirklich um den anderen? Was ist Dein Anteil am Problem? Was ist Dein Verantwortungsbereich? Das ist der Teil des Problems, den Du lösen kannst. Welchen Anteil hat Dein GegenĂŒber? Was fĂ€llt in seinen bzw. ihren Verantwortungsbereich? Hier kannst Du Deine Hilfe und UnterstĂŒtzung anbieten, wenn Du das möchtest. Aber Du kannst nicht von jemandem fordern, einen Entwicklungsschritt zu tun, fĂŒr den es noch nicht an der Zeit ist.

Fazit: Mehr Abgrenzung erleichtert das Leben ungemein!

Wenn ich erkenne, wo meine Grenzen sind, kann ich mir mein Leben so einrichten, wie es gut fĂŒr mich ist. Ich hadere nicht mehr mit mir selbst und kann die Welt so nehmen und ertragen, wie sie ist. Dieses Leben, das ich mir zu meinem und dem Besten der anderen so eingerichtet habe, ist unantastbar und nicht verhandelbar. FĂŒr dieses Leben stehe ich ein und verteidige es gegen die Forderungen anderer, seien es Vorgesetzte, der Partner, Kinder oder Freunde.

Wenn ich erkenne, dass jeder einen solchen Garten hat, fordere auch ich nicht mehr unmögliches von anderen bzw. Dinge, die sie nicht wollen. Ich erkenne, wo meine Verantwortung liegt und nehme diese auf mich. Aber ich erkenne auch, wo mein Verantwortungsbereich endet und lasse an dieser Stelle los. Das fĂŒhrt zu einem viel leichteren Leben.

Zur ErgĂ€nzung: Eine Technik, wie man sich im Alltag gegen zu viele Reize abgrenzen kann, wird in meinem Artikel Der Regenschirmspaziergang – 5 Schritte fĂŒr mehr Abgrenzung vorgestellt.

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17 Gedanken zu „In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei HochsensibilitĂ€t“

  1. Hallo Anne-Barbara,

    herzlichen Dank fĂŒr Deinen Artikel!

    Folgender Satz macht mich gerade nachdenklich: „Derjenige, an dem da gekratzt wird, kann das als ĂŒbergriffig empfinden und sich lautstark beschweren! Zurecht.“ Ich erlebe es sehr oft umgekehrt: An mir wird gekratzt, weil es andere juckt, weil jemand meint mir helfen oder mich verĂ€ndern zu mĂŒssen, obwohl es mich weder juckt noch ich die Hilfe annehmen möchte. In dieser Hinsicht habe ich viel mehr „zu tun“ als dass ich das GefĂŒhl habe, selbst ĂŒbergriffig zu werden. Im Gegenteil bin ich glaube ich genau deshalb von kleinauf vorsichtiger im Kontakt zu anderen, weil ich Übergriffe auf mich erlebe, die ich fĂŒr mich nicht effektiv abzuwehren weiß, bzw. diesen nichts wirksames entgegensetzen kann.

    Herzliche GrĂŒ0e,
    Bianca

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    • Hallo Bianca,

      dann darfst Du diesen Satz gern fĂŒr Dich so verstehen, dass auch Du das Recht hast, Dich lautstark zu beschweren, sollte jemand dies bei Dir tun! :-) Und wenn Du aus einem solchen Verhalten gelernt hast und darauf achtest, es anders zu machen, umso besser. Bei vielen Hochsensiblen besteht die Gefahr nĂ€mlich, gerade weil man aufgrund seiner entgrenzten Weise des Seins nicht so genau spĂŒrt, wo man selbst aufhört und der andere anfĂ€ngt. Ich beispielsweise musste das erst lernen und erlebe das auch bei vielen meiner Klientinnen und Klienten.

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

  2. Hallo Anne-Barbara,

    ich bin gerade genau da dabei, zu lernen, Respekt vor meinen eigenen Grenzen einzufordern, zunÀchst auf Körperlicher Ebene und in sicherer Umgebung.
    Im Alltag ist es fĂŒr mich noch immer nicht einfach, mich erfolgreich abzugrenzen. Ich nehme meine eigenen Grenzen zwar immer besser wahr und kann sie auch öfter rechtzeitg benennen und recht ruhig in Worte fassen. Aber an den Reaktionen Ă€ndert das leider sehr oft nichts. Das frustriert mich dann zunehmend, weil ich mich mit meiner Kunst zur VerĂ€nderung trotz allem auf verlorenem Posten fĂŒhle.
    Beispiel: Bitte öffne diese Sektflasche nicht neben meinem Ohr. Kommentar einer dritten Person, die boeobachtet hat zu meinem GesprĂ€chspartner: Bitte geh doch auf die andere Seite des Tisches oder aus dem Raum. Antwort meines GegenĂŒbers an die dritte Person gewandt: Jetzt hör doch auf, das noch zu unterstĂŒtzen. Ich ging, der Korken knallte. Mir kramen die TrĂ€nen. Das Thema war wie nie dagewesen. Ich habe mich ein weiteres Mal nicht ernstgenommen und nicht respektiert gefĂŒhlt.

    Herzliche GrĂŒĂŸe,
    Bianca

    Antworten
    • Hallo Bianca,

      ich finde es gut, dass Du damit beginnst, konsequent Grenzen zu setzen. Konsequent heißt, dass man sich nicht davon entmutigen lĂ€sst, wenn man damit auch einmal aneckt. Ich kann gut nachvollziehen, dass Dir diese Geschichte etwas ausgemacht hat. Wichtig ist, welche Entscheidung Du aufgrund dieses Erlebnisses fĂ€llst. Schade wĂ€re es, wenn Du es dabei belassen wĂŒrdest, Dich wieder nicht ernstgenommen und respektiert zu fĂŒhlen. Du kannst Dich auch dafĂŒr entscheiden, bestmöglich aus dieser Situation zu lernen, damit es zukĂŒnftig mit der Abgrenzung noch besser klappt. Letztlich ist es nĂ€mlich viel wichtiger, dass Du Dich selbst ernst nimmst und respektierst. Wenn andere das nicht tun, ist das deren Problem und nicht Deins. ;-)

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

  3. Hallo Anne-Barbara,

    das stimmt wohl – sich selbst ernst nehmen und konsequent sich selbst gegenĂŒber sein ist ein wesentlicher Schritt dabei. Manchmal steht mir da mein recht ausgeprĂ€gtes HarmoniebedĂŒrfnis ein bisschen im Wege. Gerade dann, wenn sowas mit den eigenen Eltern – mal wieder – passiert, die einen in diesem Aspekt leider noch nie erntgenommen haben. Und das wohl auch in Zukunft nicht vorhaben (Schreckhaftigtkeit kann man sich schließlich abgewöhnen und es ist nur Anstellerei) :)

    Herzliche GrĂŒĂŸe,
    Bianca

    Antworten
    • Hallo Bianca,

      ja genau, unser HarmoniebedĂŒrfnis steht uns bei der Abgrenzung oft im Weg. Aber wirkliche Harmonie kommt eben nur zustande, wenn wir uns auch gut dabei fĂŒhlen und nicht nur so tun, als wĂ€re alles o.k. Von daher kann man eine „Harmonie“, die nur darauf beruht, die eigenen BedĂŒrfnisse zurĂŒckzustellen, getrost in die Tonne treten. :-)

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

  4. Hallo Anne-Barbara,

    so eine Scheinharmonie ist dann eben wie Autofahren mit angezogener Handbremse und kostet unwahrscheinlich Energie – wenn man eben doch nicht so sein kann, wie man ist, nĂ€mlich authentisch und ehrlich zu sich selbst.

    Ich habe das heute im beruflichen Kontext lve an mir selbst erlebt: Ich kam aus so einer Scheinharmonie raus, wusste, dass ich jetzt neu starten und ehrlicher zu mir selbst sein kann und konnte ein breites Grinsen der Erleichterung einfach nicht verkneifen :) Mir fiel eine Felswand von Herzen :)
    Kurz darauf bekam ich in einer Fortbildung die BestĂ€tigung dahingehend, dass Konsequent-Sein zwar nicht immer leicht sei, aber dennoch wichtig fĂŒr ein gites Miteinander und die eigene AuthentizitĂ€t :)

    Herzliche GrĂŒĂŸe,
    Bianca

    Antworten
    • Hallo Bianca,

      da bist Du auf einem guten Weg! :-) Danke Dir fĂŒr’s Teilen.

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

  5. Hallo,
    ich habe eine Absicht zu erkennen, wo meine Grenzen sind. Ich bin sehr sensibel, deswegen war dieser Artikel fĂŒr mich sehr interessant. Villeicht ist es so, dass wenn wir unsere Grenzen kennenlernen, können wir besser funktionieren und können wir tatsĂ€chlich besser das Leben ertragen.
    GrĂŒĂŸ
    Thomas

    Antworten
    • Hallo Thomas,

      freut mich, dass Dich dieses Thema auch beschĂ€ftigt! Ich denke schon, dass es uns um einiges besser gehen kann, wenn wir Klarheit ĂŒber unsere Grenzen haben. Wir können unser Leben besser auf unsere BedĂŒrfnisse zuschneiden und unsere Wahlmöglichkeiten konstruktiv nutzen. Außerdem machen wir uns nicht mehr ĂŒber alles einen Kopf, was außerhalb unseres Bereichs liegt, und sparen dadurch wieder Energie ein. Wenn Du noch Fragen hast, immer gern! :-)

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

  6. Hallo Anne-Barbara,

    danke fĂŒr Deine Ermutigung :)
    Je mehr ich mich gerade damit auseinandersetze, desto dutlicher fĂ€llt mir auf, dass es oft mit scheinbaren Kleinigkeiten beginnt: Steht der Schreibtisch im BĂŒro zur Wand mit dem RĂŒcken zum Kollegen oder sitzt man sich gegenĂŒber und guckt sich – ob man will oder nicht – fast automatisch bei der Arbeit zu? Wenn ich nicht wie zufĂ€llig jetzt die Wahlmöglichkeit habe und frei entscheiden darf mit Bedenkzeit – ich hĂ€tte es wohl einfach weiter als Gegebenheit hingenomen und weiter damit gehadert, dass mich der Kollege ablenkt, wenn ich ihm gegenĂŒbersitze.

    Herzliche GrĂŒĂŸe,
    Bianca

    Antworten
  7. Hallo Anne-Barbara,

    vielen Dank fĂŒr Deine guten AusfĂŒhrungen hinsichtlich der Grenzen.

    Du hast sehr gut beschrieben, dass gerade Hochsensible gerne Grenzen anderer ĂŒberschreiten, weil sie ihre eigenen Grenzen nicht richtig spĂŒren. Genauso mache ich es seit Jahren mit meiner Tochter beim Lernen fĂŒr die Schule. Mittlerweile hat sie mir gegenĂŒber absolut zugemacht. Das belastet mich einsteils, bei mir ist aber auch der große Wunsch da, endlich aus diesem leidigen Thema herauszukommen.
    Durch Deine AusfĂŒhrungen bin ich eben sehr ins GrĂŒbeln gekommen. Bei mir ist auch dieser extreme Antrieb da, ihr helfen zu wollen, sie vor schmerzlichen Erfahrungen (wie ich sie in der Schule hatte) zu bewahren. Was habe ich mir schon alles ausgedacht habe, konnte aber auch gute AnsĂ€tze selbst nicht konsequent durchfĂŒhren. Ich war nicht fĂ€hig Grenzen zu setzen (und habe mich sehr dafĂŒr verurteilt).
    Zur Frage, ob es nicht etwas mit mir selber zu tun hat, kann ich nur ganz laut „JA“ sagen. Ich möchte es nicht nochmal ertragen mĂŒssen, dass es ihr so schlecht geht wie mir damals in der Schule und tue es doch seit vielen Jahren :o(.
    Ich habe manchmal das GefĂŒhl mit ihr symbiotisch verbunden zu sein. Hier besteht keine Grenze zwischen uns, dass habe ich durch deinen Artikel begriffen.
    Das tut ihr nicht gut und mir auch nicht.
    Ich bin seit 2 Jahren bei einer Traumatherapeutin, aber das Thema HochsensibilitĂ€t und der damit verbundenen hĂ€ufigen GrenzĂŒberschreitungen, war leider noch nie ein Thema.
    Kannst Du mir einen Tipp geben, wie ich gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig mehr Abstand bekomme und meine Grenze einhalten kann?
    Vielen Dank fĂŒr diesen guten Artikel!
    Herzliche GrĂŒĂŸe
    Susanne

    Nochmals vielen Dank fĂŒr den Artikel, er hat einiges in Gang gesetzt.

    Antworten
    • Hallo Susanne,

      vielen Dank fĂŒr Deinen bewegenden und sehr ehrlichen Bericht! Du beschreibst genau das, was ich im Artikel gemeint habe. Es kann sein, dass das bei Dir nicht nur mit der HochsensibilitĂ€t zu tun hat, sondern auch mit Deinem Trauma. Oft sind traumatische Erfahrungen ja auch etwas, wogegen man sich nicht abgrenzen konnte. D.h. viele Traumatisierte haben eben auch ein Problem mit Abgrenzung. Du kannst das durchaus einmal in Deiner Therapie thematisieren.

      Ansonsten wĂŒrde ich Dir raten, Dir systematisch klar zu machen, was im Fall Deiner Tochter „Deins“ und „Ihres“ ist. Wir haben niemals die volle Kontrolle ĂŒber andere Menschen. Zwar können wir ihnen das bestmögliche anbieten, aber es bleibt ihre Entscheidung, ob und wie sie das annehmen. Wichtig ist also, dass Du das bestmögliche fĂŒr Deine Tochter tust. Aber sie lebt ihr Leben, auf das Du nur bedingt Einfluss hast.

      Du kannst auch einmal in Dich hineinspĂŒren, wie und wo Du das Bild Deiner Tochter abgespeichert hast. Dieses Bild kannst Du ein wenig weiter weg zoomen, einen Rahmen darum machen, es etwas kleiner machen, etc. Immer ĂŒberprĂŒfen, ob sich das besser anfĂŒhlt, ansonsten rĂŒckgĂ€ngig machen. Dann spĂŒre in Dich hinein, so dass Du Dich gut spĂŒrst, und betrachte wieder das Bild Deiner Tochter. Versuche, auf einer emotionalen Ebene genau zu spĂŒren, wie Du Dich anfĂŒhlst und wie sie sich anfĂŒhlt. So kannst Du deutlicher zwischen ihr und Dir differenzieren.

      Ich hoffe, diese Tipps helfen Dir ein wenig weiter! Und falls Du noch Fragen hast, immer gern. :-)

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

    • Liebe Susanne,

      falls Sie nach so langer Zeit vielleicht nochmal hier lesen sollten:

      versuchen Sie mal, sich eine liegende Acht vorzustellen. In den einen Kreis setzen Sie sich visuell hinein, und in den anderen setzen Sie Ihre Tochter. Wenn es sich gut anfĂŒhlt, dann verinnerlichen Sie das Bild mit dem verbundenen GefĂŒhl, daß jeder von Ihnen ein eigenes Leben hat, ein eigenstĂ€ndiger Mensch ist, individuelle BedĂŒrfnisse hat und sich wĂŒnscht, respektiert zu werden in seinem Sein.

      Sie wĂŒnschen sich das genauso wie Ihre Tochter es sich von Ihnen wĂŒnscht. Nur weil Sie die Mutter sind, gibt Ihnen dies nicht das Recht, die Grenze ihrer Tochter zu mißachten – auch wenns noch so gut gemeint ist. Solange Ihre Tochter Sie nicht selbst um Hilfe bittet, lassen Sie sie einfach mal selber machen. Es gibt keine Fehler, es gibt nur Erfahrungen.

      Es zeugt auch von Liebe und Respekt, wenn man einem geliebten Menschen sein Recht auf eigene Erfahrungen zugesteht, auch wenn es vielleicht leidvolle Erfahrungen sind. Letztlich erwĂ€chst daraus etwas Wertvolles fĂŒr das Leben Ihrer Tochter, denn aus den schmerzlichen oder schwierigen Erfahrungen im Leben lernt man am meisten.
      Sie ermöglichen ihr dadurch wertvolles Wachstum ihrer Persönlichkeit, das die stÀrker machen wird.
      Und Sie berauben sie dieser Chance, wenn Sie sie weiterhin in Watte packen, stÀndig bei allem helfen und ihr Dinge abnehmen und ersparen wollen, die vielleicht schwierig und leidvoll werden könnten.
      Woher wollen Sie ĂŒberhaupt wissen, wie Ihre Tochter mit negativen Erfahrungen umgehen wĂŒrde? Sie schließen einfach von sich selbst auf sie. Das muß aber nicht so sein.

      Versuchen Sie bitte, ihr zu vertrauen und mehr zuzutrauen!
      In der liegenden Acht haben Sie beide ihren eigenen geschĂŒtzten Lebensbereich, können sich aber trotzdem sehen und an der Hand halten – wenn Sie beide dies möchten.

      Ich wĂŒrde Ihnen empfehlen, dieses Experiment mal ganz real gemeinsam mit Ihrer Tochter zu machen (mit einem Band einen Kreis legen und reinstellen oder reinsetzen) und es sie selbst entscheiden lassen, in welchem Abstand sie den Kreis legen will, um sich wohlzufĂŒhlen. Und egal wie groß der Abstand ist, respektieren Sie ihn ohne ihr dafĂŒr ein schlechtes Gewissen zu vermitteln.

      Alles Gute!
      Ramona

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