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Mein Mauerfall – Zeitgeschichte hochsensibel — 8 Kommentare

  1. Ihre Eindrücke, Frau Kern, teile ich weitgehend.

    Was mich selbst betrifft, habe ich noch weiter zurückgehende Empfindungen; ich bin nämlich 1950 geboren und habe an die deutsche Teilung und an die Berlin-Problematik viel weiter zurückgehende Empfindungen, da die Familie meiner Mutter aus Berlin stammt, und da wurden die Berlin-Krisen, die es immer wieder gab, sehr stark thematisiert, insbesondere, da die Großeltern noch in Berlin lebten.

    Zusätzlich waren unsere Eltern – man möchte beinahe sagen, natürlich – durch den zweiten Weltkrieg und die Folgen extrem traumatisiert (mein Vater war Stabsarzt im Krieg und hat schreckliches gesehen).

    So bin ich, und auch mein Bruder ist es, der geschichtlichen Vorgänge sehr gewärtig, von der Mauer bis zur Wende…

    Bei allen verständlichen Befindlichkeiten, die heute vorliegen und diskutiert werden, erlaube ich mir den Hinweis, dass in der Nachkriegszeit extrem existenzielle Anforderungen an die Menschen da waren, die heute nicht so extrem sind.

    Die Wende war schwierig, und ist es noch, ich mag mir aber nicht vorstellen, wie das schon in Erstarrung geratende Westdeutschland und die noch weiter erstarrte DDR ohne die Wende ausgsehen hätten…

    In diesem Sinne,
    freundliche Grüße.

    • Lieber Johannes,

      vielen Dank für Deinen Bericht! Sehr schön, dass Du (ich hoffe, “Du” ist in Ordnung?) meine Geschichte durch Deine Schilderungen noch erweitert und in den großen Zusammenhang von Anfang bis Ende gestellt hast. Das finde ich sehr wertvoll!

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  2. Liebe Anne- Barbara,
    ich finde Deinen Blog zu 30Jahre Mauerfall wunderbar. Als die Mauer fiel war ich 7Jahre jung. Mein Vater ging damals bereits viele Monate regelmäßig zu den Montagsdemonstrationen in unserer Stadt und es wurden Woche um Woche mehr Menschen, die sich diesen Treffen anschlossen. Damals war das eine aufregende Zeit.
    Am Tag des Mauerfalls schauten wir fern und meine Eltern konnten es nicht fassen, sie waren überglücklich, dass sie endlich reisen konnten! Mit unserem Wartburg fuhren wir am nächsten Tag über die bayerische Grenze und besuchten nach 5 Jahren endlich meine Tante. Sie war 1984 ausgereist und geflüchtet mit ihrer Familie, sie hielt das Leben in der DDR nicht mehr aus. 5Jahre hatten wir keinen Kontakt zu ihr, da wir ja kein Telefon hatten und die DDR komplett von der BRD abgeschnitten war. Das Treffen war eine Familienzusammenführung, es war sehr schön!
    Der Mauerfall war für meine Familie ein Glücksumstand! Meine Familie gehört zu den Wende Gewinnern. Die gute medizinische Versorgung ab 1992 führte dazu, dass meine Mutter besser mit ihrer Krankheit leben konnte und endlich passende Hilfsmittel erhielt. Mein Vater behielt seinen Job und wurde später Chef. In unserer Stadt wurden viele verfallene Gebäude aufgebaut und endlich saniert.
    Wie toll, dass wir seit 30Jahren ein gemeinsames Deutschland sind!
    Viele Grüße von Katrin

    • Liebe Katrin,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht von der anderen Seite der Mauer! Ich bin gerade sehr bewegt, ergriffen und gerührt und auch sehr froh, dass wir jetzt ein Deutschland sind und auf diesem Wege frei kommunizieren können.

      Schön, dass das für Eure Familie alles so gut ausgegangen ist! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  3. Liebe Anne-Barbara Kern,
    vielen Dank für Deinen mich berührenden Artikel zum Mauerfall. Aus den Kommentatoren danke ich. Ich bin 1951 geboren und unter der Weltvernichtungsangst auch aufgewachsen. Habe deshalb geglaubt, die Menschheit retten zu müssen und so meinen Beruf gewählt als Philosophin und Ethikerin. Ich wohnte in Berlin an der Mauer, Wollankstrasse. In der Bornholmerstrasse stand ich oft mit meinem 7 jährigen Sohn an der Grenze, weil er die unfassbar gefährlich aussehenden Grenzsoldaten mit ihren Gewehren hinter den Schlagbäumen sehen wollte. Dass mitten auf der Strasse eine Todesgrenze sein kann, hat ihn völlig fassungslos sein lassen.
    Nach der Wende habe ich mitgekämpft für die neuen ethischen Schulfäcer in Brandenburg und Sachsenanhalt. Ich habe viele Ostlehrer ausgebildet und deren persönliche Situationen kennen gelernt. Sie waren aus der Zeit gefallen.
    Dass ich selber Hochsensibel bin habe ich sehr spät im Leben verstanden, auch dass es dafür genetische Bedingungen gibt.Es wäre sehr hilfreich gewesen, wenn mir das jemand als Jugendliche erklärt hätte, dann hätte ich meine Berufsaugenmerk woanders hinrichten können.Die Arbeit mit Menschen hat mein Nervensystem äußerst belastet. Jetzt versuche ich als 68 jährige Frau, dem Schönen im Leben zu begegnen und mein Nervensystem zu heilen. Ich leben am Meer in Andalusien und geniese jeden Tag die SOnne und das Leben. So schnell geht es nicht unter.Auch nicht jetzt wegen dem Klima, obwohl wir Etliches dafür tun müssen.
    Annegret Stopczyk

    • Liebe Annegret,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback und Deinen Bericht, der mich auch sehr berührt! Ich finde es toll, wie Du Dich engagiert hast, kann aber auch gut verstehen, wie anstrengend das für Dich gewesen sein muss. Ich freue mich für Dich, dass Du es heute gut hast und in einer heilsamen Umgebung lebst. Vielen in Deinem Alter geht es wie Dir – sie hätten gern eher von ihrer Hochsensibilität erfahren! Leider wäre das frühestens um die Jahrtausendwende überhaupt möglich gewesen und so richtig schwappte die Forschung von Elaine N. Aron erst ab 2010 über den Teich. Aber Du kannst auch jetzt noch eine Menge für Dich tun und so wie Du es beschreibst, machst Du das ja auch! :-)

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

  4. Liebe Leserinnen und Leser
    2 Jahre nach dem Krieg und 1 Jahr vor der Währungsreform kam ich in einer Großstadt nahe des Ruhrgebietes zur Welt. Alte Fotos zeigen, wie verdreckt die Luft damals war und ich reagierte schon vor meinem ersten Geburtstag mit schwersten Asthmaanfällen, die mich über Jahrzehnte begleiteten.

    Kuchen gab es bei uns selten und war etwas ganz besonderes, Torte war etwas für die Reichen, nicht für uns. Bis heute ist z.B. die Vorstellung sich Essen ins Haus zu bestellen, für mich absurd. Mein damaliges und weiteres Leben war und ist geprägt von der Angst, den mühsam erreichten Standard nicht halten zu können.

    Was mich heute noch sprachlos macht: Die Folgen des Krieges waren allgegenwärtig. Aber es wurde weder gefragt, noch darüber gesprochen. Es kamen irgendwelche nebulösen Fetzen wie, “er war gerade 18, groß und blond und musste zur SS” – keine Ahnung was dieser Satz sagen sollte -, der andere Onkel war “mit Rommel in Afrika” und die alten Kammeraden trafen sich einmal jährlich mit Gemahlinnen. Was um alles in der Welt wollte der Onkel in Afrika und wer war Rommel. Die Krönung ist für mich heute der Ausspruch meiner Mutter, einer Frau, die in Lazaretten gearbeitet hatte, “wir haben nichts gewusst, wir haben uns immer nur gefragt, warum es manchmal so stinkt”. Heute weiß ich, dass dann in den Krematorien Menschen verbrannt wurden.

    Der ehemalige Kollegin meiner Mutter, die in der DDR wohnte, bekam regelmäßig Päckchen. Als guter Christ half man den Armen.

    “Die” Russen vergewaltigten deutsche Frauen, nahmen ihnen ihre Uhren weg und vergewaltigten sie. Irgendwie hat sich bei mir festgesetzt, dass sie auch kleine Kinder “fressen”. So etwas fing ich als Kind auf, ohne weiter nachzufragen.

    Interesse und Bewusstsein für das was war und gewesen war kam mit dem Vietnamkrieg und dem Fernsehen. Aber ich war niemand, der auf die Straße gegangen wäre, hier hörte mein Mut auf. Die DDR war und blieb ein weißes Tuch, auch bei uns gab es Täler der Ahnungslosen. Bis ich Anfang der 70er Jahre studierte und später einen politisch sehr aktiven Mann heiratete. Unter Studenten wurde SBZ mit “sozial bessergestellte Zone” übersetzt. Viele Errungenschaften, die “drüben” selbstverständlich waren: Krippe, Hort, Ganztagsbetreuung, Sicherheit am Arbeitsplatz, Polytechnische Oberstufe usw. versuchen wir heute mehr oder weniger stümperhaft aufzubauen. Dass Jugendliche im Westen 50 – 100 Bewerbungen schrieben und trotzdem keine Lehrstelle fanden, war im Osten sicher genau so wenig bekannt wie die Verzweiflung der berufstätigen Mutter, wenn der Babysitter plötzlich krank wurde und sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben musste.

    Mitte der 80er zog es uns in den Norden, ca.30 km von der Innerdeutschen Grenze entfernt. Durch die Autobahn war der Grenzübergang an der B 5 gespenstisch verweist. Irgendwie hörte auch hier das Denken an der Grenze auf und unser Wissen um dass, was dahinter war. Wir waren die Bundesrepublik Deutschland und irgendwie auch die richtigen, besseren Deutschen. Anders war es wahrscheinlich bei denen, die regen verwandschaftlichen Kontakt hatten.

    Die Grenzöffnung bedeutete für mich erst einmal, dass sich auf der B 5 zwischen Boizenburg und Hamburg ein Trabbi an den anderen reihte und alles jubelte. Menschen, die früher vollkommen unpolitisch waren, füllten ihren Kofferraum mit Bananen und fuhren an die Grenze um sie zu verteilen und fühlten sich dabei toll. Selbst eine eigene Zigarettenmarke “go west” kam auf den Markt. Kleine Packungen wurden als Willkommensgeschenke an der Grenze verteilt.

    Ich hatte schon immer und habe Angst vor Menschenansammlungen. Egal ob Karnevalssitzung, Fußballspiel, Demo oder Openair Konzert. Allein aus diesem Grund machten mir diese Massen mehr als Angst.

    Unter den Menschen um mich herum brach etwas wie eine Massenhysterie aus. Wer nicht mitjubelte sondern nachdachte und meinte, dass es sicher nicht so schnell und einfach werden würde, wie manche Politiker versprachen, wurde übel beschimpft, falls er überhaupt gehört wurde.

    In mir hat dieses Ereignis ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit, Verzweiflung, Unfähigkeit etwas zu erreichen, oder mir Gehör zu verschaffen hinterlassen. Ich wurde nicht gefragt, ich wurde nicht gehört und meine Meinung interessierte niemand. Sicher war ich in Ost und West nicht die Einzige, die so gefühlt hat. Wir hätten an das Saarland denken müssen und gewusst, so einfach geht das nicht. Wir hätten einen Plan und viel, viel Zeit gebraucht.

    Besonders um die Menschen, die überzeugt von dem waren, was sie sagten und taten, die mit ganzem Herzen bei der Sache waren ohne Schaden anzurichten, hatte ich Angst. Denen wurde plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen.

    Wenn wir an den Mauerfall denken, sollten wir neben allem Jubel vielleicht auch an die vielen, vielen Verlierer der Wende im Osten und im Westen denken.

    Es macht es mich traurig und ich schäme mich für manches, was dem Osten und vielen Bürgern der DDR im Zusammenhang mit der Wende angetan wurde. Nicht nur für die Treuhand. Langsam wird auch hierrüber geredet.

    Ich wünsche uns für die Zukunft kluge, kompetente BürgerInnen und PolitikerInnen, die nachdenken, bevor sie Entscheidungen treffen.

    Elke

    • Liebe Elke,

      besten Dank für Deine ausführliche und nachdenklich stimmende Sicht auf dieses Ereignis! Ich finde, das ist eine gute Ergänzung zu dem, was bisher geschrieben wurde.

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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