Das bildest du dir ein: Hochsensibilität und Wahrnehmung

“Das bildest du dir ein” ist sicher einer der Top-Ten-Sätze, den ein hochsensibler Mensch im Laufe seines Lebens zu hören bekommt. Auch mir ist es nicht anders ergangen. Grund dafür ist unsere im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt erniedrigte Reizschwelle. Dadurch können wir schon sehr viel feinere Dinge wahrnehmen, die anderen verborgen bleiben, und das mit größter Selbstverständlichkeit. Wenn wir hochsensible Menschen dann über solche Dinge sprechen, die für uns in etwa so klar sind, wie dass der Himmel blau ist, stoßen wir auf großes Unverständnis. Gewiss, das Gegenüber kann nicht aus seiner Haut, jeder setzt seine Sicht der Welt spontan für absolut. Es erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion, um zu erkennen, wie subjektiv das eigene Weltbild ist. Das Problem für hochsensible Menschen ist, dass wir aufgrund der fehlenden Bestätigung für unsere Wahrnehmung aufhören, ihr zu trauen, und uns dadurch von uns selbst entfremden.

Wahrnehmung und Wirklichkeit – unsere Filter

Tatsache ist, dass jeder Mensch nur ca. 10% dessen, was in Wirklichkeit vor sich geht, wahrnimmt. Wir sind dazu gezwungen, sehr viele Reize auszufiltern, weil wir sonst verrückt werden würden. Unser Gehirn wäre schier nicht in der Lage, all das zu verarbeiten. Die Gesamtheit der auf uns einstürmenden Reize wird deshalb ständig gefiltert, und nur das, was diesen unbewusst arbeitenden Filtern als überlebenswichtig erscheint, wird in unser Bewusstsein durchgelassen. Aus diesen 10% an Reizen, die in unserem Bewusstsein landen, konstruiert sich jeder hologrammartig sein eigenes Wirklichkeitsbild.

Bei hochsensiblen Menschen sind diese Filter weiter geöffnet. Es dringen mehr und z.T. auch andere Reize ins Bewusstsein. Das heißt, dass wir nicht nur einzelne Dinge wahrnehmen, die anderen nicht ins Bewusstsein dringen, sondern dass unserem Gehirn auch andere Daten zur Verfügung stehen, um ein Wirklichkeitsbild zu konstruieren. Die Folge ist, dass das gesamte Wirklichkeitskonstrukt ein anderes ist, und dass dies von dem des Bevölkerungsdurchschnitts abweicht. Dieses Phänomen findet sich übrigens auch bei Hochbegabten, die ebenfalls über mehr Information verfügen.

Wie unsere Wirklichkeitskonstrukte entstehen

Man kann sich diesen Prozess der Bildung eines Wirklichkeitskonstruktes in etwa so vorstellen: Wenn einer wahrnimmt, dass es Äpfel, Wasser und Zucker gibt, dann liegt es sehr nah, Apfelkompott daraus zu kochen. Die Zutaten entsprechen in diesem Beispiel dem, was unsere Filter an Information in unser Bewusstsein dringen lassen, das Endprodukt, der Apfelkompott, wäre dann das Wirklichkeitskonstrukt.

Ein Hochsensibler sieht vielleicht eine Zutat mehr, nämlich Äpfel, Wasser, Zucker und Mehl. Also backt er Apfelstrudel. Auch wenn sich die Wahrnehmung selbst nur um eine einzige Zutat unterscheidet, ist das Endprodukt ein völlig anderes: Der eine denkt, die Welt wäre ein Apfelkompott, der andere, sie wäre ein Apfelstrudel. Die erweiterte Wahrnehmung hat also einen doppelten Effekt und es entsteht daraus keineswegs nur mehr des Selben.

Um zurück auf unseren Ausgangssatz “das bildest du dir ein” zu kommen, muss man nach all dem ernüchtert feststellen, dass irgendwie jedes Wirklichkeitskonstrukt in gewisser Weise eingebildet ist. Es ist nur so, dass die Mehrheit der Menschen über ein ähnliches Wirklichkeitskonstrukt verfügt, weil ihre Wahrnehmungsschwelle und die Funktionsweise ihres Gehirns sich ähneln. Diese Mehrheit kann sich dann gegenseitig in ihrem Wirklichkeitskonstrukt bestätigen und fühlt sich deshalb darin relativ sicher.

Meine Erfahrungen

Als Kind habe ich am laufenden Band Dinge wahrgenommen, die meine Eltern offensichtlich nicht so gesehen haben. “Das bildest du dir ein” musste ich mir deswegen recht oft anhören. Aufgrund der fehlenden Bestätigung für meine Weltsicht war ich zutiefst verunsichert. Da gab es Dinge, die mir so klar vor Augen waren, und die sollten alle Einbildung sein? Ich hörte auf, darüber zu sprechen und bemühte mich darum, auf meine Eltern zu hören. Der Nachteil daran war nur, dass sich im Nachhinein immer herausgestellt hat, dass ich mit meiner Wahrnehmung recht gehabt hatte und durch meine Selbstzensur in die Irre geleitet wurde. Es wuchs in mir immer mehr der Verdacht, dass ich mir all das doch nicht einbildete. Ich begann, mich mehr und mehr auf meine Wahrnehmung zu verlassen, auch wenn ich mich insgeheim noch immer dafür schämte.

Später war ich völlig fasziniert, weil ich hin und wieder Menschen begegnete, die das gleiche wahrnahmen wie ich und zu den gleichen Wirklichkeitskonstrukten gelangten. Viele Jahre bildeten wir sozusagen kleine eingeschworene Gemeinschaften. Erst viel später, als ich von dem Phänomen Hochsensibilität erfuhr, löste sich das Rätsel: Das waren Menschen gewesen, die ebenfalls hochsensibel sind! Seitdem hat bei mir eine richtige Befreiung eingesetzt. Heute habe ich eine wachsende Sicherheit, was meine Wahrnehmung betrifft.

“Außersinnliche” Wahrnehmungen bei Hochsensiblen

In meinen Coachings mit hochsensiblen Menschen habe ich oft mit diesem Thema zu tun. Da kommen Leute fernab von jeder Esoterikszene, die sich erst nach mehreren Sitzungen trauten, über ihre Wahrnehmungen zu sprechen, und die wirklich Angst hatten, verrückt zu sein. Das Spektrum reichte von sehr feinen Wahrnehmungen der Interaktion anderer Menschen, so dass nach dem Aufbau von Vertrauen darin sich eine große Menschenkenntnis entwickeln konnte, bis hin zu Wahrnehmungen, die gemeinhin als außersinnlich bezeichnet werden. Diese treten bei hochsensiblen Personen auf, die psychisch vollkommen unauffällig sind und ein pragmatisches und bodenständiges Leben führen.

Es gibt ja Richtungen, die in dieser Hinsicht nochmals zwischen hochsensibel und hochsensitiv unterscheiden. Hochsensibel bezieht sich auf die Wahrnehmung von mehr und feineren Reizen, während hochsensitiv sich auf außersinnliche Wahrnehmung bezieht. Mir persönlich behagt diese Unterscheidung nicht, da ich erstens ein Problem mit dem Begriff “außersinnlich” habe. Wer weiß schon, ob das nicht ganz normale Reize sind, die nur von unseren Filtern in der Regel ausgesiebt werden? Zweitens habe ich die Übergänge als sehr fließend erlebt, so dass ich persönlich nicht wüsste, ab welchem Punkt ich jemanden als hochsensibel oder hochsensitiv einstufen sollte. Von daher ziehe ich es vor, es beim Begriff Hochsensibilität zu belassen bzw. den Begriff Hochsensitivität als Synonym zu verstehen.

Die erweiterte Wahrnehmung hat einen doppelten Effekt

Zusammenfassend kann man sagen, dass Hochsensibilität durch die erniedrigte Reizschwelle dazu führt, dass man Zugang zu Informationen hat, die der Bevölkerungsdurchschnitt nicht wahrnimmt. Dieses Mehr an Information bleibt jedoch nicht für sich allein stehen, sondern es entsteht auch ein anderes Wirklichkeitskonstrukt und damit eine grundlegend andere Weltsicht. Wenn ein hochsensibler Mensch durch sein Umfeld keine Bestätigung für seine Weltsicht bekommt, kann ihn das sehr verunsichern, von sich selbst entfremden und ihn in regelrecht in eine Identitätskrise treiben. Deshalb ist es wichtig, Kontakte zu anderen hochsensiblen Menschen aufzubauen, da diese einem eine Sicherheit über die eigene Wahrnehmung geben können.

Übrigens, wer sich fragt, ob das, was auf dem Beitragsfoto zu sehen ist, nur eingebildet ist: Nein, es handelt sich dabei tatsächlich um das Foto eines real existierenden Gegenstandes, um einen Riesenkristall der Kristallwelten in Wattens, der mit wechselndem Licht angestrahlt wird. ;-)

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9 Gedanken zu „Das bildest du dir ein: Hochsensibilität und Wahrnehmung“

  1. Hallo Barbara

    Ist es bei HS eigentlich “normal” wenn wir täglich Menschen begegnen;(und wissen oder uns einbilden?) was sie gerade denken? Ich emfinde es als sehr anstrengend jeden Tag…

    Liebe Grüße
    Jens

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    • Lieber Jens,

      “normal” ist es nicht gerade, aber ich habe immer wieder besonders feinfühlige Klienten, die über solche Phänomene glaubhaft berichten. Hast Du denn schon einmal den Realitäts-Check gemacht, d.h. diejenigen gefragt, ob sie das gerade wirklich denken? Das könnte eine sinnvolle Maßnahme sein, um mehr Sicherheit über Deine Wahrnehmungen zu bekommen.

      In jedem Fall benötigst Du eine bessere Abgrenzung, da das tatsächlich so viel zu anstrengend ist. Mehr dazu kannst Du hier nachlesen:

      Der Regenschirmspaziergang – 5 Schritte für mehr Abgrenzung

      In drei Schritten zu mehr Abgrenzung bei Hochsensibilität

      Ich hoffe, das hilft Dir erst einmal weiter, und wenn Du noch Fragen hast, immer gern! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

    • Hey Jens, das kenne ich auch und ich habe mein Gegenüber gefragt (mehrfach) ….ich lag jedesmal richtig 😔 mein Leben ist sooo anstrengend, da bekommt schon ab und an mal die Idee Schluss zu machen 😩 GLG Sabine

  2. „Das bildest du dir ein!“ und „Sei doch einfach mal normal!“ , was haben mich diese Sätze irritiert und immer habe ich geglaubt, das etwas nicht mit mir stimmt. Trotz Therapie (wegen Missbrauch) ist mein hsp geblieben.

    und ich habe ihn für mich angenommen. Mich langwe8len noch immer die oberflächenlichen Klamaukgespräche bei Grupppenzusammentreffen. Mir gehen Geräusche und Geplapper einfach auf die Nerven. Ja, ich bin tatsächlich Anders als die Meisten. Inzwischen mag ich mein Anderssein. Nur andere verstehen es nicht. Und meine Erklärungen spare ich mir auch. Wie sollten sie es auch nachvollziehen könne;, in ihrer „einfachen“ Welt.

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    • Liebe Susanne,

      vielen Dank für Deinen Bericht! Freut mich, dass Du Dich in diesem Artikel wiederfinden konntest. :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  3. Liebe Anna-Barbara,

    deine Seite hat mir sehr geholfen. Und? Was soll ich sagen? Ich bin intuitiv auf deine Seite gestossen, als ich- wieder mal- dachte: Warum verstehen mich die anderen nicht??
    Es ist doch so eindeutig (es ging um eine offensichtliche Verletzung eines Menschen an mir, was viele andere Anwesende nicht so empfunden haben). Für mich war es so eindeutig, für die meisten anderen nicht. Das hat mich sehr getroffen. Und mich hilflos fühlen lassen.
    Eigentlich wurden alle meine Fragen und Fragezeichen über meinem Kopf- auch der letzten Jahre- mit deinen Artikeln beantwortet. Seitdem geht es mir gut. Nö, sehr gut….Daumen hoch und danke!
    Ich ziehe da sehr viel Hilfreiches für mich heraus und kann endlich sagen: Ja! Ich bin offenbar ein hochsensibler Mensch, was ich im Großen und Ganzen gut finde. Manchmal sehr kräftezehrend….energieraubend. Aber jetzt habe ich ja hilfreiche Tipps.

    Vielen Dank, Helene

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    • Liebe Helene,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht! Ich habe mich sehr darüber gefreut. :-) Es ist wunderbar, dass Du eine so positive Einstellung zu Deiner Hochsensibilität hast, und ich freue mich, dass ich mithelfen durfte, die offenen fragen zu klären, so dass Du jetzt ein prima Leben führen kannst! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  4. Wahnsinnig spannend und sehr anstrengend. Vor kurzem bin ich durch einen Personal Coach erst auf dieses Thema gestoßen, weil ihr das aufgefallen ist. Jetzt lese ich hier und Falle vom Glauben ab. Das passt alles so gut. Ich zweifele auch ist an meinen Verstand. Bei mir ist es oft so, dass ich aus den Augen von Verunfallten und sterbenden sehen kann und deren Angst spüren kann. Ich kann hören, riechen und sehen was sie sehen. Das war schon seit Kindesbeinen so und als Heranwachsende hat mich das regelrecht fertig gemacht und ich habe mich als verrückt abgeschrieben. Als Erwachsene kann ich mich mittlerweile in der Regel abgrenzen aber manchmal passiert es trotzdem, dass ich mich in dieser Situation wiederfinde und selbst erschrecke. Das kostet Kraft. Aber der Selbstschutz ist total wichtig, sonst geht man förmlich kaputt.
    Viele andere Dinge passen auch total, danke, dass hier über das Thema informiert wird. Danke ❤️

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    • Liebe Julia,

      vielen Dank für dein nettes Feedback und deinen Bericht! So etwas gibt es bei Hochsensiblen häufiger. Viele schämen sich und denken, sie wären verrückt. Dabei bekommen sie so etwas tatsächlich mit, weil sie eine erniedrigte Reizschwelle haben und deswegen offen für solche Dinge sind. Gut, dass du dich inzwischen besser abgrenzen kannst! Es ist ja auch eine Gabe, solche Dinge wahrnehmen zu können, aber wichtig ist, dass du diese Wahrnehmungen zu deinem und zum Nutzen aller einsetzen kannst und nicht davon “erschlagen” wirst.

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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