Hochsensibilität, Nähe und Distanz

Hochsensible Menschen nehmen aufgrund ihrer erniedrigten Reizschwelle viel mehr von anderen wahr als der Bevölkerungsdurchschnitt. Gleichzeitig sind sie auch weniger abgegrenzt und erleben den Übergang zwischen der eigenen Sphäre und der der anderen oft als fließend. In Bezug auf unsere Bedürfnisse nach Nähe und Distanz hat dies spürbare Auswirkungen, durch die wir uns von anderen deutlich unterscheiden. Wir sehnen uns nach intensiven Beziehungen mit Tiefgang. Dabei kann es leicht passieren, dass wir anderen zu nah treten, weil sie sich durch die extreme Nähe, die wir aufgrund unserer Veranlagung aufbauen, überfordert fühlen. Es ist aber nicht einfach nur so, dass wir ein größeres Bedürfnis nach Nähe haben. Wir brauchen gleichzeitig auch mehr Abstand als andere. Denn weil wir andere so intensiv wahrnehmen, benötigen wir viel Zeit für uns, um wieder in die eigene Identität zu finden. So kommt es, dass wir anderen auf der einen Seite leicht zu nah treten, sie sich andererseits aber oftmals zurückgestoßen fühlen, wenn wir unsere Auszeiten brauchen.

Die richtige Nähe und Distanz zu finden funktioniert bei Hochsensibilität anders. Dabei ist es für viele hochsensible Menschen hilfreich, sich einmal die Art der Beziehung zum Gegenüber genau bewusst zu machen. So kann man die Nähe und Distanz zur jeweiligen Person genauer abschätzen und auf die spezielle Situation abstimmen. Ich arbeite dabei mit einem Ringe-Modell, das ich in der Folge kurz vorstellen möchte.

Das Ringe-Modell der Nähe und Distanz

Stell dir einmal vor, du bist von vier Ringen umgeben, von denen jeder einen etwas größeren Durchmesser hat und deswegen ein Stück weiter von dir weg ist. Dabei steht Ring 1 für Körperkontakt, Ring 2 für  Freundschaften und den nicht-körperlichen Aspekt der Liebe, Ring 3 für Bekanntschaften und Ring 4 für Zufallsbegegnungen. Du kannst praktisch jeden Kontakt, den du hast, einem der Nähe-Distanz-Ringe zuordnen. Und je nachdem, wie nah dieser Ring bei dir liegt, ergeben sich unterschiedliche Arten der Kommunikation. Auf jedem Ring können auch je nach individuellen Besonderheiten und Veranlagungen verschiedene Schwierigkeiten auftreten, was Nähe und Distanz betrifft. Schauen wir uns doch einfach einmal jeden Ring noch einmal genauer an:

Nähe-Distanz-Ring 1 – Körperkontakt

Der erste Nähe-Distanz-Ring steht für Körperkontakt und betrifft die Menschen, die dir am nächsten kommen. Dazu gehört natürlich die Sexualität, aber auch Umarmungen und Zärtlichkeiten mit nahestehenden Menschen, Kindern und Haustieren. Etwas förmlichere Berührungen wie Händeschütteln oder Schulterklopfen würde ich ebenfalls in diesen Ring einordnen.

Hochsensible Menschen empfinden Körperkontakt sehr intensiv. Dies kann als beglückend erlebt werden, aber auch zu Reizüberflutung führen. Das Empfinden z.B. bei der Sexualität kann überwältigend schön sein, bei manchen Hochsensiblen aber auch so schnell zu Reizüberflutung führen, dass sie dabei Schwierigkeiten bekommen. Auch streicheln kann bei manchen zu viel werden. Ein Onkel von mir war so empfindsam, dass er anderen kaum die Hand geben konnte. Damit eckte er regelmäßig an und wurde als unhöflich angesehen. Eine meiner Klientinnen war sehr verzweifelt, weil ihr kleiner Sohn, ebenfalls hochsensibel, den Körperkontakt zu ihr dringend brauchte, wenn er überreizt war. Sie konnte ihm das oft nicht in dem Maß geben, weil das wiederum bei ihr zu Überreizung führte.

Wichtig ist, dass du dir genau bewusst machst, wie das mit der Nähe und Distanz bei dir ist. Was magst du an Körperkontakt und wo wird er dir zu viel? Vielleicht hast du auf diesem Nähe-Distanz-Ring auch gar kein Problem, das ist bei jeder und jedem anders. Wie auch immer, versuche, dich mit deinen Empfindungen so anzunehmen, wie du bist.

Nähe-Distanz-Ring 2 – Freundschaft und Liebe

Auf diesem Nähe-Distanz-Ring befinden sich alle Menschen, die dir sehr nah stehen und zu denen du eine intensive Beziehung hast. Du vertraust ihnen und kannst mit ihnen über Dinge sprechen, die dich in der Tiefe bewegen. Hier kannst du dich so zeigen, wie du bist. Die meisten Hochsensiblen fühlen sich auf diesem Nähe-Distanz-Ring besonders wohl. Sie mögen keinen Smalltalk und hier ist er nicht nötig.

Es kann aber auch da zu Problemen kommen. Denn mancher Hochsensible mag sich durch so viel Nähe bedroht fühlen und womöglich ängstlich darauf reagieren. Gefolgt wird dies dann vom Gefühl, in nahen Beziehungen zu versagen und von Selbstvorwürfen, nicht beziehungsfähig zu sein. Oft stecken schlechte Erfahrungen dahinter, die noch nicht verarbeitet wurden. Hochsensible leiden unter so etwas mehr als andere und sind dann nicht mehr in der Lage, ihr Herz für Menschen zu öffnen, die eigentlich vertrauenswürdig wären. Wichtig ist, sich dies bewusst zu machen und Wege zu finden, die schlechten Erfahrungen von früher her aufzuarbeiten. Dabei bieten sich z.B. Expressive Writing oder EFT an.

Wenn ein*e Hochsensible*r nicht in der Lage ist, sich in einer Beziehung zu öffnen, ist es auch möglich, dass unbewusste Konflikte und/oder Verletzungen bestehen. Auch hier gilt es, sich dies erst einmal bewusst zu machen und in der Folge mit dem Gegenüber zu klären.

Nähe-Distanz-Ring 3 – Bekanntschaften

Auf diesem Nähe-Distanz-Ring befinden sich ferner stehende Menschen, zu denen du zwar regelmäßig Kontakt hast, denen du aber nicht dein Herz ausschütten würdest, wie z.B. Arbeitskolleg*innen, Schulkamerad*innen, Nachbarn etc. Viele Hochsensible haben das Problem, dass sie auch mit diesen Menschen so kommunizieren, als wären es Ring-2-Kontakte. Das kann dazu führen, dass man diese Menschen überfordert und sie das Verhalten als unangemessen einstufen. Im schlimmeren Fall verwenden diese Menschen das Wissen, das sie auf diesem Wege über uns erlangen, gegen uns. Dann haben wir einen strategischen Fehler gemacht, der später schmerzlich auf uns zurückfallen kann.

Auf dem Nähe-Distanz-Ring 3 ist es sehr wichtig, sich genau klarzumachen, was man mit solchen Menschen bespricht und was nicht. Hier benötigst du eine gewisse Übung im Smalltalk, der alles andere als oberflächlich ist! Mehr dazu kannst du in diesem Blog-Artikel nachlesen.

Nähe-Distanz-Ring 4 – Zufallsbegegnungen

Auf diesem Nähe-Distanz-Ring befinden sich alle Menschen, denen du zufällig begegnest, z.B. auf der Straße, beim Einkaufen, im Restaurant, bei Freizeitaktivitäten etc. Diese Menschen haben für dein Leben keinerlei Bedeutung. Hier können bei Hochsensiblen zwei Probleme auftreten: Erstens Schüchternheit, d.h. es fällt ihnen schwer, mit einer Supermarktkassiererin oder jemandem in der Warteschlange ein paar nette Worte zu wechseln, sollte es nötig oder angebracht sein. Das kann man aber üben: Nimm dir einfach jeden Tag eine kleine Herausforderung vor, indem du jemanden, der dir zufällig begegnet, z.B. nach der Uhrzeit oder nach dem Weg fragst. Du wirst sehen, dass du schnell immer mutiger wirst!

Das zweite Problem auf dem Nähe-Distanz-Ring 4 ist, dass Hochsensible auch Zufallsbegegnungen so „abscannen“, als wäre es enorm wichtig zu wissen, wie dieser Mensch tickt, wie er denkt, fühlt und was er für Probleme hat. Wenn man dazu neigt, ist jede Aktivität in der Öffentlichkeit extrem überfordernd. Denn dieses „Abscannen“ erfordert eine Menge Energie, die an dieser Stelle sinnlos verpulvert wird! Solltest du dich hier wiederfinden, empfehle ich dir meinen Blog-Artikel über den Regenschirmspaziergang, eine Technik, mit deren Hilfe du dich vor Zufallsbegegnungen abschirmst.

Fazit zur Nähe und Distanz bei Hochsensibilität

Jeder Kontakt, den du hast, erfordert je nach Nähe-Distanz-Ring, auf dem sich dieser abspielt, eine andere, angemessene Art zu kommunizieren. Wenn du das beachtest, wird dein Leben bedeutend leichter und unkomplizierter. Nicht jede*r Hochsensible hat auf jedem Nähe-Distanz-Ring ein Problem, denn jeder Ring hat seine ganz eigenen Kontaktqualitäten und stellt verschiedene Anforderungen an unser Verhalten. Je nachdem, wo deine Stärken und Schwächen liegen, kannst du in manchen Beziehungen wunderbar zurechtkommen, während dir dies bei anderen vielleicht weniger leicht fällt. Wenn dir dies einmal klar ist, ist das aber erlernbar, sodass du in kurzer Zeit Verbesserungen spürst.

Eine abschließende Bemerkung am Schluss: Wenn du den Eindruck hast, dass diese Dinge dir besonders schwerfallen und du feststellst, große Probleme mit Nähe und Distanz zu haben, ist es gut möglich, dass du nicht nur hochsensibel bist, sondern auch einige Asperger-Züge aufweist. Das ist unter Hochsensiblen relativ weit verbreitet. Mehr dazu erfährst du in meinem Blog Artikel Hast du auch  Asperger-Züge? Mache den Test!

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2 Gedanken zu „Hochsensibilität, Nähe und Distanz“

  1. danke, ja ich habe zu jeder art beziehung schwierigkeiten, weil ich meist von anfang an sehr viel über sie nachdenke, zu viel. außer wenn ich auf der straße jemanden guten tag sage, das erfreut mich und meist auch den anderen, (ich mache es gern bei älteren frauen).
    freundlich carmen steg

    Antworten
    • Liebe Carmen,

      Es ist verständlich, dass du Schwierigkeiten mit Beziehungen hast und viel über sie nachdenkst. Hochsensible Menschen neigen oft dazu, tiefe Gedanken über ihre Beziehungen und Interaktionen zu haben. Das kann sowohl eine Stärke als auch eine Herausforderung sein.

      Es ist schön zu hören, dass du Freude daran findest, anderen Menschen einen freundlichen Gruß zu sagen. Kleine Gesten der Freundlichkeit können das Leben für dich und andere bereichern. Wenn du dich in sozialen Situationen wohler fühlst, in denen du freundlich sein kannst, könnte dies ein Weg sein, um deine sozialen Fähigkeiten und Beziehungen zu stärken.

      Denke daran, dass Beziehungen Zeit und Übung erfordern, um sich zu entwickeln und zu wachsen. Es ist in Ordnung, dass du Schwierigkeiten hast, aber es gibt auch viele Möglichkeiten, diese Herausforderungen zu bewältigen und erfüllende Beziehungen aufzubauen.

      Herzliche Grüße,
      Anne-Barbara

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