Carl Rogers: aktive Empathie für Hochsensible

Der Titel dieses Artikels ist bewusst doppeldeutig gewählt, denn hochsensible Menschen sind einerseits dazu in der Lage, besonders empathisch zu sein, benötigen aber auch selbst besonders viel Empathie. Ein Klima der Empathie ist für uns wie das Wasser für den Fisch, bildet eine Wohlfühlwolke, in der wir uns wirklich geborgen und anderen wirklich nah fühlen. Aufgrund unserer Disposition können wir hochsensible Menschen sehr feine Veränderungen der Stimmungen um uns herum wahrnehmen. Wir spüren, wie andere sich fühlen und bemerken jede kleine Unstimmigkeit. All das hat einen unmittelbaren Einfluss auf unser Wohlbefinden. Nur wie kann man an dieser Stelle eingreifen, ohne andere zu verunsichern oder gar vor den Kopf zu stoßen? Für mich hat die Beschäftigung mit Carl Rogers, seinem Verständnis von Empathie und seiner Technik des aktiven Zuhörens eine große Bereicherung in dieser Hinsicht bedeutet.

Ich erlernte die Technik des aktiven Zuhörens nach Carl Rogers vor einigen Jahren, während meiner Ausbildung zur Mediatorin. Im Grunde genommen ist das eine sehr einfache Sache: Ich höre genau zu, was mein Gegenüber sagt, und paraphrasiere das in eigenen Worten. Wenn ich ein “nein” bekomme, loope ich, gehe also zurück, indem ich nachfrage, wie es denn wirklich ist, höre wieder zu, paraphrasiere. Erst wenn ich ein “ja” bekomme, stelle ich eine weiterführende Frage. Man denkt erst einmal, dass das kein großes Ding ist. Außer dass man es etwas üben muss, genau zuzuhören, die eigenen Worte dafür zu finden, wann loopen, wann weiterfragen, etc.

Zum Üben hat man im Alltag eigentlich ständig die Gelegenheit. Die erste, die ich nutzte, war, als ein Freund Anzeichen von Unwohlsein zeigte, er wirkte angespannt und unruhig. Als ich ihn daraufhin ansprach, sagte er zunächst, dass er sich Sorgen mache, ob das Geld für seine Altersvorsorge richtig angelegt sei. Ich paraphrasierte und bekam ständig “Neins”, woraufhin ich dann immer wieder loopte und zu meiner Verblüffung jedes Mal eine etwas abgewandelte Geschichte erzählt bekam, die ich wieder paraphrasierte, wieder ein “Nein” bekam und deshalb wieder loopte.

So ging das eine ganze Weile. Es spannte sich dabei ein großer Bogen auf, der bei der Sorge um die Altersvorsorge begann und, zu meinem großen Erstaunen, schließlich bei Problemen mit dem Chef endete. Diese Probleme mit dem Chef konkretisierten sich durch mein Paraphrasieren und Loopen immer weiter, so dass mein Gesprächspartner am Ende von sich aus eine Idee entwickelte, wie er mit der Sache umgehen kann. Einige Zeit später erfuhr ich dann, dass der Chef meinen Freund in einem Mitarbeitergespräch als den umgänglichsten Menschen in der ganzen Abteilung bezeichnet hatte.

Das war meine erste Erfahrung mit dieser Gesprächstechnik. Zunächst habe ich gedacht, ich hätte alles falsch gemacht, weil ich doch ständig diese “Neins” bekommen hatte. Doch dann stellte sich heraus, dass gerade dieser Prozess des wiederholten Loopens für diesen Freund besonders hilfreich gewesen war. Er hatte nur ein allgemeines Unwohlsein gespürt, das er dann auf etwas geschoben hatte, mit dem er sich zuletzt beschäftigt hatte, nämlich die Altersvorsorge. Durch mein Nachfragen, Zuhören und geduldiges Loopen bekam er die Gelegenheit, dieses Unwohlsein genauer zu erkunden. Und am Ende hat sich herausgestellt, dass es von ganz woanders herkam. Dadurch öffnete sich ihm die Möglichkeit, die wahre Ursache anzugehen, nämlich Verständnis mit der damaligen Lage seines Chefs zu entwickeln und ihm auf eine andere Weise begegnen zu können.

Anhand dieses Beispiels habe ich viel darüber gelernt, was Empathie wirklich ist. Früher hätte Empathie für mich bedeutet, Mitgefühl für seine Sorgen wegen der Altersvorsorge zu haben, und gemeinsam mit diesem Freund über bessere Lösungen nachzudenken. Das hätte jedoch ganz und gar nichts gebracht, weil sein Unwohlsein, ohne dass ihm dies bewusst war, von ganz woanders hergekommen ist, und wäre sicherlich für uns beide in Frustration geendet.

Wir wissen nämlich oft gar nicht so genau, warum wir uns unwohl fühlen, und schreiben dieses Gefühl dem Erstbesten zu, das uns über den Weg läuft. Wenn diese Verknüpfung einmal steht, stellen wir sie normalerweise nicht mehr in Frage. Unsere Bemühungen um Lösungen laufen dann ins Leere. Dies ist ein Beispiel für die Fälle, in denen wir echte Empathie benötigen, nämlich jemanden, der sich die Mühe macht, uns nicht einfach nur mit Schnellschusslösungen zu kommen, sondern uns aktiv zuzuhören, damit wir unser Inneres erkunden können.

In seinem Buch “On Becoming a Person” schreibt Carl Rogers, dass seine zentrale Frage nicht ist, wie man helfen kann, sondern wie es möglich ist, eine Beziehung herzustellen, die das Gegenüber für ihr persönliches Wachstum nutzen kann. Nach seiner Erfahrung hat jeder Mensch grundsätzlich eine positive innere Richtung, die sich von allein entfaltet, wenn man ihr nur die Gelegenheit dazu bietet. Veränderung entsteht nicht durch etwas, das man lehren kann, sondern durch Selbsterfahrung, die in einer Beziehung zu einem anderen Menschen erlebt wird.

Eine solche heilsame Beziehung ist von Offenheit, Wertschätzung, Akzeptanz und Verständnis geprägt. Dadurch wird gewährleistet, dass das Gegenüber sich sicher fühlt und frei, all die verborgenen Haken in sich zu erkunden. Diese Freiheit ist für eine heilsame Beziehung von zentraler Bedeutung und beinhaltet die Freiheit von Moralvorstellungen und Diagnosen, die immer eine beängstigende Wirkung haben. Je mehr Akzeptanz für das, was ist, vorhanden ist, desto mehr Veränderung kann geschehen. Carl Rogers rät explizit dazu, diese Prinzipien nicht nur auf therapeutische, sondern auf alle zwischenmenschlichen Beziehungen anzuwenden.

Ziel einer solchen heilsamen Beziehung ist es, sich selbst als einen Strom des Werdens zu akzeptieren, nicht als fertiges Endprodukt. Die Persönlichkeit ist nach Carl Rogers Ansicht ein flüssiger Prozess und keine fixe Einheit, ein Fluss und kein solider Materialblock. Sie fließt in einem komplexen Strom der Erfahrung, mit der faszinierenden Möglichkeit, immer wieder zu versuchen, diese sich ständig ändernde Komplexität zu verstehen und seine eigene Interpretation für das, was in einem vor sich geht, zu finden. Und diese eigene Interpretation zu finden ist gerade für hochsensible Menschen von zentraler Bedeutung, wie ich meine.

Das aktive Zuhören ist deshalb fester Bestandteil meiner Coachings, es lässt sich sehr gut mit EFT kombinieren. Was EFT ist und wie es funktioniert, kann man in meinem Artikel EFT – emotionale Befreiung für Hochsensible nachlesen.

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Clipart “Carl Rogers” von victorborges auf all-free-download.com

2 Gedanken zu „Carl Rogers: aktive Empathie für Hochsensible“

  1. hallo liebe Aanne-Barbare,
    ich kenne diesen Ansatz und habe ihn immer wieder angewandt.
    Vielleicht ist die Frage zu privat, vielleicht beschäftigt sie auch andere HSPler/innen:
    Darf man auch NEIN sagen zum Kontakt zu einem Menschen, weil es einen einfach völlig überfordert trotz zugewnadtem Gespräch? Und die Kraft zur Geduld fehlt und irgendwann auch der Sinn für die Kraft?
    Ich bin bei für mich anstrengden Menschen schnell an meiner Grenze, auch wenn ich im Hinblick auf hilfreiche Gesprächstrategien noch lernen kann. Aber manchmal könnte ein NEIn mir gut tun.
    vielleicht geht es Anderen auch so?

    Antworten
    • Liebe Claudia,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Natürlich darfst du “nein” sagen, wann immer du keine Lust hast, dich mit einer Person zu beschäftigen, oder wenn es dir einfach zu viel wird! Es ist ganz wichtig, dass du deine Grenzen beachtest. Denn sonst gibst du auf lange Sicht mehr Energie heraus als du hast und das wäre absolut kontraproduktiv. Mehr zum Thema Abgrenzung findest du in diesem Blog-Artikel:

      In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei Hochsensibilität

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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