Mehr Leichtigkeit durch weniger Urteilen

Unsere Psyche verfügt über eine machtvolle Instanz, eine Art inneren Richter, der ständig Urteile fällt. Durch ihn “wissen” wir stets genau, was richtig ist, was falsch, was gut ist, was schlecht, was schwarz ist, was weiß. Auch über unsere eigenen Eigenschaften und Handlungen haben wir jederzeit ein Urteil parat und “wissen” genau, wie wir sein sollten und wie nicht. Die dadurch verursachte Selbstkritik kann mitunter recht heftig ausfallen, so dass wir uns selbst gnadenloser niederschmettern als unser ärgster Feind. Und auch im Netz verfolgt uns diese Instanz, es wird geliked und gedisst, was das Zeug hält. Dies gibt uns ein Gefühl von Kontrolle, Mitbestimmung und Macht. Vordergründig gesehen fühlt sich das gut an, weswegen es den Zulauf bestimmter sozialer Netzwerke enorm erhöht. Doch tut uns Hochsensiblen das wirklich gut?

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich die Grundlagen unserer Urteile als fraglich. Was ist schon gut, und was ist schlecht? Wer ist ein guter Mensch und wer nicht? Wie soll man überblicken, was jetzt richtig ist und was falsch? Die Regelwerke, die hinter solchen Urteilen stehen, sind mehr oder weniger willkürlich. Rechtschreibregeln z.B. vereinheitlichen unseren Schriftverkehr und helfen uns, Texte lesbar zu gestalten. Doch warum wird Tomate mit T geschrieben und nicht mit D? Frage das einmal einen Franken! Wir haben uns einfach darauf geeinigt, dass sie mit T geschrieben wird. Regelwerke sind nötig und vereinfachen unser Miteinander, indem sie unseren Interaktionen Struktur geben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Richtig schmerzhaft wird es, besonders für hochsensible Menschen, wenn wir beginnen, unseren Selbstwert und den unserer Kinder über Leistung zu definieren. Wir urteilen mit “gut”, wenn bestimmte Leistungen erbracht werden, und mit “mangelhaft”, wenn diese nicht erreicht werden, sowohl bei uns selbst als auch bei anderen. “Leistung” ist ja auch wieder nur ein Regelwerk, das willkürlich gesetzt wird. Leistung zu erbringen heißt im Endeffekt, jemand anderem zu nutzen. Das kann eine schöne Sache sein, doch kommt es immer darauf an, wem man damit hilft, und wobei. Von daher sollte Leistung kein Kriterium sein, den Wert eines Menschen zu bemessen.

Tatsache ist, dass jeder Mensch einen Wert an sich hat, der von innen heraus kommt. Wir sind soziale Wesen, die aufeinander angewiesen sind. Vier Augen sehen mehr als zwei, heißt es. Und genau darin besteht der Wert eines Menschen an sich: Jeder Mensch ist mit seiner Sicht auf die Welt und seinen persönlichen Erfahrungen einzigartig und bereichert damit seine Umgebung. Dies gilt nicht nur für uns Menschen, sondern für alle Lebewesen. Aus diesem Bewusstsein heraus erwächst Respekt. Und das nicht nur für die Menschen und alle Lebewesen, sondern auch vor sich selbst.

Denn wenn ich mich als jemanden begreife, der seine ganz eigene, einzigartige Sicht auf die Welt hat, der seine individuelle Weise des Seins lebt, wie kann ich mich dann noch verurteilen? Ich bin nicht gut, nicht schlecht, nicht lieb, nicht böse, nicht schlau, nicht dumm, nicht fleißig, nicht faul, nicht hässlich, nicht schön, ich bin einfach nur! Momente, in denen man sich selbst so erleben kann, sind Momente der vollkommenen Identität mit sich selbst. Wir sind dann nicht mehr ein Bildhauer, der meint, sein Wesen nach bestimmten Vorstellungen formen zu müssen. Wir legen Hammer und Meißel beiseite, betrachten uns nicht mehr als Werkstück, sondern beginnen zu existieren. Werkmeister und Werkstück fallen in eins zusammen.

Achte einmal darauf, wie oft Du Dich über irgendetwas aufregst, das “nicht richtig” ist. Denke in diesen Fällen darüber nach, was Dich zu diesem Urteil bewogen hat. Ist das die Aufregung wirklich wert? Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass man sich zwar über alles aufregen kann, aber nicht dazu verpflichtet ist. Weniger Urteilen bringt auch in dieser Hinsicht sehr viel mehr Leichtigkeit.

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