HochsensibilitĂ€t und Narzissmus – eine neue Sicht

Narzissmus ist ein weit verbreitetes PhĂ€nomen, das in der HochsensibilitĂ€ts-Szene viel diskutiert wird
 Narzisstische Persönlichkeiten sind permanent nur auf die Hebung des eigenen Selbstwerts bedacht, kreisen dabei ausschließlich um sich selbst und entwerten und manipulieren andere fĂŒr genau diesen Zweck. Die „böse“ Königin aus dem MĂ€rchen Schneewittchen ist ein Paradebeispiel fĂŒr Narzissmus: Es ist ihr so unertrĂ€glich, nicht die Schönste zu sein, dass ihr alle Mittel recht sind. In der HochsensibilitĂ€ts-Szene kursiert die Vorstellung, dass hochsensible Menschen leicht Opfer von Narzissten werden und dass sie selbst niemals narzisstisch sind. HochsensibilitĂ€t ist aber eine genetische Veranlagung, wĂ€hrend Narzissmus eine psychische Erkrankung darstellt, die zu den Persönlichkeitsstörungen zĂ€hlt. Zu behaupten, dass Hochsensible niemals narzisstisch sein könnten und Narzissmus nie mit HochsensibilitĂ€t einhergehen wĂŒrde, ist ungefĂ€hr so unsinnig, als könnte jemand mit blonden Haaren keine Grippe bekommen. TatsĂ€chlich gibt es nach meiner Beobachtung unter den von Narzissmus Betroffenen sogar auffallend viele Hochsensible. Das ist aus meiner neuen Sicht auf Narzissmus auch kein Wunder – darauf werde ich im Lauf dieses Artikels genauer eingehen.

Die Außensicht auf Narzissmus

In der Regel wird bei der Beschreibung des Narzissmus von außen auf die Betroffenen gesehen und deren Verhalten interpretiert. Dabei entsteht ein dĂŒsteres Bild, da diese Menschen hochmanipulativ sind und keinerlei Empathie zeigen. Ein narzisstisch gestörter Mensch braucht andere und bringt sie dazu, ihn zu bestĂ€tigen. Gelingt dies nicht, gibt er dem anderen die Schuld dafĂŒr. Es dreht sich alles nur um Idealisierung und Entwertung.

Der narzisstisch gestörte Mensch wĂŒrde fĂŒr seine SelbstbestĂ€tigung alles tun: Anstrengung, Perfektionismus, Fleiß, Aussehen, Leistung, Suggestionen, Manipulationen, Geschenke, Bestechung, Versprechungen
 So beschreibt Hans-Joachim Maaz den Narzissmus in seinem Buch Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm, MĂŒnchen 2014. Maaz schreibt auch ĂŒber die hohe KrĂ€nkbarkeit der Narzissten und fĂŒhrt diese auf einen Mangel an Selbstliebe zurĂŒck.

Über diese Sicht auf Narzissmus habe ich 2016 bereits einen Blog-Artikel geschrieben. Meine in der Zwischenzeit gewonnenen neuen Einblicke machen aber eine Aktualisierung dieser Sichtweise nötig. Dazu muss ich ein wenig weiter ausholen:

Meine Geschichte mit Narzissmus und HochsensibilitÀt

Ich entstamme einer Familie, in der, wie ich heute rĂŒckblickend weiß, Narzissmus weit verbreitet ist. Viele dieser Menschen sind auch von HochsensibilitĂ€t betroffen. Auch spĂ€ter hatte ich es viel mit narzisstisch gestörten Menschen zu tun, sodass man sagen kann, dass dies eines meiner großen Lebensthemen ist.

Besonders tiefe Einblicke in das Thema Narzissmus und HochsensibilitÀt durfte ich erwerben, als sich jemand aus meinem privaten Umfeld um Hilfe an mich gewendet hat. Nach lÀngerer (unentgeltlicher) Arbeit an diesen Schwierigkeiten stellte sich heraus, dass Narzissmus dahinter steckt. Auch diese Person ist eindeutig von HochsensibilitÀt betroffen, weist also beides auf.

Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass es diesem Menschen so wichtig war, seine Probleme zu lösen, dass er bereit dazu war, seinen Narzissmus anzugehen. So etwas geschieht Ă€ußerst selten, da die von Narzissmus Betroffenen ja stĂ€ndig auf Hebung ihres SelbstwertgefĂŒhls aus sind und eine solche Innenschau dem völlig widerspricht.

Bei der Arbeit mit dieser Person ist mir aufgefallen, dass die gĂ€ngige Sicht auf Narzissmus, wie ich sie oben beschrieben habe, von Außenstehenden geprĂ€gt ist. Wenn man mit einem Betroffenen arbeitet und dieser berichtet, was in ihm vorgeht, ergibt sich ein anderes Bild. Über diese seltenen Einblicke möchte ich in der Folge schreiben, weil ich hoffe, dass dieses tiefere VerstĂ€ndnis von Narzissmus und HochsensibilitĂ€t fĂŒr viele hilfreich sein könnte.

Narzissmus aus der Sicht eines Betroffenen

So hat es mir der vom Narzissmus Betroffene in mehreren GesprÀchen beschrieben, die ich hier zusammenfasse:

Im Vordergrund stand bei ihm ein extrem hohes SchamgefĂŒhl. Seine Scham war so groß, dass er alles um sich herum vergessen hat. Aufgrund dessen kreiste er nur noch um sich selbst. Bin ich ein „schlechter“ oder ein „guter“ Mensch? Ein „schlechter“ Mensch zu sein, wĂŒrde ihn noch tiefer in die Scham treiben, deswegen musste der von Narzissmus Betroffene dies massiv mit allen Mitteln abwehren. Er war deshalb nicht zu Problemlösungen in der Lage. Meist gelang ihm diese narzisstische Abwehr.

Wenn der von Narzissmus Betroffene doch einmal an jemanden geriet, der diese Abwehr durchbrach und es schaffte, ihn tatsĂ€chlich mit einem Fehler zu konfrontieren, fĂŒhrte dies bei ihm zu einem psychischen Zusammenbruch. Denn das SchamgefĂŒhl wurde nun so ĂŒbermĂ€chtig, dass der von Narzissmus Betroffene jetzt in die Selbstentwertung ging und nur noch daran denken konnte, wie schlimm es ist, doch ein „schlechter“ Mensch zu sein.

Reue, Problemlösung oder Lernen aus dem gemachten Fehler waren dem von Narzissmus Betroffenen aber auch an dieser Stelle vollkommen unmöglich. Dazu hĂ€tte dieser Mensch zu seinem Fehler stehen können mĂŒssen, was ihm aber aufgrund seiner ĂŒbermĂ€ĂŸigen Scham nicht gelang. Außerdem hĂ€tte er in der Lage sein mĂŒssen, Selbstreflexion zu ĂŒben, um den Fehler abstellen zu können. Auch das ging nicht – dazu unten mehr.

Das GegenĂŒber, das doch so gern etwas geklĂ€rt hĂ€tte, blieb ratlos zurĂŒck und ging leer aus, trotz aller Selbstbezichtigungen des vom Narzissmus Betroffenen.

Der Teufelskreis des Narzissmus

Der vom Narzissmus Betroffene steckte in einem Teufelskreis fest: Da er alles vermied, was die Scham hĂ€tte steigern können, blockierte er jegliche Selbstreflexion. Denn diese hĂ€tte ja dazu fĂŒhren können, dass er Dinge an sich entdeckte, die seinen Selbstwert weiter gemindert hĂ€tten. Dadurch hatte der vom Narzissmus Betroffene keine Orientierung ĂŒber sich selbst, keine Möglichkeit, zu seinen Fehlern zu stehen und aus eigenen Fehlern zu lernen. Er blieb weit hinter seinem Potenzial zurĂŒck.

Da sich der vom Narzissmus Betroffene seinem SchamgefĂŒhl extrem ausgeliefert fĂŒhlte, empfand er sich als hochgradig verletzlich. Er hat sich deshalb schon frĂŒh in seiner Kindheit dazu entschieden, sich von niemandem mehr berĂŒhren zu lassen, um sich zu schĂŒtzen. Dadurch fehlte im der soziale Austausch, der nötig ist, um sich selbst kennen zu lernen. Er verlor noch mehr die Orientierung.

Der vom Narzissmus Betroffene war also in mehrfacher Hinsicht abgekapselt: Abgekapselt von sich selbst durch die Blockierung der Selbstreflexion, abgekapselt von anderen, die er nur als potenzielle Bedrohung seines Selbstwerts sah und die er unbedingt dazu bringen „musste“, Dinge zu tun, die diesen steigerten.

Dass diese Haltung im Grunde genommen menschenverachtend ist, wurde dem von Narzissmus Betroffenen erst in Nachhinein schmerzlich bewusst. Zuvor war er so sehr mit der Abwehr von Scham beschĂ€ftigt gewesen, dass ihm dies völlig verborgen geblieben war: Er hatte sich als das Opfer, als bedroht von der Außenwelt, gefĂŒhlt.

HochsensibilitÀt und Narzissmus

Aufgrund dieser GesprĂ€che mit dem von Narzissmus Betroffenen denke ich nicht mehr, dass mangelnde Selbstliebe die Ursache des Narzissmus ist. FĂŒr mich steht das extrem starke SchamgefĂŒhl im Vordergrund. Dass dadurch die Selbstliebe beeintrĂ€chtigt wird, ist fĂŒr mich nur die Folge des ursĂ€chlichen SchamgefĂŒhls.

Wenn meine Annahme stimmt, dass ein unertrĂ€glich großes SchamgefĂŒhl die eigentliche Ursache des Narzissmus ist, verwundert es nicht weiter, dass es nach meiner Beobachtung unter vom Narzissmus Betroffenen ĂŒberdurchschnittlich viele Hochsensible gibt. Denn bei HochsensibilitĂ€t nimmt man ja alle GefĂŒhle intensiver wahr. Ein großes SchamgefĂŒhl wird so noch schneller unertrĂ€glich und treibt einen in die Narzissmus-Falle.

GerĂ€t ein hochsensibler Mensch in die Narzissmus-Falle, wird er*sie die Gabe der HochsensibilitĂ€t zur narzisstischen Scham-Abwehr nutzen. Diese von Narzissmus und HochsensibilitĂ€t Betroffenen sind sehr gut dazu in der Lage, zu manipulieren, Nadelstiche zu setzen etc. weil sie ja aufgrund ihrer FeinfĂŒhligkeit die Schwachstellen ihrer Mitmenschen besonders gut erkennen.

Das in der HochsensibilitÀts-Szene weit verbreitete Argument, dass man bei HochsensibilitÀt doch besonders empathisch sei und dies dem Narzissmus entgegenstehe, ist meines Erachtens falsch. Der*die von Narzissmus und HochsensibilitÀt Betroffene ist genauso empathisch. Er*sie nutzt diese Empathie jedoch zur narzisstischen Scham-Abwehr und schadet deswegen anderen damit, statt ihnen zur Seite zu stehen. Von daher hilft eine hohe Empathie leider nicht gegen Narzissmus.

Narzissmus ist eine Strategie, um in einer narzisstischen Umgebung zu ĂŒberleben

Es wenden sich immer wieder Klient*innen an mich, die sagen, sie seien „Opfer“ von Narzissmus geworden. Da gibt bzw. gab es dann den „bösen“ Narzissten im engeren Umfeld, unter dem man fĂŒrchterlich gelitten hat. Ja, das stimmt, man leidet fĂŒrchterlich. Doch leider bleibt man kein Opfer.

Denn wenn man am laufenden Band fĂŒr den Selbstwert eines anderen entwertet, manipuliert und instrumentalisiert wird, dabei eingeschĂŒchtert wird und jede Menge Schuldzuweisungen abbekommt, fĂŒhrt dies zu einem massiven Einbruch des SelbstwertgefĂŒhls und damit zu vermehrten SchamgefĂŒhlen. Um diese zu regulieren, brauchen wir dann selbst wieder Dinge, die unseren Selbstwert heben. Und damit entwickeln wir dann selbst auch narzisstische ZĂŒge.

Wenn also jemand „Opfer“ von Narzissmus geworden ist, sind zwei Dinge wichtig: Erstens natĂŒrlich die seelischen Belastungen zu ĂŒberwinden, die das Zusammenleben mit dem von Narzissmus Betroffenen mit sich gebracht haben. Zweitens aber eben auch, die eigenen narzisstischen Anteile, die man gezwungen war, zu entwickeln, zu erkennen und aufzulösen.

In 3 Schritten ‚raus aus der Narzissmus-Falle

Solltest du aufgrund dieses Artikels narzisstische ZĂŒge an dir entdeckt haben, zeige ich dir jetzt, wie es dem von Narzissmus und HochsensibilitĂ€t betroffenen Menschen aus meinem privaten Umfeld (mithilfe meiner unentgeltlichen UnterstĂŒtzung) gelungen ist, sich aus dem Teufelskreis des Narzissmus zu befreien. Dazu sind im Wesentlichen 3 Schritte nötig:

Schritt 1: Übung zum Auflösen von SchamgefĂŒhlen

Als allererstes brauchst du eine Achtsamkeit dafĂŒr, wofĂŒr du dich schĂ€mst, in welchen Situationen aus der Vergangenheit du dich besonders geschĂ€mt hast und wie es um deine gegenwĂ€rtigen SchamgefĂŒhle steht. Diese SchamgefĂŒhle musst du als erstes auflösen bzw. zumindest auf ein ertrĂ€gliches Maß reduzieren! Nur so hast du eine Chance, deine narzisstischen Anteile zu knacken.

Dazu gibt es eine einfache, schnelle und effektive NLP-Übung zur Auflösung von Scham (NLP= Neurolinguistisches Programmieren):

  • Erinnere dich an eine Situation, in der du dich sehr geschĂ€mt hast.
  • Wie siehst du dich in dieser Situation, wie dein GegenĂŒber? Ist da etwas anders als in der RealitĂ€t? Bei Scham ist es meist so, dass du dich kleiner siehst und dein GegenĂŒber grĂ¶ĂŸer. Es kann aber auch sein, dass du dich dicker siehst oder sonst eine unangenehme Eigenschaft von dir ĂŒberzeichnet ist.
  • Mache dich in deinem Bild nun mindestens lebensgroß. Du kannst auch damit experimentieren, dich sogar noch grĂ¶ĂŸer zu machen. (Im anderen Fall machst du dich dĂŒnner bzw. entfernst die sonstige unangenehme Eigenschaft, die ĂŒberzeichnet war.)
  • Achte nun darauf, wie sich dein SchamgefĂŒhl verĂ€ndert hat! Bei vielen Menschen ist es nun ganz verschwunden. Zumindest aber ist es auf ein aushaltbares Maß reduziert.

FĂŒhre diese Übung fĂŒr alle Erinnerungen durch, in denen du dich sehr geschĂ€mt hast! Dann achte unbedingt darauf, wie du in der Gegenwart auf bestimmte Situationen reagierst. Immer wenn Scham auftritt, machst du sofort diese Übung. Die Verminderung von Scham verschafft dir den Spielraum fĂŒr die nötige Handlungsfreiheit. Nur so können dir auch Schritt 2 und 3 gelingen!

Schritt 2: Entscheide dich, dich wieder zu öffnen

Dein SchamgefĂŒhl, das zuvor unertrĂ€glich gewesen war, hat dich sicherlich dazu gebracht, dich anderen gegenĂŒber zu verschließen. Forsche nach, ob du irgendwann einmal die Entscheidung getroffen hast, dich nie wieder anderen zu öffnen, um nicht weiterhin so verletzt zu werden. Auch wenn es erst einmal nicht so aussieht, hast du letztlich die Kontrolle darĂŒber. Es ist deine Entscheidung, ob du dich öffnest oder nicht. Entscheide dich jetzt bewusst dafĂŒr, dich anderen wieder zu öffnen.

Wenn dir das noch nicht gelingen sollte, ist deine Schamverletzung vielleicht noch zu groß. Schaue, was evtl. noch tiefer sitzt und wiederhole die Übung aus Schritt 1.

Es kann sein, dass es erst einmal schmerzlich ist, dich wieder zu öffnen. Dinge, die du im abgekapselten Zustand wegschieben konntest, werden dich nun wieder unvermittelt berĂŒhren. Das ist vollkommen in Ordnung. Akzeptiere das, bleibe trotzdem offen! Es wird mit der Zeit besser und du wirst von einer ganz neuen Verbundenheit mit den Menschen, die du liebst, belohnt.

Schritt 3: Selbstliebe praktizieren

Wenn du narzisstische ZĂŒge an dir entdeckst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du selbst zumindest einen Elternteil hattest, der von Narzissmus betroffen war. Du hast diese ZĂŒge dann entwickeln mĂŒssen, um deinen Selbstwert wieder zu heben. Auch wenn es dir nicht gefĂ€llt, diese narzisstischen ZĂŒge an dir zu entdecken, bist du doch ein wertvoller Mensch! Deine Bereitschaft, aus dem narzisstischen Teufelskreis auszusteigen, der sich meist ĂŒber Generationen hinzieht, ist der beste Beweis dafĂŒr.

Wenn deine Eltern selbst von Narzissmus betroffen waren, hast du nicht gelernt, dich selbst zu lieben. Das lernt man nĂ€mlich von seinen Eltern und deine haben das nicht gekonnt. Das ist ein weiteres Problem, das dich immer wieder in die Entwertung und in die Überforderung treibt! Du denkst dann nĂ€mlich, dass du etwas besonderes sein, darstellen oder leisten musst, um liebenswert zu sein. Dein Wert an sich hat aber nichts damit zu tun, was du leistest, sondern besteht einfach nur so, weil du auf der Welt bist. Mehr dazu erfĂ€hrst du hier:

Jeder ist ein Geschenk oder vom Wert des Menschen

Du kannst ĂŒber Selbstliebe-Übungen nachtrĂ€glich noch lernen, dich zu lieben. DarĂŒber habe ich schon zwei Blog-Artikel geschrieben:

HochsensibilitÀt, Selbstliebe und Energie

Entspannung und Selbstliebe: die Metta-Meditation

Dort findest du einige Selbstliebe-Übungen. Probiere einfach aus, womit du dich wohlfĂŒhlst! Übe 5 x tĂ€glich 1-2 Minuten, also lieber oft und kurz als selten und lang. Damit gibst du deinem Gehirn immer wieder Lern-Impulse. Solltest du dich geschĂ€mt haben, irgendeiner Kritik oder Herabsetzung ausgesetzt gewesen sein, gib dir sofort eine Portion Selbstliebe!

Was tun, wenn jemand in deinem Umfeld von Narzissmus betroffen ist?

In der Regel wirst du kaum etwas tun können. Sorge fĂŒr deinen eigenen Schutz und ziehe deine Konsequenzen! Das, was ich erlebt habe, dass jemand tatsĂ€chlich bereit ist, aus dem Teufelskreis des Narzissmus auszusteigen, kommt extrem selten vor.

Es ist auch sehr unwahrscheinlich, da dieser Teufelskreis leider ziemlich stabil ist: UnfĂ€higkeit zur Selbstreflexion, Abkapselung, die das weiter verstĂ€rkt, unertrĂ€gliche SchamgefĂŒhle, die man sich aber aufgrund der mangelnden Selbstreflexion nicht eingestehen kann, daraufhin weitere Abkapselung und Verweigerung jeglicher Selbstreflexion
 Du kannst niemanden aus diesem Teufelskreis befreien! Der von Narzissmus betroffene Mensch muss es selbst merken und es von sich aus wollen.

In der Zusammenarbeit mit meinen Klient*innen stoßen wir immer wieder auf von Narzissmus betroffene Bezugspersonen in der Herkunftsfamilie und verbunden damit auch auf narzisstische Anteile, die meine Klient*innen gezwungen waren zu entwickeln. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das bei dir auch der Fall ist, wenn jemand dir Nahestehendes von Narzissmus betroffen ist! Schaue, was bei dir ist und löse es so auf, wie ich es in diesem Artikel beschrieben habe. Das ist das Beste, was du tun kannst.

Nachtrag: Die Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ gibt es nicht mehr

Eben, am gleichen Tag der Veröffentlichung dieses Artikels, habe ich ĂŒber den Hinweis einer Facebook-Leserin erfahren, dass die Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ in der neuen ICD 11, die am 1.1. 2022 in Kraft trat, weggefallen ist. Grund dafĂŒr war, dass das Modell der verschiedenen Persönlichkeitsstörungen Schubladen darstellte, in die die Menschen einfach nicht richtig passten. Man wollte psychiatrische Diagnosen deshalb flexibler gestalten und besser an den individuellen Fall anpassen können. Es soll mehr auf die Betroffenen gehört und gezielter geholfen werden. Nachteil ist eine höhere Beliebigkeit.

Diese Entwicklung hat sich quasi genau mit meinem Blog-Artikel ĂŒberlappt und deckt sich exakt mit meinem Empfinden, dass zu viel schubladisiert und zu wenig auf Betroffene gehört wurde. Mehr dazu kannst du hier auf Deutschlandfunk.de nachlesen:

Psycho-Revolution – Neustart fĂŒr die Diagnosen der Psychiatrie

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4 Gedanken zu „HochsensibilitĂ€t und Narzissmus – eine neue Sicht“

  1. Liebe Anne-Barbara, was du hier so dezidiert beschreibst deckt sich sehr mit einigen meiner Erfahrungen und erscheint höchst plausibel. Vielen Dank fĂŒr diesen gut verstĂ€ndlichen und ein weiteres Mal die Opfer-TĂ€ter-Dynamik Beleuchtungen Artikel. Herzlichst, Anja

    Antworten
  2. Das mit dem SchamgefĂŒhlen kenne ich sehr gut, leider, und ich kann nachvollziehen, wieso jemand sich eine Mauer baut, um das nicht mehr bewusst zu spĂŒren. Kann mir vorstellen, dass es manchen Menschen davon abhĂ€lt, selbstzerstörerische Gedaken zu entwickeln.

    Ich frage mich auch, ob eins der GrĂŒnde warum so wenige Narzissten es schaffen den Narzissmus nicht mehr zu brauchen ist, mit welcher Verachtung wir als Gesellschaft mit der Störung umgehen. Es gibt z.B. auf Youtube viele Videos wo erklĂ€rt wird wie man sich von solchen Menschen schĂŒtzen kann, aber gleichzeitig werden die oft als empatielose Monster dargestellt. Mit so einer Darstellung kann ich mir denken, dass es fĂŒr ein Narzissten noch schwerer wird, sich zu befreien.

    Antworten
    • Liebe Anna,

      vielen Dank fĂŒr deine Gedanken! Du triffst es auf den Punkt – durch all diese Darstellungen wird die Stigmatisierung der Betroffenen nur noch grĂ¶ĂŸer und es wird noch weniger leicht, aus dem Teufelskreis auszusteigen. Dabei ist es viel wichtiger, auf die eigenen narzisstischen Anteile zu schauen, die wir entwickeln mussten. Schon allein, weil wir in dieser Leistungsgesellschaft leben…

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Anne-Barbara

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