Mehr Ruhe durch die Unterscheidung von Sein und Erfahrung

Wir Hochsensible sind sehr empfänglich für Reize aller Art und werden leicht von unseren Emotionen überwältigt. Das betrifft die Freude über einen herrlichen Sonnenuntergang gleichermaßen wie die Ängste, die angesichts von Sorgen aufkommen. Wir unterscheiden dabei in angenehme und unangenehme Emotionen. Erleben wir Gefühle, die wir als angenehm empfinden, möchten wir diese am liebsten festhalten und uns immer so fühlen. Kochen unangenehme Gefühle wie Panik oder Aggression hoch, befürchten wir, von diesen überwältigt zu werden und uns zu Handlungen hinreißen zu lassen, die wir hinterher bereuen. Solche als negativ empfundene Emotionen werden wir wohl eher versuchen zu unterdrücken. Gefühle haben jedoch eine ganz eigene Dynamik. Ein Gefühl, das einfach so fließen kann, wie es möchte, dauert nie längere Zeit an. Das gilt für alle Gefühle, egal, ob wir sie als negativ oder positiv empfinden. Probiere es aus: Wenn Du das nächste Mal ein intensives Gefühl empfindest, setze Dich in Ruhe hin, schließe die Augen, lasse es voll und ganz zu und handle nicht. Selbst intensive Wutgefühle sind nach etwa fünf Minuten verflogen.

Dennoch können sich bestimmte Gefühlslagen in uns verfestigen. Dies geschieht, wenn wir unsere Gefühle in “gute” und “schlechte” aufteilen und versuchen, die, die wir als negativ beurteilt haben, zu unterdrücken. Und diese Urteile machen etwas mit uns, wie Du in meinem Artikel Mehr Leichtigkeit durch weniger Urteilen nachlesen kannst. Haben wir unsere Gefühle erst einmal in “wünschenswerte” und “abzulehnende” aufgeteilt, beginnen wir damit, dem nachzujagen, was wir fühlen möchten, und das zu unterdrücken, was wir nicht fühlen möchten. Unsere Emotionen kommen aus dem Gleichgewicht und können nicht mehr frei fließen, mit der Folge, dass sie quasi einfrieren und bestehen bleiben. Durch derartige Eingriffe in unsere Gefühlswelt geschieht also das Gegenteil dessen, was wir erreichen wollten: Wir fühlen nur noch das, was wir eigentlich nicht fühlen wollten.

Je nach Typ entstehen daraufhin verfestigte Gefühlslagen von Angst, Wut, Aggression oder Schwermut. Gleichzeitig glauben viele Menschen auch, sie müssten immer fröhlich und lustig sein. Da sie Angst davor haben, Gefühle zu erleben, die sie für sich selbst tabuisiert haben, begeben sie sich nur noch in Situationen, die ihnen gute Laune versprechen. Gleichzeitig meiden sie alles, was die andere Seite ihrer Gefühlswelt zum Vorschein bringen könnte. Die Folge ist, dass man nicht mehr zur Ruhe kommt, denn in der Stille würde sich das ganze Gefühlsspektrum entfalten. Und gerade die unterdrückten Emotionen würden sich sofort Bahn brechen.

Der eigentliche Grund, warum wir dazu neigen, unsere Gefühlswelt derart zu beschneiden, ist, dass wir denken, wir wären unsere Gefühle. Sprich: Wenn ich wütend bin, bin ich ein “schlechter” Mensch, wenn ich liebevoll bin, bin ich ein “guter” Mensch. Wenn ich Angst habe, bin ich “feige” und “verletzlich”. Dies ist jedoch ein großer Irrtum, denn wir sind nicht unsere Gefühle, wir haben sie. Wir sind Menschen, die bestimmte Gefühle erfahren. Es ist also wichtig, zwischen Sein und Erfahrung zu trennen, damit man sich, gerade als hochsensibler Mensch, mit seiner Emotionalität so annehmen kann, wie man ist.

Um es in einem Bild zu beschreiben: Ein Baum spiegelt sich im See. Wer ist er? Ist er der Baum, der in der Erde wurzelt und seine Äste in die Luft reckt? Oder ist er der Baum, der im Wasser zu sehen ist? Der echte Baum steht festverwurzelt, während sein Spiegelbild sich schon ändert, wenn der leiseste Wind die Wasseroberfläche kräuselt.

Genauso ist es mit unseren Gefühlen: Sie sind sehr beweglich, und das gilt bei Hochsensibilität ganz besonders. Doch unser wahres Sein, der Teil unserer Persönlichkeit, der die Erfahrung dieser Gefühle macht, bleibt dabei unverändert. Wir sind, was wir sind, und bleiben das auch, selbst wenn die Wellen einmal höher schlagen. Und das darf geschehen, denn wir sind im Leben vielem ausgesetzt; also, wie sollte es anders sein.

Wenn ich auf diese Weise zwischen meinem Sein und meiner emotionalen Erfahrung trenne, wird auch klar, dass ich nicht dazu gezwungen bin, nach meinen Gefühlen zu handeln. Ich habe die Wahl: Wenn ich wütend bin, kann ich das ausleben, muss es aber nicht; wenn ich Angst habe, kann ich mich von der Angst leiten lassen, muss es aber nicht etc. Es entsteht die innere Freiheit, mich meinen Gefühlen positiv zuzuwenden und zu ergründen, woher kommt meine Wut, woher meine Angst?

Zum einen Teil kommen solche Gefühle gar nicht von außen, sondern von den eigenen Gedanken. Wenn ich den ganzen Tag unzufrieden mit mir bin und ständig an mir herummeckere, bin ich irgendwann genauso sauer, als hätte mich jemand anderes getadelt. Oder ich bekomme davon Panik, weil ich mich als ein Nichts und Niemand fühle, der dem Leben nicht gewachsen ist. Wenn man sich diese abwertenden Gedanken bewusst macht, kann man sie abstellen und sich selbst wieder positiv zuwenden. Die Gefühlslage wird sich dementsprechend normalisieren. Lässt man seine Handlungen von Gefühlen leiten, die nur durch eigene Gedanken entstanden sind, macht man Fehler.

Andererseits geschehen um uns herum tatsächlich Dinge, die unser Eingreifen erfordern. Wut oder Angst sind in solchen Fällen wichtige Signale, auf die wir hören sollten. Trennen wir zwischen Erfahrung und Sein, können wir den Ursprung unserer Gefühle klar erkennen. Damit haben wir die Möglichkeit, jeweils angemessen zu handeln. Gefühle, die nur von Gedanken kommen, lösen sich auf, wenn man seine Gedankenwelt überarbeitet; Gefühle mit Signalwirkung verschwinden, wenn deren Ursache wegfällt, d.h. sobald man die richtigen Maßnahmen in der Außenwelt ergriffen hat. Auf diese Weise bleiben wir im Fluss und erhalten unsere seelische Gesundheit.

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