Ideologiefreie Ernährung für Hochsensible

Ich lese immer wieder, dass hochsensible Menschen einen Hang zum Vegetarismus haben und dass es unter ihnen auch viele Veganer geben soll. Meine Erfahrung bestätigt dies. Es sieht so aus, als würden wir deutlicher wahrnehmen, was wir essen, und könnten das Leid, das durch unangemessene Tierhaltung und Tötung entsteht, weniger ausblenden. Ich habe auch einige hochsensible Menschen kennen gelernt, die eine starke energetische Wahrnehmung vom Essen haben, wie das auch bei mir der Fall ist. Das hat den Vorteil, dass man sich praktisch automatisch gesund ernährt, weil die Wahrnehmung, welche Energie eine Mahlzeit einem gibt, den Geschmack der Mahlzeit dominiert. Solchen Menschen ist es nur in zweiter Linie wichtig, wie das Essen schmeckt. Es scheint also, als hätten viele hochsensible Menschen einen besonderen Draht zum Thema Ernährung. Doch gibt es “die” “richtige” Ernährung für Hochsensible? Nehmen wir doch einmal die vegetarische und die vegane Ernährung genauer unter die Lupe:

Vegetarier essen kein Fleisch und keinen Fisch, also nichts, was vom toten Tier kommt. Gegen Eier und Milchprodukte spricht aus ihrer Sicht nichts, da sie von lebenden Tieren stammen. Das ist schon einmal sehr empathisch gedacht, geht aber manchen nicht weit genug. Denn eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb bekommt. Alle zwei Jahre muss dies geschehen, sonst versiegt der Milchfluss. Und wohin mit all den Kälbern? Du ahnst es! Außerdem unterliegt eine Milchkuh ähnlichen Maßstäben wie ein Akkordarbeiter, sprich, sie muss eine Menge Milch geben, sonst ist sie nicht rentabel. In der Regel darf sie deshalb nur sechs bis zehn Jahre alt werden, obwohl sie ein Lebensalter von 20-30 Jahren erreichen könnte.

So ist das, wenn Lebewesen den Regeln der Marktwirtschaft unterliegen. Bei den Eiern sieht es übrigens nicht anders aus. Das beginnt schon bei der Zucht von Legehennen. Bei Hühnern ist es wie bei allen anderen höheren Lebenwesen, es gibt zu je 50% Mädels und Jungs. Die männlichen Küken werden als Eintagsküken zu Tierfutter. Und ältere Hennen, die nicht mehr so leistungsfähig sind, müssen, wie die unrentabel gewordene Kuh mittleren Lebensalters, ebenfalls “entsorgt” werden. So gut der vegetarische Gedanke auch gemeint sein mag, lassen einen diese Punkte doch unbefriedigt zurück.

Aus dieser Argumentation heraus entstand die vegane Ernährung, die Idee, sich rein pflanzlich zu ernähren. Auch Leder, Wolle, Wollfett, Bienenwachs etc. sind tabu. Ein Problem bei der Sache ist, dass Pflanzen kein Vitamin B12 enthalten. Es gibt zwar Pflanzen, z.B. einige Meeresalgen, die Vitamin-B12-Analoga enthalten, aber mit diesen kann der Körper nichts anfangen. Im Gegenteil – sie belegen die B12-Rezeptoren im Körper, verhindern die Aufnahme von echtem B12 und verschlimmern die Mangelsituation dadurch noch. Veganer müssen also B12 als Nahrungsergänzung zu sich nehmen.

Da man B12 nur in winzigen Mengen verbraucht und im Körper Reserven für mehrere Jahre gespeichert sind, bemerkt man einen solchen Mangel erst nach einigen Jahren veganer Ernährung, der Grund, warum viele Veganer steif und fest behaupten, dass es auch ohne geht. Doch ist der Mangel einmal da, kann es schnell zu irreversiblen Nervenschäden kommen. Ich selbst hatte einmal einen solchen B12-Mangel und bin mit viel Glück da heil wieder herausgekommen.

(Übrigens betrifft der B12-Mangel auch Vegetarier. Ich habe mir einmal ausgerechnet, dass man mit einer vegetarischen Ernährung nur auf ca. die Hälfte seines B12-Bedarfs kommt. Aus diesem Grund würde ich auch Vegetariern dringend empfehlen, B12 zu substituieren.)

Doch das fehlende Vitamin B12 ist nicht der eigentliche Knackpunkt der veganen Lebensweise, denn es ist ja kein Problem, es zu ergänzen. Das Problem liegt eher bei der Abgrenzung, was als vegan zu akzeptieren ist. Wie sieht es z.B. mit der Schädlingsbekämpfung aus? Sowohl auf dem Acker als auch bei der Lagerhaltung ist diese unumgänglich! Da müssen Tiere getötet werden, egal wie biologisch man das auch tut. Ein weiterer Gedanke ist der der Düngung. Gerade biologische Landwirtschaft kommt kaum ohne tierischen Dünger aus. Schaut man genauer hin, zeigt sich, dass das Konstrukt des Veganismus in ethischer Hinsicht nicht haltbar ist. Es gibt keine Ernährungsform, mit der man Tierleid und das Töten von Tieren vollständig vermeiden kann.

Doch meiner Meinung nach geht es darum auch gar nicht. Die vegane Ernährung hat viele andere Vorteile: Sie schont die Ressourcen unserer Erde, weil die Nahrungskette verkürzt wird. Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, benötigt man 16 kg Getreide. Und um dieses Getreide zu erzeugen, benötigt man wiederum Unmengen an Wasser und Treibstoff. Außerdem belastet Tierhaltung das Klima, weil z.B. Kühe Methan von sich geben. Methan ist um ein vielfaches klimaschädlicher als CO2.

Der Philosoph Richard David Precht widmet in seinem Buch “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” (München 2007) ein ganzes Kapitel der Frage, ob man Tiere essen darf. Er meint, dass heutzutage bei dieser Frage Verdrängung und Manipulation eine große Rolle spielen: “Unsere Spiegelneuronen funken beim Gebrüll eines Kälbchens, aber sie bleiben untätig bei einem formverpackten Schnitzel.” (a.a.O., S. 219) Seine Anregung ist, einmal darüber nachzudenken, ob man in der Lage wäre, das Tier, das man gerade isst, selbst zu töten. Von der Vernunft her gesehen sprächen wohl mehr Argumente gegen den Fleischkonsum als dafür, inwieweit man bereit sei, zu verzichten, hänge aber sehr davon ab, wie stark man sich selbst in dieser Frage sensibilisieren lasse. (ebd., S. 219f)

Die Frage, was die “richtige” Ernährungsform ist, ist also eine sehr persönliche Entscheidung und lässt sich nur von innen heraus beantworten. Wie ich gezeigt habe, kann man Tierleid nie ganz vermeiden, und wenn man sich noch so vegan verhält. Auf der anderen Seite sollte man sich unter keinen Umständen dazu nötigen lassen, etwas zu essen, das zur eigenen Hochsensibilität im Widerspruch steht. Die Grenze muss jeder selbst bewusst für sich setzen. Und diese Grenzlinie wird wohl bei jedem Menschen etwas anders ausfallen.

Während Precht auf die Instinkte verweist und zu der Überlegung anregt, ob man das, was man isst, auch selbst erlegen könnte, habe ich noch einen anderen Vorschlag: Ich überlege, was ich wirklich brauche. Da mir tierische Nahrungsmittel nicht schmecken und ich mich auch energetisch gesehen unwohl damit fühle, kann ich leicht darauf verzichten. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz, denn ich spare in etwa einen großen Geländewagen damit ein.

Doch ich benötige im Winter Socken aus Schurwolle, da dies das einzige Material ist, das meine Füße warm und trocken hält. Auf Wolle zu verzichten macht mich krank. Außerdem benötige ich Wollfett zur Lippenpflege. Alle veganen Produkte haben bei mir versagt. Ich komme damit gut klar, denn kaum ein Haustier wird so artgerecht gehalten wie Schafe, und sie werden übrigens zur Landschaftspflege dringend benötigt.

Das Ergebnis meiner bewusst gezogenen Linie ist also recht individuell ausgefallen: Meine Ernährung ist vegan, Leder verwende ich auch keins, habe nur noch einige unverwüstliche Ledersandalen aus meiner vor-veganen Zeit. Das Kuriose an der Sache ist, dass die Mehrheit der Menschen mich als Veganerin betrachtet, während ich bei Veganern aus der Ethik falle. Mit einer Gruppenzugehörigkeit kann ich mich also in dieser Hinsicht nicht schmücken, doch ich habe das gute Gefühl, sowohl meinen als auch den Bedürfnissen meiner Mitwesen bestmöglich gerecht zu werden.

Die “richtige” Ernährung für hochsensible (und alle!) Menschen kann niemals eine Ideologie oder Doktrin von außen sein. Jeder muss seine Ernährungsweise für sich selbst finden als ein Gleichgewicht zwischen dem, was man wirklich benötigt, und dem, was man der Erde und unseren tierischen Mitbewohnern abverlangen kann. Wer eine solche Entscheidung bewusst gefällt hat, verdient Respekt, egal, wie auch immer diese ausgefallen ist.

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2 Gedanken zu „Ideologiefreie Ernährung für Hochsensible“

  1. Endlich mal jemand, der sich genauso wenig wie ich in eine Schublade stecken lässt! Danke dafür!

    Ich gelte als Vegetarierin, weil ich kein Tier esse (ich könnte es nicht selbst töten). Dennoch bin ich der Meinung, wenn ein Tier schon getötet wurde, sollte man auch so viel wie möglich davon verwenden und nicht “die Hälfte” wegwerfen.

    Antworten
    • Hallo Tatjana,

      danke dir für deine nette Rückmeldung! Da haben wir ja eine Wellenlänge…

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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